Wuligers Woche

»Gerade ihr als Juden ...«

Es gibt Gründe, für oder gegen eine offene Flüchtlingspolitik zu sein. Aber jüdische Gründe, die gibt es nicht. Foto: Thinkstock

Nein, zur Flüchtlingsdiskussion will ich hier nichts sagen. Schon weil mir in dieser Frage keine klare Position gelingt. Ich bin, wie viele andere wahrscheinlich auch, hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl und praktischer Vernunft.

Nur eines weiß ich sicher: Die Debatte hat stellenweise einen Zungenschlag, der mir suspekt ist. »Gerade ihr als Juden müsstet doch …«, lautet oft das Argument, mit dem die Befürworter offener Grenzen unsereins als Bündnispartner, nein, nicht gewinnen, sondern fast einverleiben wollen, garniert mit schiefen historischen Vergleichen.

»Lager« Da werden aus Transitzentren, wie die EU sie einrichten will, rasch »Lager«, gern mit vorgesetztem K. Flüchtlingsboote im Mittelmeer setzt man gleich mit der Irrfahrt der »St. Louis« 1939, deren 900 deutsch-jüdische Passagiere nirgends auf der Welt einreisen durften. Auch Anne Frank fehlt nicht, die, ist zu lesen, nicht in Bergen-Belsen umgekommen wäre, hätten die USA ihrer Familie 1938 Visa erteilt.

»Gerade ihr als Juden müsstet doch …« Das kommt scheinbar empathisch daher. Tatsächlich hat es eher etwas von moralischer Erpressung. Wobei die Moral absurd ist: Weil ihr gelitten habt, seid ihr im Soll. Schuldumkehr nennt das die Psychologie. Besonders gern gebraucht wird dieses Argument deshalb in Deutschland. Die Generation der Großväter hat Millionen unseres Volkes umgebracht; daher sollen die Nachkommen der Überlebenden ethisch verpflichtet sein, die politischen Positionen der Täterenkel zu unterstützen. Das geht schon ins Pathologische.

»Gerade ihr als Juden müsstet doch …« Vertreter jeder Richtung versuchen immer wieder, uns für ihre spezifischen Zwecke zu instrumentalisieren. Das geht von rechts bis links. So wie die »Refugees Welcome«-Fraktion meint, dass gerade wir als Juden zu ihr gehören müssten, erklärt die AfD, dass gerade wir als Juden dankbar zu sein haben, dass sie den politischen Islam bekämpft (auch wenn sie das primär natürlich nicht wegen des Antisemitismus tut).

Solidarität SPD und Linke glauben, dass gerade wir als Juden auf ihre antifaschistische Seite gehören. Gerade uns als Juden reklamiert die CDU für sich, weil sie Israel unterstützt. Selbst manche BDSler fordern unsere Solidarität ein: »Gerade ihr als Juden müsstet doch …«

Nein, müssen wir nicht. Daraus, dass wir Jahrtausende lang diskriminiert, verfolgt und massakriert wurden, folgt nur eines: dass wir selbst dafür sorgen, dass uns so etwas nie wieder geschieht. Davon abgesehen wählen wir unsere politischen Standpunkte wie alle andere Leute – nach Interessen, Sympathien und, ja, gelegentlich auch Vorurteilen. Es gibt Gründe, für eine offene Flüchtlingspolitik zu sein. Es gibt ebenso Gründe für Restriktionen bei der Einwanderung. Aber jüdische Gründe, die gibt es nicht.

Washington D.C.

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