Deutschland

Einbürgerung: Großes Interesse an »Wiedergutmachung«

Nachfahren von NS-Opfern können die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Foto: imago/Priller&Maug

Deutschland

Einbürgerung: Großes Interesse an »Wiedergutmachung«

Gesetz ermöglicht Einbürgerung von Verfolgten des Nazi-Regimes

von Anne-Béatrice Clasmann  23.02.2022 12:27 Uhr

Von den im vergangenen Jahr beschlossenen erweiterten rechtlichen Möglichkeiten zur Einbürgerung von Verfolgten des Nazi-Regimes und Kindern deutscher Mütter haben bereits zahlreiche Menschen Gebrauch gemacht. Wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums auf Anfrage mitteilte, wurden bis Ende Januar dieses Jahres 919 Menschen eingebürgert. In der Mehrheit der Fälle kamen dabei die neuen Möglichkeiten zur Anwendung.

Das Vierte Gesetz zur Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes war am 20. August 2021 in Kraft getreten. Damit wurde ein gesetzlicher Anspruch auf staatsangehörigkeitsrechtliche »Wiedergutmachung« geschaffen, der den bisherigen Kreis der Berechtigten erweiterte.

Wer für die »Wiedergutmachungseinbürgerung« infrage kommt, muss keine deutschen Sprachkenntnisse nachweisen und auch einige andere Anforderungen, die normalerweise bei einer Einbürgerung bestehen, nicht erfüllen. Denn die Behörden gehen hier davon aus, dass die Betroffenen ohne eigenes Verschulden die deutsche Staatsangehörigkeit verloren haben oder sie - wie etwa im Falle der Kinder deutscher Mütter und ausländischer Väter - aufgrund diskriminierender Gesetze nie erhielten. Aufgrund komplexer Fluchtbiografien ist es für die Antragsteller dennoch oft sehr aufwendig die notwendigen Dokumente zu beschaffen, übersetzen und beglaubigen zu lassen.

Dass sich der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und die Unionsfraktion schließlich entschieden, die Angelegenheit nicht per Erlass zu regeln, sondern mit einem Gesetz, hat auch mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Mai 2020 zu tun. Auf Einbürgerung geklagt hatte damals eine US-Amerikanerin. Ihr jüdischer Vater war in die USA geflohen. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.

Den deutschen Pass erhalten können Juden und andere Menschen, die im Zusammenhang mit Verfolgungsmaßnahmen aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen in der Zeit vom 30.01.1933 bis zum Kriegsende 1945 entweder die deutsche Staatsangehörigkeit vor dem 26.02.1955 aufgegeben oder verloren haben». Die Wiedergutmachungseinbürgerung gilt auch für diejenigen, die damals «von einem gesetzlichen Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Eheschließung, Legitimation oder Sammeleinbürgerung deutscher Volkszugehöriger ausgeschlossen waren».

Ein Anrecht haben unter anderem auch Kinder einer Mutter, die vor ihrer Geburt ihre deutsche Staatsangehörigkeit durch Eheschließung mit einem nichtdeutschen Ehegatten verloren hat sowie Kinder deutscher unverheirateter Väter. Erst seit 1975 erwerben alle ehelichen Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit auch dann, wenn nur ein Elternteil deutsch ist - unabhängig davon ob es der Vater oder die Mutter ist.

Von Anwälten und Verwaltungsmitarbeitern ist zu hören, unter anderem bei in Großbritannien ansässigen Betroffenen und deren Nachfahren sei das Interesse, auf diesem Weg den deutschen Pass zu erlangen, beziehungsweise ihn zurückzuerlangen, seit der Entscheidung für den Brexit stark gestiegen. Eröffnet sich ihnen doch so die Möglichkeit, weiterhin EU-Bürger zu sein.

Großbritannien wurde nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zu einem Zufluchtsort für Juden aus Deutschland. Tausende von Kindern überlebten den Holocaust, weil sie mit «Kindertransporten» nach Großbritannien gebracht wurden. Viele von ihnen sahen ihre Eltern nie wieder.

Die seit 2019 vom Bundesinnenministerium ergangenen Erlasse hätten nicht vollständig den Zustand wiederhergestellt, der für die Betroffenen ohne den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit bestanden hätte, sagte die FDP-Innenpolitikerin Linda Teuteberg der Deutschen Presse-Agentur. Deshalb habe sich ihre Fraktion in der zurückliegenden Wahlperiode für eine gesetzliche Änderung eingesetzt. Die Reform sei «richtig und überfällig» gewesen. Denn von einer freiwilligen Ausreise könne bei den Menschen, die damals geflohen seien und die Staatsangehörigkeit ihres Zufluchtslandes angenommen hätten, keine Rede sein.

Iran

Ist Modschtaba Chamenei noch am Leben?

Äußerungen aus dem Umfeld der Regierung von Präsident Masoud Peseschkian lassen aufhorchen

 10.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  10.08.2026

Bayern

Erneut Ermittlungen gegen Aiwangers Ex-Lehrer

Vor drei Jahren rüttelte die Flugblattaffäre um Hubert Aiwanger die bayerische Landespolitik heftig durcheinander. Viele haben das schon wieder vergessen. Nicht so die Staatsanwaltschaft Regensburg

 10.08.2026

Meinung

Renten: Her mit der aufrichtigen Debatte!

Eine Reform, die lediglich das Bestehende in noch teurer absichert, löst das Problem nicht

von Günter Jek  10.08.2026

Magdeburg

Sachsen-Anhalt: AfD und BSW legen zu

Die Rechtsaußenpartei baut ihren Vorsprung in Sachsen-Anhalt einer neuen Umfrage zufolge weiter aus. Die Wagenknecht-Partei wiederum könnte zum entscheidenden Machtfaktor werden

 10.08.2026

Berlin

Ron Prosor unterstützt deutsche Olympia-Bewerbung

»Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland wären ein starkes Zeichen. Nicht trotz seiner Geschichte, sondern gerade wegen seiner Geschichte«, sagt der israelische Botschafter

 10.08.2026

Interview

»Aufklärung im Hier und Jetzt«

Marina Müller über antisemitismuskritische Bildungsarbeit, die Rolle von Lehrern und das neue Projekt von »Zeugen der Zeitzeugen«

von Leon Stork  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Washington D.C.

Trump ernennt jüdischen Juristen zum neuen Rechtsberater des Weißen Hauses

»Will ist hart, stark und klug! Er liebt auch unser Land und respektiert das Gesetz«, sagt der amerikanische Präsident

 10.08.2026