Pessach

Fest der Freiheit

»Du sollst es deinen Söhnen erzählen«: Jüdische Bildung ist ein Gebot auch für das Pessachfest. Foto: Flash 90

Freiheit ist das zentrale Thema des Auszugs aus Ägypten. Allerdings ist Freiheit in der biblischen Erzählung mehr als eine bloße Auswanderungsgenehmigung für versklavte Juden und gewiss kein Selbstzweck. Vielmehr erhielten unsere Vorfahren mit der Freiheit auch die Möglichkeit, eine neue Identität zu entwickeln. Wie die Tora zu erzählen weiß, war das ein langer und keineswegs reibungsloser Prozess. Zum Schluss aber konnte das Volk Israel seinen Glauben festigen und entwickelte eine großartige Zivilisation.

Wir dürfen diese Errungenschaft als Geschenk empfinden, welches unsere Vorfahren uns bereitet haben und das uns daher für immer mit ihnen verbindet. Unsere jüdische Identität ist das Band des jüdischen Volkes, welches über Raum und Zeit hinweg besteht. Doch steckt in diesem Geschenk zugleich eine große Verantwortung. Denn um diese Identität muss, wie ich meine, jede Generation von Juden auf ihre Weise kämpfen.

Auch das ist mit dem Gebot gemeint, jeder von uns müsse sich selbst so sehen, als sei er persönlich aus Ägypten ausgezogen. Nur die bewusste Wahrung und Festigung unserer Identität kann die Kette jüdischer Generationen in alle Zukunft sichern. Mit der Erinnerung an unseren Ursprung allein ist es noch nicht getan. Vielmehr muss diese Erinnerung Motivation für die aktive Gestaltung unserer jüdischen Zukunft sein.

generation Auch unsere heutige Generation ist aufgefordert, ein selbstbestimmtes jüdisches Leben zu führen und das Judentum für die kommenden Generationen zu sichern. Wir müssen unsere Tradition als eine Quelle von Kraft und Zuversicht begreifen. Synagogen und jüdische Einrichtungen müssen die jüdischen Werte, die wunderbare Ethik und Moral, aber auch die Leidenschaft für ein jüdisches Leben vermitteln.

Doch auch jeder Einzelne kann dazu beitragen, indem er entschlossen und begeistert das jüdische Leben gestaltet, in gegenseitiger Verantwortung und Solidarität. Wir haben hierfür nicht nur ein enormes, kreatives Potenzial in unserer Gemeinschaft, sondern auch alle individuellen Freiheiten, dieses Potenzial umzusetzen.

Diese Freiheit müssen wir zur Grundlage eines starken Judentums in Deutschland machen. Dazu gehört die Treue zu unseren Traditionen ebenso wie das Bewusstsein, als Juden eine weltumspannende Wertegemeinschaft zu bilden. Und selbstverständlich gehört dazu auch, dass wir immer wieder all denjenigen entgegentreten, die den Staat Israel vernichten wollen, die ihn dämonisieren und delegitimieren. Wir lassen bestimmt nicht zu, dass der jüdische Staat zum verfolgten »Juden« unter den Nationen degradiert wird. Auch das ist Teil unserer Identität.

stolz Für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland kann ich mit Stolz sagen, dass wir diese Herausforderungen mit Herz und Seele, mit Verstand und mit Erfolg meistern. Die zahlreichen Einrichtungen, die wir gerade in den beiden letzten Jahrzehnten aufgebaut haben, stellen jüdisches Leben auf eine feste Grundlage. Dafür hat sich der Zentralrat der Juden immer schon konsequent eingesetzt. Das hat natürlich auch mit der Zuwanderung aus der Ex-UdSSR zu tun. Uns war und bleibt klar: Wie der biblische Exodus war auch dieser Auszug – ohne die Parallele im Detail überstrapazieren zu wollen – erst der Anfang eines nachhaltigen und tragfähigen jüdischen Lebens, jedenfalls hier bei uns.

Leider müssen wir auch immer wieder denjenigen, die uns von außen unser jüdisches Leben beschränken wollen, entgegentreten. Das herausragende Beispiel des letzten Jahres ist die unselige Beschneidungsdebatte. An ihr hat sich aber nicht nur das Maß der Vorurteile und der unsäglichen Besserwisserei in zu großen Teilen der Gesellschaft, sondern am Ende auch unsere eigene Fähigkeit gezeigt, uns erfolgreich und entschlossen für ein selbstbestimmtes jüdisches Leben in diesem Land einzusetzen.

bildung Natürlich haben wir nicht vor, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Vor einigen Wochen erst hat der Zentralrat seine neue Bildungsabteilung auf den Weg gebracht. Zielpunkt der Initiative ist die Schaffung einer Jüdischen Akademie, die jüdische Bildung nachhaltig verbessert und auf ein neues Niveau zu bringen versteht. Diese Aufgabe steht ganz direkt im Einklang mit dem für Pessach so wichtigen Gebot »Du sollst es deinen Söhnen erzählen«.

Unsere Tradition und unsere Lehre sind seit Jahrtausenden unser geistiges und spirituelles Zuhause. Das Wissen um sie bleibt ein starkes Fundament unserer Identität. Dieses Fundament bauen wir nun weiter aus, doch wird auch dieses Projekt mit Sicherheit nicht der letzte Baustein sein. Wer jüdische Zukunft bauen will, darf die Werkzeuge niemals aus der Hand legen und muss immer wieder auch moderne Instrumente finden und erfolgreich einzusetzen versuchen.

Ich wünsche allen Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Deutschland und allen Juden in der Welt ein frohes Pessachfest. Pessach kascher we-sameach!

Geschichte

»Gedenken und Wissensvermittlung über die Schoa ist ein religiöses Gebot«

Zum 80. Jahrestag der Wannseekonferenz unterstreicht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, die Bedeutung von Gedenktagen

 19.01.2022

Hintergrund

Die Maschinisten des Völkermords

Am 20. Januar 1942 besprachen hochrangige NS-Funktionäre am Wannsee die systematische Ermordung von bis zu elf Millionen Juden Europas

von Verena Schmitt-Roschmann  19.01.2022

Oranienburg

Zentralrat der Juden gegen neuen Straßennamen

Die Benennung einer Straße in der Nähe des ehemaligen KZ Sachsenhausen nach Gisela Gneist stößt auf Kritik

 19.01.2022

27. Januar

Knesset-Präsident Mickey Levy redet im Bundestag

Zur Gedenkstunde an die Opfer des Nationalspzialismus spricht auch die Schoa-Überlebende Inge Auerbacher

 19.01.2022

Extremismus

Amadeu Antonio Stiftung warnt vor Symbolpolitik

Die Stiftung fordert, Telegram als Frühwarnsystem von Straftaten zu verstehen und gezielt die Strafverfolgung auszuweiten

 18.01.2022

Justiz

Saalverbot für BDS vor Gericht

Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte 2020 das Verbot gekippt. Die Landeshauptstadt München klagt nun gegen das Urteil

 18.01.2022

Berlin

»Jeder Einzelne trägt Verantwortung«

Bundespräsident Steinmeier hat an die Wannseekonferenz erinnert, auf der die Nationalsozialisten vor 80 Jahren den Völkermord an den Juden besprachen

 19.01.2022 Aktualisiert

Hagen

Nach Anschlagsplänen auf Synagoge: Anklage gegen 17-Jährigen

Dem Syrer wird die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen

 18.01.2022

Berlin

Steinmeier besucht Haus der Wannsee-Konferenz

Anlass ist der 80. Jahrestag der Konferenz, bei der organisatorische Fragen zur Ermordung der Juden Europas besprochen wurden

 18.01.2022