UNO

Francesca Albanese korrigiert umstrittene Holocaust-Aussage

Die UNO-Berichterstatterin Francesca Albanese Foto: picture alliance / LAPRESSE

Die UN-Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, hat eine umstrittene Äußerung über den Holocaust zurückgenommen. In einem Interview hatte sie behauptet, Juden seien in Konzentrationslagern auf dem Weg in die Gaskammern als »Muslime« bezeichnet worden. Nach Kritik von Holocaust-Gedenkstätten und anderen Organisationen räumte sie später ein, den Begriff »Muselmann« falsch verstanden zu haben.

Albanese hatte ihre ursprüngliche Aussage im Rahmen eines Interviews mit dem Lateinamerikanischen und Karibischen Gewerkschaftsbund CLATE gemacht. Sie verband die Erklärung mit einer weitergehenden Darstellung der Entstehung des Begriffs Antisemitismus. Dieser habe sich ursprünglich, so Albanese, nicht ausschließlich auf Juden bezogen, sondern auf Menschen aus dem Nahen Osten, die sie als »nicht-europäisch« und »nicht-weiß« beschrieb.

»Wenn das Wort ›Antisemitismus‹ geprägt wurde, bezog es sich auf jeden, der nicht europäisch war und aus dem Nahen Osten kam«, sagte Albanese. Daraus habe sich eine Form rassistischer Ablehnung des »Nicht-Weißen, des Nicht-Reinen, des Nicht-Christlichen« entwickelt, die später im Antisemitismus als Judenhass ihren Ausdruck gefunden habe.

Antijüdische Kampagnen

Für ihre Erklärung zog Albanese auch den Begriff »Muselmann« heran. Dieser Ausdruck wurde in nationalsozialistischen Konzentrationslagern für Häftlinge verwendet, die infolge von Hunger, Krankheit und Erschöpfung körperlich extrem geschwächt waren. Nach Angaben der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau handelte es sich dabei nicht um eine rassistische Bezeichnung der Nationalsozialisten für Juden.

Vielmehr konnten sowohl jüdische als auch nichtjüdische Gefangene als »Muselmänner« bezeichnet werden. Häftlinge in diesem Zustand starben häufig kurze Zeit später oder wurden zur Ermordung ausgewählt. Die genaue Herkunft des Begriffs ist laut der Gedenkstätte nicht abschließend geklärt.

Auch die Geschichte des Wortes Antisemitismus widerspricht Albaneses ursprünglicher Darstellung. Die International Holocaust Remembrance Alliance verweist darauf, dass der deutsche Publizist Wilhelm Marr den Begriff 1879 prägte. Er sollte ausdrücklich antijüdische Kampagnen und eine politische Bewegung bezeichnen, die sich gegen Juden richtete.

Hebräisch und Arabisch

»Antisemitismus« bezeichnete demnach von Beginn an Judenfeindschaft. Zwar ist »semitisch« als sprachwissenschaftlicher Begriff mit einer Gruppe von Sprachen verbunden, zu denen unter anderem Hebräisch und Arabisch gehören. Daraus lässt sich jedoch keine historische Bedeutung von »Antisemitismus« als allgemeiner Feindschaft gegen alle sogenannten semitischen Völker ableiten.

Nach der öffentlichen Kritik korrigierte Albanese ihre Darstellung. In einer Erklärung auf X schrieb sie, sie habe den Begriff »Muselmann« in den NS-Lagern falsch gelesen und daraus eine falsche Schlussfolgerung über die Entstehung des Wortes Antisemitismus gezogen.

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»Ich habe den Begriff ›Muselmann‹ (Muslim), der in den Lagern der Nazis für Häftlinge am Rande des Todes verwendet wurde, falsch verstanden und daraus fälschlicherweise geschlossen, dass der Begriff Antisemitismus ursprünglich den Hass auf alle semitischen Völker bedeutete«, schrieb Albanese. Tatsächlich sei er »gezielt geprägt worden, um den Hass auf Juden zu bezeichnen«.

Deutliche Kritik

Damit nahm sie ihre zentrale historische Behauptung ausdrücklich zurück. Ihre ursprüngliche Aussage, Juden seien beim Gang in die Gaskammern als »Muslime« bezeichnet worden, hatte zuvor bereits deutliche Kritik ausgelöst.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erklärte, der Begriff »Muselmann« sei keineswegs eine Bezeichnung gewesen, die ausschließlich für Juden verwendet wurde. Er sei unter den Häftlingen entstanden und habe Menschen beschrieben, die infolge der Lagerbedingungen dem Tod nahe waren. Der Begriff sei daher kein Beleg für eine Verbindung zwischen Juden und Muslimen in der nationalsozialistischen Rassenideologie.

Yad Vashem warf Albanese zudem vor, mit ihrer Darstellung die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu verfälschen. Die Sonderberichterstatterin solle sich zunächst gründlicher mit der Geschichte beschäftigen, die sie in ihren Äußerungen behandle, insbesondere mit der Entwicklung des nationalsozialistischen Antisemitismus und der Ideologie, die zum Holocaust führte.

UN Watch und Ron Prosor

Auch UN Watch kritisierte Albaneses Äußerungen. Die Organisation verwies darauf, dass selbst bei ihrer Darstellung der Verfolgung in den NS-Lagern die jüdische Dimension des Holocaust durch einen anderen Begriff ersetzt worden sei.

Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, reagierte ebenfalls auf Albaneses Äußerungen. In einem Beitrag auf X kritisierte er sowohl ihre Aussagen zum Begriff »Muselmann« als auch ihre Darstellung der Geschichte des Antisemitismus.

»Francesca Albanese hat es wieder geschafft. Jetzt erklärt sie uns, Juden auf dem Weg in die Gaskammern seien ›Muslime‹ genannt worden – und schreibt nebenbei auch noch die Geschichte des Begriffs Antisemitismus um«, schrieb Prosor.

Der Botschafter richtete seine Kritik anschließend auch auf den Umgang mit Albanese in Deutschland. »Und in Deutschland? Hier bekommt sie Bühnen in Kulturinstitutionen und Universitäten, um uns über Geschichte und Antisemitismus zu belehren«, schrieb er.

Für Prosor liegt das Problem damit nicht allein in den konkreten Äußerungen der UN-Sonderberichterstatterin. »Der Skandal ist längst nicht mehr nur, was Albanese sagt. Der Skandal ist, dass man ihr in Deutschland dafür immer noch den roten Teppich ausrollt«, erklärte der Botschafter. im

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