Interview

Experte: »Das iranische Regime wird in absehbarer Zeit fallen«

Iraner fahren und laufen am Montag an einem überdimensionalen Bild des zwei Tage zuvor getöteten Regimeführers Ali Chamenei vorbei. Foto: picture alliance / via REUTERS

Herr Spaney, warum erfolgte der Schlag der USA und Israels gegen das iranische Regime am vergangenen Samstag?
Etliche Medienberichte und auch Aussagen vom israelischen Ex-Premier Naftali Bennett führen an, dass Iran damit begonnen hatte, seine Atomanlagen noch tiefer im Berg zu verstecken als bisher. Damit wären sie sogar für amerikanische Bunkerbrecher unerreichbar. Gleichzeitig erhöhte man die Geschwindigkeit beim Bau von ballistischen Raketen, die Israel erreichen können. Aus Sicherheitskreisen heißt es, im Juni 2025 hätte Iran die Hälfte seiner circa 3000 Raketen abgefeuert und mittlerweile das Arsenal schon wieder auf 2500 Raketen erhöht. Bei dieser Kapazitätssteigerung wäre ein späteres Eingreifen nur mit ungleich mehr israelischen Opfern möglich gewesen. Israel musste früher oder später diese existentielle Bedrohung ausschalten und hat sich jetzt dafür entschieden, um die Zahl der israelischen Toten zu minimieren. Trump konnte nach dem Versprechen der Hilfe an die Protestierenden und dem militärischen Aufmarsch nicht mehr ohne Gesichtsverlust einen schlechten Deal aushandeln, der die Atomgefahr nicht beseitigte.

Michael Spaney, Direktor des Mideast Freedom Forum BerlinFoto: privat

US-Präsident Donald Trump und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu haben deutlich gemacht, dass es ihnen im Krieg gegen den Iran neben weiteren Zielen auch um ein Ende des dortigen Regimes geht. Gibt es bereits Anzeichen, dass die islamistische Führung wankt?
Das iranische Regime war noch nie so schwach wie heute. Im Januar hat es die eigene Bevölkerung hingemetzelt und damit letztlich eher Todesmut bei den Protestierenden erzeugt als Resignation, wie man an den wieder aufflammenden Protesten sehen kann. Sein Proxy-Netzwerk, zu dem etwa die Hamas, die Hisbollah und die Huthi gehören, ist seit dem 7. Oktober 2023 eklatant geschwächt. Der 12-Tage-Krieg im Juni 2025 hat seine Verwundbarkeit gezeigt und nun haben die Luftschläge Israels und der USA schon nach zwei Tagen das Regime teilweise enthauptet und das Gros der Luftabwehr ausgeschaltet. Damit ist der Weg frei für eine mehrwöchige harte Bombardierung, nicht nur des Raketenprogramms und anderer Angriffskapazitäten Irans, sondern vor allem auch der Einrichtungen und Einheiten, die für die Repression innerhalb Irans verantwortlich sind, wie die Revolutionsgarden, die Polizei und die Geheimdienste. Das untermauert die Appelle Netanjahus und Trumps an die iranische Bevölkerung die Chance nach den Bombardierungen wahrzunehmen und das Regime dann abzusetzen, wenn es durch die Luftschläge am Boden liegt.

Kam der Angriff auf den Iran für die Protestbewegung im Land nicht zu spät?
Es wird zu Aufständen kommen, wenn die großflächigen Bombardierungen zu Ende sind. Die Opposition wird die Chance, die sich ihr durch die Schwächung des Regimes bietet, ergreifen. So eine Chance wird sich in absehbarer Zeit nicht mehr ergeben. Das wissen die Menschen im Iran.

Das Mullah-Regime hat sich in den vergangenen Jahren als stabiler erwiesen, als viele geglaubt hatten. Warum sollte es dieses Mal anders sein?
Es gibt dieses Mal ganz andere Voraussetzungen. Die stark geschwächte Achse des Widerstandes der Proxies habe ich erwähnt. Die Motivation der iranischen Bevölkerung ist heute eine andere. Sie wissen, dass die wirtschaftliche Misere nicht aufhören wird, solange die Mullahs an der Macht sind. Das heißt, zur regimekritischen Motivation kommt die absolute ökonomische Verzweiflung hinzu. Außerdem scheint es dieses Mal mit dem Schah-Sohn Reza Pahlavi eine Oppositionsfigur zu geben, hinter der sich eine Vielzahl von Regimegegnern versammeln kann. Sicherlich wurden die Nachfolger für viele führende Positionen im Iran schon von Chamenei bestimmt, aber laut Trump sieht man jetzt schon Absetzbewegungen. Und die Geheimdienste Israels und der USA haben die Sicherheitskräfte des Regimes unterwandert und können deren Kommunikation nachverfolgen. Sonst könnte man nicht die genauen Aufenthaltsorte der Führungsriege bombardieren. Die Schergen des Regimes können deswegen auch nur eingeschränkt kommunizieren. Offensichtlich kommt es deshalb zu Unterbrechungen der Befehlskette und zu Chaos.

»Die Voraussetzungen in Iran sind heute andere als bei den westlichen Interventionen in Libyen oder im Irak.«

Experten weisen immer wieder darauf hin, dass Angriffe aus der Luft allein nicht reichen, um ein Regime zu beseitigen. Welche Kräfte gibt es, die »on the ground« den Mullahs die Macht entreißen könnten? Gibt es Hinweise darauf, dass ethnische Minderheiten wie etwa die Kurden im Iran derzeit bewaffnet werden?
Es stimmt, dass dies ein Experiment mit offenem Ausgang ist. Jeder Krieg hat seine Unwägbarkeiten. Aber die Voraussetzungen in Iran sind heute andere als zum Beispiel bei den westlichen Interventionen in Libyen oder im Irak. Die Bevölkerung ist in seiner Anti-Regime-Haltung viel geeinter und kämpft auch seit Jahrzehnten unter hohen Opferzahlen gegen die Repression. Umfragen zeigen immer wieder auch eine prowestliche Haltung einer Mehrzahl der Iraner und Iranerinnen. Aktuell ablesen lässt sich das an den Freudentänzen bei der Nachricht vom Tod Khameneis. Ein Volksaufstand im Iran muss natürlich materiell unterfüttert werden. Es existieren bereits Schmuggelrouten, zum Beispiel für Starlink-Endgeräte und für leichte Waffen. Das ließe sich ausbauen und wird sicherlich von den Akteuren bedacht. Kurden und Belutschen sind teilweise bereits bewaffnet, was Vorfälle in der Vergangenheit schon gezeigt haben. Ob damit die Übermacht des Regimes gebrochen werden kann, hängt von dessen Schwächung durch Israel und die USA und dem Skalieren der Waffenlieferungen ab.

Droht dem Iran womöglich ein jahrelanger Bürgerkrieg wie zum Beispiel in Syrien?
Man kann ein solches Szenario nicht ausschließen. Aber ist es wahrscheinlich? Ich glaube nicht. 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung lehnen das Regime ab. Sie haben genug gelitten. Sobald der Repressionsapparat mit äußerer Hilfe am Boden liegt, werden die Iraner und Iranerinnen ihre Selbstbestimmung in die eigene Hand nehmen.

Was wäre aus israelisch-amerikanischer Perspektive das Best-Case-Szenario der kommenden Wochen?
Eine große Absetzbewegung hochrangiger iranischer Kräfte wäre hilfreich für eine schnelle Beendigung des Krieges. Kommt es dazu nicht, muss der Boden so bereitet werden, dass die Oppositionskräfte nach der militärischen Intervention die Macht erlangen können und nach einer Übergangsphase ihre eigene Führung wählen. Wenn der Iran eine demokratische Entwicklung nimmt, lässt sich sogar vorstellen, dass ein Beitritt zu den Abraham-Abkommen nicht ausgeschlossen ist. Natürlich ist das ein Traum-Szenario. Aber es kommt bei allem darauf an, dass der Regime-Change gelingt. Ich bin der Meinung, selbst wenn er jetzt nicht kommt, wird er früher oder später stattfinden. Der Aufstand im Iran wird nicht aufhören.

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Und der Worst-Case? Ist es denkbar, dass sich das Regime in Teheran hält und künftig noch repressiver nach innen und aggressiver nach außen verhält?
Ich war immer der Ansicht, das Regime kann sich nur halten, wenn Trump einen schlechten Deal mit den Mullahs macht. Dies scheint vom Tisch. Er möchte nicht wie Obama dastehen und seine eigenen roten Linien nicht berücksichtigen. Zu den Prognosen einiger Sicherheitsexperten, dass nun eine Militärdiktatur der Revolutionsgarden folgen würde, kann ich nur sagen, dass allen Aussagen Israels und den USA nach genau diese Kräfte nun unter vollem Beschuss stehen. Warten wir noch ein bis zwei Wochen ab. Dann erst kann man seriös einschätzen, ob diese Schwächung gelingt.

US-Präsident Trump behauptet, die verbliebene iranische Führung wolle jetzt verhandeln. Gibt es für Diplomatie überhaupt noch einen Spielraum nach den Ereignissen der vergangenen Tage?
Ali Laridschani, der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates, der nun offensichtlich die mächtigste Figur im Iran darstellt, hat am Montag dieses Angebot wieder zurückgezogen. Offensichtlich herrscht jetzt schon Chaos in der iranischen Führung. Dies sollte man weiter ausnutzen. Vielleicht sind wir weiter, als wir denken. Meine Hoffnung ist groß, dass in absehbarer Zeit das iranische Regime fällt.

Die Fragen an den Direktor des Mideast Freedom Forum Berlin stellte Joshua Schultheis.

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