Wuligers Woche

Feigheit vor dem Feind

»In Maulheldentum war die deutsche Linke schon immer groß.« Foto: dpa

Wie viele Menschen bei der großen Anti-G20-Demo vor zwei Wochen in Hamburg mitmarschierten, ist umstritten. Die Veranstalter sprachen von 75.000, die Polizei bezifferte die Menge auf ein Drittel davon. Wie auch immer: Es waren jedenfalls deutlich mehr als voriges Wochenende in Themar. In die thüringische Kleinstadt kamen gerade mal 300 Personen, um gegen das dort stattfindende größte Neonazitreffen des Jahres zu protestieren, bei dem sich 6000 Rechtsextreme zu einem »Rock gegen Überfremdung«-Konzert trafen.

Eigentlich sollte das verwundern. Die deutsche politische Linke aller Richtungen definiert sich stets und vor allem als antifaschistisch. Das ist ihr selbst erklärter Markenkern. Faschismus wittern einige Linke so ziemlich überall: in der Flüchtlingspolitik und der Genderdiskriminierung, im Nahen Osten (dreimal darf man raten, in welchem Land) oder bei missliebigen Professoren. Und wann immer auch nur ein leiser Faschismusverdacht aufkommt, sind sie lautstark zur Stelle. Aber wenn wirkliche Nazis auftreten, lassen die sonst allgegenwärtigen Kämpfer gegen Rechts sich nicht blicken.

militant Vielleicht waren sie noch etwas übernächtigt von der geilen Party im Schanzenviertel. Oder es gab logistische Probleme. Themar liegt in der Provinz. Die Autobahn- und ICE-Verbindungen dorthin sind nicht die besten. Möglicherweise ist der Antifa auch schlicht entgangen, dass 6000 militante Neonazis sich in Themar treffen würden. Die Genossen waren eventuell zu sehr damit beschäftigt, die Berichte über ihre Hamburger Heldentaten in den Medien zu verfolgen, und haben den Naziaufmarsch glatt übersehen.

Es könnte natürlich auch sein, dass die in Hamburg noch so triumphal auftrumpfenden Linken sich schlicht nicht getraut haben, in Themar gegen notorisch gewaltbereite Rechtsextreme anzutreten. Die Auseinandersetzung mit denen wäre eventuell etwas riskanter verlaufen als die mit der Polizei, all deren Übergriffen zum Trotz. Der Begriff dafür heißt Feigheit.

Rationalisierungen – zu Deutsch: faule Ausreden – für ihr Versagen wird die radikale Linke natürlich, wie immer, parat haben: Man müsse Prioritäten setzen, wird es heißen. Die Bedrohung der Menschheit durch den globalen Kapitalismus in Gestalt der G20 sei ungleich größer als die durch ein paar Neonazis. Das wird all denen, die von Rechtsextremen, vor allem in Ostdeutschland, tagtäglich beleidigt, bedroht, zusammengeschlagen und auch getötet werden, ein Trost sein.

Juden Es gibt in Deutschland eine gefährliche extreme Rechte. Im Visier hat sie nicht nur Migranten und politische Gegner. Juden stehen auf der Feindesliste der Neonazis weit oben. Gegen diese Gefahr brauchen wir Verbündete. Die radikale Linke taugt dazu nicht. Dann lieber Staat und Polizei.

Immerhin, ein deutliches Zeichen hat die Antifa in Themar gesetzt. Am Straßenrand hatte sie, sozusagen in Vertretung, ein Pappschild aufgestellt: »Kein Fußbreit den Faschisten« war darauf zu lesen. In Maulheldentum war die deutsche Linke schon immer groß.

Hamburg

Wie ein iranischer Jude auf Israel und den Iran blickt

Armin Levy ist Jude, Perser und Hamburger. Bei den aktuellen Gesprächen zwischen den USA und dem Iran glaubt er nicht an echten Frieden. Warum er jedes Abkommen mit dem Mullah-Regime ablehnt

von Christiane Tauer  25.06.2026

Berlin-Neukölln

Martin Hikel rügt Bildungsstadträtin

Janine Wolter hatte auf Instagram die Story eines israelfeindlichen Aktivisten gepostet

 25.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026

Handel

Schiffsverkehr in Straße von Hormus normalisiert sich

Seit Monaten stecken Schiffe in der wichtigen Meerenge am Persischen Golf fest. Jetzt zeigen erste Auswertungen, dass sich der Verkehr normalisiert. Aber was war mit der Gefahr vor Seeminen?

 25.06.2026

Nahost

Oman: Keine Gebühren an der Straße von Hormus geplant

Aus Sicht der USA kann der Iran für die Passage der Straße von Hormus keine See-Maut verlangen – weder in den Verhandlungen über 60 Tage noch danach. Auch Maskat äußert sich in diese Richtung

 25.06.2026

Gutachten

Chancen für AfD-Verbotsantrag stehen gut

Eine Gruppe von Experten hat das Grundsatzprogramm der AfD, ihre Wahlprogramme und die Parlamentsanträge analysiert. Auch Äußerungen von Funktionären wurden für das Gutachten ausgewertet

 25.06.2026

New York

Hamas-Unterstützerin Aber Kawas gewinnt Vorwahlen in New York

Die palästinensisch-amerikanische Demokratin machte den Nahost-Konflikt und soziale Fragen zum Kernthema ihres Wahlkampfes

von Imanuel Marcus  25.06.2026

Brüssel

EU legt Mitgliedstaaten Konzept für Libanon-Einsatz vor

Die Mission soll die libanesische Polizei und Armee stärken. Stimmen Deutschland und die anderen Mitgliedstaaten zu?

 25.06.2026

Neuer Vorstand

Cerstin Richter-Kotowski übernimmt Vorsitz der DIG Berlin und Brandenburg

Die 64-jährige Juristin und Staatssekretärin löst Jochen Feilcke ab. Sie wurde mit großer Mehrheit in das Amt gewählt

 25.06.2026