Berlin

»Der politische Diskurs hat sich verschoben«

Beauftragter der Bundesregierung mit Sitz im Innenministerium: Felix Klein Foto: dpa

Herr Klein, ein Jahr sind Sie im Amt. Zeit für eine erste Bilanz.
Ich sehe zwei Bilder: Das erste ist, dass Antisemitismus immer noch sehr präsent ist in Deutschland – und zwar in einer immer ungehemmteren Form. Ich erlebe, dass die Grenze des Sagbaren immer mehr verschoben wird. Das ist der erdrückende Teil der Bilanz. Aber es gibt auch Positives zu berichten. Viele Initiativen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, keinesfalls nur jüdische Gruppen, engagieren sich sehr und arbeiten gerne mit mir zusammen.

Sie sagten, die Grenzen des Sagbaren würden verschoben. Wenn Sie die Situation mit den 50er- oder 80er- Jahren vergleichen: War es früher besser?
Auch damals gab es Antisemitismus, das ist ja leider richtig. Aber es war verpönter, judenfeindliche Sprüche zu machen. Man hegte eine Zurückhaltung. Dass das heute anders ist, hängt auch mit den neuen Medien zusammen. Der politische Diskurs hat sich verschoben: Wo die Leute früher Bedenken hatten, etwas zu äußern, weil sie auf Widerstand stoßen konnten, suchen sie sich mittlerweile entsprechende Foren, in denen sie Zustimmung finden.

Kann man nicht auch von einer Sensibilisierung sprechen? Dass Sätze, etwa »Alle Juden sind reich«, heute als Artikulation eines antisemitischen Ressentiments gelten, kann man doch positiv sehen.
Ja, es gibt auch positive Entwicklungen, und die Sensibilisierung, von der Sie sprechen, gehört gewiss dazu. Das dürfte auch für den Bereich gelten, den man als israelbezogenen Antisemitismus bezeichnet: Wenn Menschen einen Zusammenhang zwischen Israels Politik und ihrem Verhalten gegenüber Juden in Deutschland herstellen, dann ist das früher vielleicht nicht als Antisemitismus aufgefallen, heute jedoch schon eher.

Inwieweit kann die Bekämpfung solcher Einstellungen die Aufgabe eines Beauftragten der Bundesregierung sein?
Der Bund ist aufgrund der föderalen Gliederung der Bundesrepublik tatsächlich in vielen Fällen, die mein Thema betreffen, nicht zuständig. Daher ging es mir in den ersten Monaten meiner Amtszeit vor allem auch um die Schaffung von Strukturen: Es gibt mittlerweile in zehn Bundesländern Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens. Da sind wir auf dem richtigen Weg.

Ist das Ihr Erfolg?
Mein größter Erfolg in der einjährigen Amtszeit dürfte neben dem Aufbau eines bundesweiten Meldesystems für antisemitische Vorfälle sein, dass eine Bund-Länder-Kommission zur Bekämpfung des Antisemitismus auf den Weg gebracht wurde. Am 6. Juni tagen die Ministerpräsidenten der Länder. Ihnen liegt ein entsprechender Vorschlag zur Einrichtung dieser Kommission vor.

Und woraus besteht Ihre Arbeit sonst? Mein Eindruck ist, dass es überwiegend öffentliche Äußerungen sind, mit denen Sie etwas bewirken wollen.
Ich habe als Bundesbeauftragter kein Recht auf Akteneinsicht oder etwa auf die Verhängung von Sanktionen. Aber ich kann sagen, dass mir sämtliche Bundesministerien zuarbeiten und es eine hervorragende Zusammenarbeit mit Akteuren aus den Ländern, Kommunen, Kirchen, politischen Stiftungen und vielen weiteren Institutionen gibt.

Es gibt ja auch die Kritik an Ihrem Titel, dass »Antisemitismusbeauftragter« doch nur auf etwas Negatives abhebt.
Das verstehe ich. Meine Aufgabe bezieht sich ja sowohl auf die Förderung jüdischen Lebens als auch auf die Bekämpfung des Antisemitismus. Der Bundeskanzlerin war es übrigens wichtig, dass der erstgenannte Aspekt in meiner Amtsbeschreibung an erster Stelle steht. Es ist in der Tat eine doppelte Aufgabe, die oft medial auf den Aspekt Antisemitismus verengt wird.

Wenn Sie die vergangenen zwölf Monate unter diesem Gesichtspunkt betrachten, was sticht da heraus?
Ich habe mit Freude den Zukunftskongress des Zentralrats der Juden erlebt. Sehr gerne verfolge ich die vielen jüdischen Kulturtage, bei denen sich oft Gemeinden öffnen. Und ich freue mich über das starke Zeichen, das mit der Einführung von Militärrabbinern gesetzt wurde; das hätte vermutlich der Zentralrat vor zehn Jahren noch nicht gefordert. Und ganz persönlich freue ich mich, dass es in Großstädten immer häufiger jüdische und israelische Restaurants gibt – auch wenn man manchmal schon recht früh reservieren muss, um noch einen Platz zu bekommen.

Es gibt Stimmen, die die Entfaltung jüdischen Lebens für einen Beitrag zur Bekämpfung von Antisemitismus halten. Stimmt das? Oder gab es nicht vielmehr in den 20er-Jahren eine noch größere Bandbreite jüdischen Lebens – und dennoch kam es zur Schoa?
Aufklärung und Begegnung sind immer gute Maßnahmen, um Hass entgegenzutreten. Oft kommt Antisemitismus von Leuten, die noch nie in ihrem Leben einen Juden gesehen haben. Aber jüdische Präsenz und Vielfalt alleine reicht nicht aus. Wir müssen auch dafür sorgen, dass es als Bereicherung dieser Gesellschaft erlebt wird. Was Sie beschreiben, hat ja auch schon eine Vorgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts. Die »Judenemanzipation« brachte es mit sich, dass jüdisches Leben in Deutschland und die Integration von Juden in gesellschaftliches Leben einen enormen Aufschwung nahm. Parallel zu dieser positiven Entwicklung wuchs aber auch der Antisemitismus an, der in der Schoa kulminierte.

Jüngst wurden Sie kritisiert, weil Sie in einem Interview eine Verbindung der Israel-Politik von Donald Trump und dem Anwachsen von Antisemitismus nahegelegt haben.
Wer mich kennt, weiß, wo ich stehe. Ich wurde da missverstanden und habe das in einem Artikel in der »Welt« dankenswerter Weise klarstellen können: Antisemitismus hat mit dem, was Juden machen oder nicht machen, nichts zu tun. Antisemiten brauchen keine Argumente und keine Begründungen. Daher gilt: Deutsche Juden dürfen nicht für die Politik etwa der Regierung Netanjahu verantwortlich gemacht werden. Und auch nicht für die Nahostpolitik der USA.

Mit dem Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus sprach Martin Krauß.

Ugandische Truppen

Nahost

Ugandas Parlament billigt Truppenentsendung nach Gaza

Auf US-Anfrage soll sich ein Kontingent der ugandischen Armee der geplanten internationalen Stabilisierungstruppe anschließen. In Afrika zählt das Land zu den größten Truppenstellern für Friedensmissionen

 07.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Justiz

Israelischer Siedler wegen Tötung eines Palästinensers angeklagt

Der getötete Aktivist setzte sich gegen Siedlergewalt ein und war an dem Oscar-prämierten Film »No Other Land« beteiligt. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht

 07.08.2026

Dublin

Wegen Israel-Boykott: Irisches Regierungsflugzeug kann nicht mehr im Nebel landen

Beim Kauf der Maschine wurde bewusst auf das System »FalconEye« verzichtet, weil der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems an dem Produkt beteiligt ist

 07.08.2026

AfD-Verbot

»Wachkitzeln von Gewalt- und Mordphantasien«

Der Historiker und NS-Forscher Götz Aly, der mit Blick auf die AfD bislang vor überzogenen Vergleichen mit dem Nationalsozialismus und der NSDAP gewarnt hatte, hat offenbar seine Position revidiert

 07.08.2026

Kanada

Bericht: Jüdische Studenten erleben Antisemitismus als alltägliche Realität

Fast alle befragten jüdischen Studenten geben an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens einen antisemitischen Vorfall erlebt oder beobachtet zu haben

 07.08.2026

Miami

Antisemitischer Angriff in Starbucks-Filiale

Laut Polizei schlug eine Frau ihr Opfer mit einem Mobiltelefon. Dann habe sie mit einem Metallstuhl auf den Mann, der eine Kippa trug, losgehen wollen

 07.08.2026

Berlin

Klingbeil: AfD-Verbotsverfahren ernsthaft prüfen

Die Diskussion um ein AfD-Verbotsverfahren erhält neue Dynamik. Was sagt SPD-Chef Klingbeil und wie reagiert die Linke auf seinen Vorstoß?

 07.08.2026

Teheran/Maskat/Washington D.C.

Iran und Oman arbeiten an Hormus-Regelung – Teheran stellt Bedingungen an die USA

Iranischer Vertreter sagen, ein Rahmenabkommen für den Schiffsverkehr sei weit fortgeschritten. Eine sofortige Wiederöffnung der Wasserstraße sei damit jedoch nicht verbunden

 07.08.2026