Interview

»Gebt die Hoffnung auf«

Wladimir Kaminer Foto: picture alliance / dpa

Herr Kaminer, was macht Putins Scheinwahl mit Russen, die das Land verlassen haben?
Selbst nach zwei Jahren Krieg können viele Menschen diese Verwandlung ihres Landes nicht wirklich verkraften. Ich kenne Leute, sehr kluge Leute, die felsenfest davon überzeugt sind, dass es nicht mehr lange dauert, höchstens noch ein Jahr, weil dem Regime im Kreml die Luft ausgeht. Und ich kenne die anderen, die hundertprozentig vom Gegenteil überzeugt sind.

Und was hat die Wahl mit Ihnen persönlich gemacht?
Ich bin seit 1990 in Deutschland. Ich bin ein deutscher Schriftsteller. Ich habe nie auf Russisch geschrieben. Ich habe hier Kinder gemacht. Ich bin sehr interessiert an der Zukunft Deutschlands. Die Zukunft der Russischen Föderation interessiert mich nicht die Bohne. Ich habe natürlich großes Mitleid mit diesen großartigen, tollen Menschen, die jetzt zu uns gekommen sind. Aber das ist nicht mein Krieg. Und ich glaube, für die absolute Mehrheit der Russen auch nicht.

Wessen Krieg ist es?
Das ist der Krieg von Putin und seinen Freunden. Aber jetzt wird versucht, diesen Krieg an uns alle zu verteilen. An die Russen. An die Europäer. Auch an die Juden. Diese Wahl war nichts anderes als der Versuch der Machtzentrale, die Verantwortung für das, was sie gemacht haben, auf das ganze Land zu übertragen.

Was bleibt von Russland übrig im Exil?
Das Außenbild Russlands wurde durch den Krieg stark beschädigt. Dieser lustige Russe, dieser trinkfeste, Balalaika-Lieder singende Kosake, der vor allem bei den Ostdeutschen einen guten Stand hatte, ist weg vom Fenster, seitdem sie erfahren haben, dass er in seiner Freizeit Frauen und Kinder tötet. Und zwar auf absehbare Zeit.

Und die Kultur?
Die Bedeutung der Kultur wird für das Innenleben der Menschen ins Unermessliche steigen. Denn im Vakuum des politischen Lebens spielt die Kultur die Rolle des Dissidententums. So war das bei Václav Havel in Tschechien, und so war das in der Sowjetunion. Untergrundkultur dient als Ersatz für das politische Leben. Wir sind alle mit dieser Literatur und Kunst groß geworden. Das war unsere Sozialisierung in den 80ern. Erst als die kommunistische Diktatur zerschlagen wurde, mussten wir feststellen, dass sie nichts Besonderes war.

Haben Sie einen Rat für Menschen, die davon träumen, nach Russland zurückzukehren?
Man sollte versuchen, sich in der neuen Realität zurechtzufinden, und die Hoffnung aufgeben, dass sich in der Heimat irgendwann einmal vielleicht auch etwas zum Besseren wendet. Wenn man nur in einer Illusion lebt, ist das gesundheitsschädigend.

Mit dem Schriftsteller sprach Sophie Albers Ben Chamo.

Erwiderung

An allem sind ... oder, Herr Ahmetović?

Der SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetović, macht keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen in Nahost erklärt

von Sacha Stawski  02.06.2026

Teheran

Iran bereitet Beisetzung von Chamenei vor

Drei Monate nach Chameneis Tötung äußert sich erstmals ein Politiker im Iran zum geplanten Begräbnis und den Trauerfeiern in mehreren Städten

 02.06.2026

Teheran

Iran: Keine Gespräche mehr mit USA

Für den Iran gilt eine Waffenruhe im Libanon als Teil der Verhandlungen mit den USA. Jetzt berichten iranische Medien, dass wegen der Kämpfe dort Teheran nicht mehr mit Washington verhandelt

 02.06.2026

Berlin

Senat macht Weg für Yad-Vashem-Straße frei

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Auch ein Straßenabschnitt im Herzen Berlins soll den Namen der Gedenkstätte tragen

 02.06.2026

Berlin

Merz: Hisbollah muss »ihre Waffen niederlegen«

Der Bundeskanzler ruft zur Deeskalation im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon auf. Die schiitische Terrororganisation müsse sich entwaffnen, so der CDU-Politiker

 02.06.2026

Berlin

Bericht: Wenn die Hautfarbe in der Eisdiele zum Problem wird

Rassismus, Antisemitismus und andere Formen des Menschenhasses: 13.000 Mal beriet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2025 Menschen, die sich im Alltag benachteiligt oder gedemütigt sahen

von Verena Schmitt-Roschmann  02.06.2026

Epstein-Affäre

Cooper: Mandelson hätte nie Botschafter in USA werden dürfen

Die Berufung von Epstein-Freund Peter Mandelson zum diplomatischen Vertreter in Washington stürzte die britische Regierung in eine schwere Krise. Die britische Außenministerin meldet sich nun mit klaren Worten

 02.06.2026

Hannover

Zahl der antisemitischen Vorfälle auf Höchststand

Anders als nach früheren Eskalationen im Nahostkonflikt sei die Zahl antisemitischer Vorfälle anschließend nicht wieder zurückgegangen, sagt RIAS

 02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026