Interview

»Proaktiv gegen Antisemitismus vorgehen«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: Marco Limberg / Zentralrat der Juden in Deutschland

Herr Schuster, wie blicken Sie aus Sicht der jüdischen Gemeinschaft auf die zu Ende gehende Legislaturperiode? Was wurde geschafft, und was bleibt als drängendes Thema bestehen?
Positiv zu nennen ist die Stelle des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, die geschaffen wurde und die Felix Klein innehat. Auch gibt es ähnliche Strukturen mit Beauftragten auf Ebene der Bundesländer. Sie tauschen sich in einer Bund-Länder-Kommission aus. Was dagegen aussteht, aber im Koalitionsvertrag festgehalten ist, ist die Bekämpfung von Altersarmut jüdischer Zuwanderer, den sogenannten Kontingentflüchtlingen aus der früheren Sowjetunion. Es hat lange gedauert bis zu einer Fondslösung, die aktuell in der Abstimmung zwischen Bund und Ländern ist. Dabei klemmt es allerdings, und es sind dunkle Wolken zu sehen. Denn die Finanzierung ist ein Problem.

Dunkle Wolken zogen auch anderweitig in den vergangenen Jahren auf: Höchststände bei den erfassten antisemitisch motivierten Straftaten, der Anschlag von Halle im Oktober 2019, Vorfälle an Synagogen im Mai dieses Jahres im Zuge des Nahostkonflikts.
Das alles ist natürlich nicht der Bundesregierung, sondern einer politischen Gesamtentwicklung anzulasten. Wir haben zum Beispiel eine Partei im Bundestag, die meiner Meinung nach antisemitische und rassistische Vorurteile verbreitet. Und Worten können Taten folgen. Dass in der Corona-Pandemie Minderheiten in eine vermeintliche Verantwortung dafür gezogen werden, ist zudem ein altes Muster. Und dass sich Konflikte in Nahost in Deutschland widerspiegeln, sahen wir bereits 2014.

Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni haben Sie gemahnt, dass radikale Kräfte zurückgedrängt werden müssten.
Aktuellen Umfragen zufolge könnte die AfD bei der Bundestagswahl um die elf Prozent der Stimmen bekommen. Das ist zu viel. Allgemein habe ich in der Legislaturperiode keine konstruktiven Vorschläge der AfD-Fraktion gehört.

Um noch einmal auf die Bundesregierung zurückzukommen: Was ist aus Sicht der jüdischen Gemeinschaft erfreulich verlaufen?
Der Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat der Juden und der Bundesregierung wurde angepasst, sodass der jährliche Bundeszuschuss von zehn auf 13 Millionen Euro angehoben wurde. Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 hat die Bundesregierung erhebliche Mittel zum Schutz jüdischer Einrichtungen bereitgestellt. Diese Mittel werden gerade in Absprachen mit dem Bundeskriminalamt und den Landeskriminalämtern abgerufen.

Welche Herausforderungen bleiben für die neue Bundesregierung?
Es bleiben Herausforderungen politischer Art. So muss vor allem proaktiv gegen Antisemitismus vorgegangen werden. Darüber hinaus bleibt die Erinnerung an die NS-Verbrechen sehr wichtig, wo ich vor allem die KZ-Gedenkstätten im Blick habe, die angemessen unterstützt werden müssen.

Aktuell läuft das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«. Welche Impulse können aus Ihrer Sicht über das Festjahr hinaus davon ausgehen?
Es bleibt, dass die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in 1700 Jahren und darüber hinaus sichtbar gemacht wird. Und auch die Vielfalt im Judentum, von der ich ein großer Freund bin. In beiden Punkten sehe ich eine positive Entwicklung. Hinzu kommt, dass mit vielen unterschiedlichen Veranstaltungen im Internet und im Fernsehen auch mehr Menschen erreicht werden können.

Der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, sagte kürzlich, dass Deutschland in der Frage der Religionsfreiheit ein Modell für andere Staaten werden könnte. Denn hierzulande sei die Beschneidung von Jungen möglich. Auch das Schächten, das rituelle Schlachten von Tieren ohne Betäubung, werde nicht unterdrückt. Wie sehen Sie das?
Die Religionsfreiheit hat in Deutschland einen hohen Stellenwert. In der Beschneidungsdebatte im Jahr 2012 bekamen wir Unterstützung auch von den beiden großen Kirchen, die erkannten, dass es nicht nur um den konkreten Fall der Beschneidung ging, sondern allgemein um die Religionsfreiheit, die ja auch Muslime betrifft.

Apropos Muslime: Wie stellen Sie sich künftig das Miteinander von Juden und Muslimen in Deutschland vor?
Ich wünsche mir engere Kontakte. Der Zentralrat hat das Dialogprojekt »Schalom Aleikum« initiiert, in dem sich zum Beispiel Sportler oder Unternehmer begegnen, also Menschen jenseits der Funktionärsebene. Auf dieser Ebene wiederum gibt es nicht den einen muslimischen Verband. Wir sehen auch Verbände, die teilweise vom Ausland gesteuert und massiv beeinflusst werden, etwa die Ditib. Eine Möglichkeit zu einer engen Zusammenarbeit sehe ich von unserer Seite aber nur mit Verbänden, die nicht einem solchen Einfluss unterliegen.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden sprach Leticia Witte.

Kairo

Jared Kushner führt Gespräche über Gaza in Ägypten

Der Schwiegersohn von US-Präsident Trump will in Ägypten Fortschritte im seit langem festgefahrenen Friedensplan für den Gazastreifen erzielen

 16.08.2026

Sanaa

Regierungstruppen im Jemen melden 181 Angriffe in 24 Stunden

Mit Drohnen und Raketen attackieren Regierungskräfte Militärstützpunkte und Waffendepots der Huthi-Terrormiliz. Wie weit eskaliert die Lage noch?

 16.08.2026

Teheran

Iran richtet Mann wegen angeblicher Israel-Spionage hin

Die iranische Justiz hat ein weiteres Todesurteil vollstreckt. Menschenrechtler werfen den Behörden vor, die Todesstrafe zur Unterdrückung von Kritik einzusetzen

 16.08.2026

Berlin

Prien: Differenzierte Haltung zu Israel kann ein Wagnis sein

Der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat Gräben in der Gesellschaft verdeutlicht - und teils auch vertieft. Wer dagegen differenziert argumentiere, habe es oft nicht leicht, sagt Ministerin Prien

 16.08.2026

Magdeburg

Will AfD-Spitzenkandidat Siegmund den Verfassungsschutz abschaffen?

AfD-Spitzenkandidat Siegmund will nach der Landtagswahl die Zukunft des Verfassungsschutzes in Sachsen-Anhalt prüfen lassen. Diese Optionen fasst er ins Auge

 16.08.2026

Washington/Teheran

Frist verstreicht: Iran-Krieg vor ungewisser Zukunft

Während US-Präsident Trump mit einer Übernahme der Straße von Hormus kokettiert, gehen die Angriffe auf zivile Schiffe weiter. Dabei sollte in diesen Tagen ein finales Abkommen stehen

 16.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Dresden/Königstein

Mutmaßliche Kämpfer des Islamischen Staates festgenommen

Zwei Männer sollen als Kämpfer für den IS aktiv gewesen sein und dafür Geld erhalten haben. Nun sitzen die beiden Iraker in Sachsen in Untersuchungshaft

 14.08.2026

Deutschland

Anti-Israel-Aktivisten krachen in Hafenmauer

Ein Kleinschiff mit »pro-palästinensischen« Seefahrern will im Herbst die Gaza-Küste erreichen. Zwischen ihnen und dem Ziel liegen 3000 Kilometer Luftlinie – und eine wachsende Anzahl an Problemen

von Imanuel Marcus  14.08.2026