Meinung

Erdogan und die bösen Juden

Seyran Ates Foto: imago

Im Grunde sind die jüngsten Äußerungen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, wonach Israel schuld sei am Niedergang des ägyptischen Regimes unter Mohammed Mursi, nicht wert, kommentiert zu werden. Seine ewigen Fantasien über Verschwörungen gegen die Türkei sind nicht neu: weder aus seinem Munde noch bei einem großen Teil der türkischen Bevölkerung. Seit ich denken kann, höre ich, dass Weltmächte die Türkei daran hindern wollen, größer zu werden, zu wachsen. Seit ich denken kann, höre ich, dass die Juden die Welt beherrschen oder beherrschen wollen. Die Geschichte hat einen sehr, sehr langen Bart.

Dennoch muss die Weltgemeinschaft darauf reagieren und den Bart endlich abschneiden. Wenn Israel von einem Staatsmann aus der islamischen Welt derart angegriffen wird, darf man nicht zur Tagesordnung übergehen. Erdogan sendet nämlich Signale in die islamische Welt, und von »modernen Impulsen« für den Islam kann da nicht die Rede sein. Sein erbitterter Kampf, das Kopftuch, entgegen den laizistischen Gesetzen der Türkei, überall zuzulassen, ist ein Beleg für sein Verständnis von »Moderne«. Also fernab von Geschlechterdemokratie.

Macho Er ist ein Macho, der sich von saudi-arabischen Monarchisten kaum unterscheidet. Erdogan regiert die Türkei religiös-moralisch, nicht demokratisch, auch wenn er sich öffentlich und medienwirksam der arabischen Welt gegenüber unermüdlich anders erklärt. Mit seinen aktuellen Äußerungen macht er klar, was viele Menschen im Westen nicht sehen oder glauben wollen: Erdogan ist ein Gesinnungsverwandter der Muslimbrüder. Er ist es schon immer gewesen.

Wen wundert es da, dass Erdogan, immerhin Ministerpräsident eines NATO-Mitglieds und EU-Beitrittskandidaten, dafür gesorgt hat, dass im sogenannten Ergenekon-Prozess nach fünf Jahren Verhandlungen unter Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien 254 Menschen, darunter viele Intellektuelle des Landes, zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden? Kein Wunder, dass Erdogan die Gezi-Park-Proteste als Auftakt für den geplanten Sturz seiner Regierung hingestellt hat. Kein Wunder, dass er den demokratischen Westen beschimpft, beleidigt und mit absurden Vorwürfen übersät. Kein Wunder letztlich, dass er hinter allem, was ihm nicht passt, die Juden vermutet. Erdogan ist ein islamistischer Herrscher, kein demokratischer Regierungschef.

Die Autorin ist Rechtsanwältin in Berlin.

Ina Czyborra

Berlin

Kein Antisemitismusbeauftragter vor der Abgeordnetenhauswahl

Das Auswahlverfahren für eine Ansprechperson an Hochschulen der Bundeshauptstadt ist vorerst gescheitert

 28.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Interim

Christoph de Vries übernimmt zeitweise Amt von Felix Klein

Der langjährige Antisemitismusbeauftragte Felix Klein wechselt als deutscher Vertreter zur OECD nach Paris. Bis seine Nachfolge geklärt ist, übernimmt der Parlamentarische Staatssekretär seine Aufgaben

von Anna Mertens  28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026

Diplomatie

Iran-Konferenz in Istanbul wird verschoben

Außenminister Wadephul wollte am Sonntag mit Kollegen unter anderem aus der Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten und Pakistan über die Lage in der Straße von Hormus reden. Daraus wird vorerst nichts

 28.08.2026

Golfregion

Irans Außenminister: »Druck funktioniert nicht«

Regionale Staaten haben eine neue Runde diplomatischer Bemühungen im Iran-Krieg begonnen. Teheran richtet eine Botschaft an die USA

 28.08.2026

Professor Lars Rensmann von der Universität Passau

Wissenschaft

Ist die AfD das »freundliche Gesicht« des Antisemitismus?

Das American Jewish Committee thematisiert in einer am Dienstag veröffentlichten Analyse den Antisemitismus in der Alternative für Deutschland

 28.08.2026

Den Haag

Kriegsverbrecher Ratko Mladic gestorben

Er galt als ruchloser Kriegsverbrecher, der Zehntausende unschuldige Zivilisten auf dem Gewissen hatte. Jetzt ist Ratko Mladic tot, gestorben in einem Gefängniskrankenhaus

von Markus Schönherr  28.08.2026