Terror

Gefahr für alle

Terror in Brüssel: Mehr als 30 Menschen kamen bei Anschlägen am Flughafen und an einer U-Bahn-Station ums Leben. Foto: dpa

Terror ist terrorisierend. Dieser Effekt wurde an diesem Dienstag in Brüssel wieder deutlich. Die Anschläge dort waren eben nicht nur wegen der mehr als 30 Toten und 230 Verletzten so schockierend, sondern auch, weil die Ziele wahllos ausgewählt schienen. Je mehr Menschen damit rechnen müssen, Ziel terroristischer Angriffe zu werden, desto terrorisierender ist Terror.

Dabei müssen wir davon ausgehen, dass wir hier in Europa erst am Beginn einer neuen Terrorwelle stehen. Sie ist eine Bedrohung – nicht zuletzt für die Juden Europas. Es wird weiterhin Angriffe auf Ziele geben, die ins ideologische Schema der Dschihadisten passen. Dazu gehören auch Synagogen, jüdische Gemeindeeinrichtungen oder Geschäfte.

syrien Meine Prognose klingt deshalb bedrohlich, weil sie es ist: Dschihadisten bedrohen Europa als Ganzes, die Wurzel der neuen Terrorismuswelle ist die Krise in Syrien und im Irak. Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Was im Nahen und Mittleren Osten passiert, hat unmittelbare Konsequenzen für die Sicherheit in Europa. Auch wenn die Mehrheit der dschihadistischen Bewegung im Nahen Osten aktiv ist und dort zahlenmäßig erhebliche Zuwächse verzeichnen kann, waren die Anschläge von Paris, Kopenhagen und jetzt in Brüssel ein dramatischer Hinweis darauf, was sich in Zukunft auf den Straßen Europas abspielen wird.

In den vergangenen drei, vier Jahren haben wir eine ungewöhnlich starke Mobilisierung von Dschihadisten erlebt. Es gibt Unterstützer des Islamischen Staates, die hier leben und für die der Islamische Staat als Inspiration und Utopie dient. Um dies klarzustellen: Es geht nicht um »die Muslime« oder »den Islam«. Es geht um eine Minderheit, die den Islam für sich in Anspruch nimmt. Ich sage nicht: Das hat mit dem Islam überhaupt nichts zu tun. Aber es hat nichts mit dem Islam zu tun, wie er von 99 Prozent der Muslime praktiziert wird.

Terrorismus ist nicht nur einfach Gewalt, sondern er ist Gewalt mit einem politischen Zweck. Es ist zu beobachten, dass terroristische Anschläge in einigen europäischen Ländern eine Art Polarisierung auslösen; dass sich die Terroristen gegenseitig hochschaukeln; dass rechte Parteien daraus Kapital schlagen; dass jüdische Gemeinschaften stark verunsichert sind und darüber nachdenken, Europa zu verlassen.

gesellschaftsmodell Das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Gesellschaftsmodell ist bedroht. Dieses Modell sah Europa als einen Kontinent, in dessen Demokratien Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft friedlich miteinander leben können. Dass sich Juden Gedanken machen, ob sie überhaupt in Europa bleiben können, ist eine dramatische Entwicklung und direkte Konsequenz terroristischer Bedrohung – deshalb ist es so wichtig, dass man sie bekämpft.

Wir sind es, die dafür sorgen müssen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion friedlich zusammenleben können. Wir müssen den Populisten entgegentreten, die versuchen, aus dieser Situation Kapital zu schlagen. Die Konsequenzen dieser Anschläge sind nicht nur die Opferzahlen. Es sind auch politische Konsequenzen: Werden wir uns in Europa polarisieren lassen? Werden wir es zulassen, dass unser Gesellschaftsmodell infrage gestellt wird? Wir müssen uns an diese Bedrohung gewöhnen. Dennoch sind wir keineswegs machtlos. Der Zweck des Terrors ist es, uns ein Gefühl der Machtlosigkeit zu vermitteln. Deswegen ist die wichtigste Antwort auf Terror, eine selbstbewusste Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

Doch das Problem in vielen europäischen Ländern ist die Abwesenheit einer systematischen Präventionsstrategie. Das gilt auch für Deutschland und Frankreich. Es kann nicht sein, dass 15 Jahre nach 9/11 Terrorismus- und Extremismusprävention immer noch ohne den notwendigen Enthusiasmus betrieben wird.

prävention In Paris etwa wird erst jetzt mehr Geld für Sicherheit ausgegeben, und Präventionsmaßnahmen, die bislang unmöglich schienen, werden beschlossen. Doch der elementar wichtige Datenaustausch funktioniert nach wie vor überhaupt nicht. Es gibt keine Datei, in der die Namen aller Auslandskämpfer, die nach Syrien gegangen sind, zusammengeführt werden. Das bedeutet, dass Kämpfer aus dem Islamischen Staat, die in Europa Anschläge planen, nach wie vor hier einreisen können – mit der großen Wahrscheinlichkeit, dass die Sicherheitsbehörden nichts davon bemerken.

In Sachen Aufbau und Struktur der Sicherheitsapparate, Technik, Aufklärung und Datensysteme kann Europa sehr viel von Israel lernen. Auch von der Art und Weise, mit Terror zu leben.

Fest steht: Die Situation ist gefährlich. Wer Demokratie und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in Europa bewahren will, braucht einen Präventionsansatz, der den Zusammenhang zwischen allen Formen der Radikalisierung versteht. Wir müssen vernünftig und besonnen reagieren. Denn das europäische Gesellschaftsmodell steht auf dem Spiel.

Der Autor ist Experte für islamistischen Terrorismus. Er lehrt am Londoner King’s College und hat 2015 das Buch »Die neuen Dschihadisten: ISIS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus« veröffentlicht.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Berlin

Amnesty International ruft Hamas zum Ende der Gewalt auf

Gewalt und außergerichtliche Hinrichtungen durch die Terrororganisation auch gegen Palästinenser kommen laut UN regelmäßig vor. Menschenrechtler fordern ein sofortiges Ende dieser Verbrechen

von Anna Mertens  21.08.2026

Erfurt

Deutsch-israelischer Jugendaustausch kommt nicht voran

Thüringens Antisemitismusbeauftragter Michael Panse sieht strukturelle und politische Gründe. Auch ein Austauschprogramm stockt

von Matthias Thüsing  21.08.2026

Wahlkampf der AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund

Magdeburg

Wie sich die AfD auf eine mögliche Regierung vorbereitet

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte der rechtsextremistischen AfD erstmals den Weg in eine Landesregierung öffnen. Mit Schulungen, einem Personalpool und Hilfe aus Österreich bereitet sie sich seit langem darauf vor

von Jörg Ratzsch  21.08.2026

Berlin

Bezirk prüft Entzug der Zulassung von antisemitischem Influencer als Berufsbetreuer

Auf Instagram verbreitet er Judenhass und Verschwörungsmythen, im Job soll er Berufstätige mit Herausforderungen betreuen. Passt das zusammen?

 21.08.2026

Iran-Konflikt

Nach Berichten über Missstände: US-Flugzeugträger »USS George Washington« löst Pannenschiff ab

Die »USS Abraham Lincoln« ist seit Monaten im Mittleren Osten eingesetzt und hat zuletzt wegen erheblicher Probleme an Bord Schlagzeilen gemacht. Nun ist ein neuer Flugzeugträger in der Region angekommen

 21.08.2026

Benjamin Graumann Jüdische Gemeinde Frankfurt

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026

Berlin/Brüssel/Jerusalem

Sieben Staaten und EU verlangen Stopp von Siedlungsprojekt im Westjordanland

Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und weitere Länder fordern Israel auf, die geplante Bebauung zu stoppen. Die EU bereitet offenbar ein Sanktionspaket vor

 21.08.2026

Khan Younis

Israel wirft Hamas Folter in Klinik vor

Die Terrororganisation soll ein Krankenhaus im Süden des Gazastreifens als Folterzentrale nutzen, um ihre Macht über die Bevölkerung auszubauen

 20.08.2026