Hans Scholl

»Es lebe die Freiheit!«

Hans Scholl (1918–1943) Foto: dpa

Hans Scholl

»Es lebe die Freiheit!«

Vor 100 Jahren wurde der NS-Widerstandskämpfer und Mitgründer der »Weißen Rose« geboren

von Achim Schmid  21.09.2018 08:35 Uhr

Bereits bei seiner Geburt sorgte Hans Scholl für Aufsehen: Mit zwölf Böllerschüssen wurde der württembergischen Gemeinde Ingersheim an der Jagst am 22. September 1918 kundgetan, dass im Hause ihres Bürgermeisters Robert Scholl ein Junge zur Welt gekommen war. Hans sollte nur 24 Jahre alt werden. Der Mitgründer und Kopf der studentischen Widerstandsgruppe »Weiße Rose« wurde 1943 von den Nazis ermordet.

Seine Kindheit war behütet. 1920 zieht Hans mit den Eltern und seiner älteren Schwester Inge ins romantisch gelegene nordwürttembergische Forchtenberg, wo sein Vater Ortsvorsteher wird. In schneller Folge kommen vier weitere Kinder zur Welt, darunter Sophie Scholl, die wie ihr Bruder Hans später in den Widerstand gegen das NS-Regime geht.

Glauben Prägend für die Geschwister Scholl waren die Eltern: Der Vater Robert war ein liberaler Kulturprotestant, der sich von den sonntäglichen Gottesdiensten fernhielt. Die Mutter Lina, eine ehemalige Diakonisse, lebte in einem tief gegründeten christlichen Glauben, den sie auch an ihre Kinder weitergab.

»Sie lehrte uns beten«, erinnerte sich Tochter Inge Aicher-Scholl. Die Scholl-Geschwister wuchsen in liebevoller Betreuung, aber gleichzeitig auch in großer Freiheit in dem abgeschiedenen Forchtenberg auf, das nur durch eine gelbe Postkutsche mit der Außenwelt verbunden war.

Die Idylle in Forchtenberg mit sommerlichem Schwimmen im Flüsschen Kocher und winterlichem Schlittschuhlaufen fand 1929 ein Ende: Vater Robert wurde als Bürgermeister abgewählt, die Familie zog nach Ulm, wo Robert Scholl als Steuerberater eine neue berufliche Existenz fand.

Zäsur Die »Machtergreifung« der Nazis 1933 war auch für die Familie Scholl eine große Zäsur und führte zu einem schweren Konflikt zwischen den älteren Kindern Inge und Hans und den Eltern. Während der Vater aus seiner Ablehnung des NS-Regimes keinen Hehl machte und sich die Mutter in eine Art innere Emigration zurückzog, wurde Sohn Hans ein begeisterter Hitler-Junge, wie Jakob Knab in seiner kürzlich erschienen Hans-Scholl-Biografie schreibt.

Schon nach kurzer Zeit machte der junge Mann, der auch der ideologiefreien bündischen Jugend zugetan war, eine steile Karriere in der Hitler-Jugend: Er wird Fähnleinführer und damit der Chef von 120 HJ-Jungen. Als Belohnung für sein Engagement wird Hans 1935 als einer der drei Fahnenträger der HJ-Ulm für den NS-Reichsparteitag in Nürnberg auserkoren.

Von dem Reichsparteitag kommt er jedoch ernüchtert zurück. Die Gleichschaltung und die platte NS-Ideologie gehen ihm offensichtlich gegen den Strich. Er zieht sich zurück in seine Familie, die ihm bedingungslos zur Seite steht, schreibt Gedichte und wendet sich der Literatur zu.

Mentoren Nach dem glanzvoll bestandenen Abitur tritt er 1937 in die Wehrmacht ein, wird einer »Studentenkompanie« zugeordnet. Zwei überzeugte Gegner des NS-Regimes, Kulturkritiker Theodor Haecker und Carl Muth, Herausgeber der katholischen Zeitschrift »Hochland«, werden zu seinen Mentoren. 1941 findet Hans Scholl auch eine tiefe christliche Verortung: »Mir ist in diesem Jahr Christus neu geboren«, schreibt er an Muth.

Endgültig in den Widerstand treiben Hans Scholl seine Fronteinsätze als Sanitätsfeldwebel in Frankreich und an der Ostfront, bei denen er das Elend der verfolgten Juden im Warschauer Ghetto und das Leiden in den Feldlazaretten erlebt. Für sein Medizinstudium in München wird er vom Militär freigestellt. Er verfasst und verbreitet zusammen mit seinem Kommilitonen Alexander Schmorell im Sommer 1942 vier Flugblätter, die sich eindeutig gegen die Nazi-Ideologie wenden.

Gleichzeitig schart er gleichgesinnte Studenten um sich und baut die Widerstandsgruppe »Weiße Rose« auf. Seine ehemalige Freundin Traute Lafrenz, die letzte Überlebende der »Weißen Rose«, erinnerte sich vor einigen Wochen in einem Interview mit der »Bild«-Zeitung an die charismatische Ausstrahlung von Hans Scholl: »Er zog Menschen in seinen Bann.«

Flugblätter Nach der Katastrophe von Stalingrad mit Hunderttausenden Toten wollten die Widerständler ein Zeichen setzen. Am 18. Februar 1943 verteilte Hans mit seiner Schwester Sophie fast 2000 Flugblätter im Lichthof der Münchner Universität. Die Geschwister wurden vom Uni-Hausmeister Jakob Schmid festgehalten und der Gestapo überstellt. In den Verhören nahm Hans Scholl die Verantwortung für die Widerstandsaktion auf sich, um weitere Mitglieder der »Weißen Rose« zu schützen.

In einem Schauprozess wurde er zum Tode verurteilt und zusammen mit seiner Schwester Sophie und Christoph Probst am 22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim ermordet. Wie der evangelische Gefängnisseelsorger Karl Alt überlieferte, waren seine letzten Worte: »Es lebe die Freiheit!«

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