Antisemitismus

»Ein Anstieg von 155 Prozent«

Benjamin Steinitz, Projektleiter von RIAS Berlin Foto: dpa

Herr Steinitz, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) hat die Zahlen für 2018 vorgelegt. Was fällt auf?
Wir müssen leider deutlich mehr gewalttätige Attacken vermelden: ein Anstieg von 155 Prozent! Dazu passt auch, dass die Zahl der nur angedrohten Gewalttätigkeiten enorm angewachsen ist: um 77 Prozent gegenüber 2017.

Haben Sie Beispiele parat?
Am 8. September etwa wurde eine Jüdin, als sie in einem Spätkauf etwas einkaufen wollte, vom Ladenbesitzer angegriffen. Er hatte gesehen, dass sie einen Davidstern als Schlüsselanhänger hat. Daraufhin hat er sie beschimpft und mit Gegenständen beworfen. Die Frau musste fliehen.

Das ist eine neue Qualität?
Ja, im Vergleich zu früheren Jahren haben Gewalt und Gewaltbereitschaft deutlich zugenommen. Der Anstieg bei diesen verrohten Formen des Antisemitismus lässt auf eine neue Qualität schließen.

Werden immer Juden angefeindet?
Insgesamt wurden 368 Personen angefeindet. 187 sind Juden oder Israelis. Aber auch die Anfeindungen gegen Menschen, die sich engagieren, sind angewachsen: von fünf auf 40.

Wie aussagekräftig ist Ihre Statistik?
Von 2016 auf 2017 hatten wir einen sehr starken Anstieg antisemitischer Vorfälle zu verzeichnen. Den hätte man noch mit zugenommener Bekanntheit erklären können. Von 2017 auf 2018 haben wir aber einen leichten Zuwachs, der zeigt, dass wir keine Momentaufnahme mehr abliefern. Wir haben es wirklich mit mindestens drei antisemitischen Vorfällen pro Tag zu tun.

Was sagt Ihr Material zu No-Go-Areas?
Die Vorfälle gab es in jedem Berliner Bezirk. Wir können also die These von den No-Go-Areas nicht bestätigen. Das heißt auch: Es gibt keine sicheren Orte.

Lässt sich etwas zum sozialen Status der Angreifer sagen?
Nein, dies ist alles keinem bestimmten Milieu zuzuordnen. Was wir sagen können, ist, dass es verschiedene politische Hintergründe für Taten gibt.

Es gibt immer politische Hintergründe?
In 48 Prozent aller Fälle haben wir keinen benennbaren politischen Hintergrund ermittelt. Und wo wir es politisch zuordnen können, sind es zu 18 Prozent rechtsextreme Positionen. Zu neun Prozent sind es israelfeindliche Aktivisten und zu sieben Prozent Vertreter der politischen Mitte, die sich als Demokraten sehen.

Stichwort Islamismus. Wie sieht es hier aus?
Was den Anteil an der Gesamtheit antisemitischer Vorfälle angeht, sind es nur zwei Prozent. Aber der Anteil an den ernst zu nehmenden Bedrohungen ist hoch: sieben von 46 Fällen.

Mit dem Projektleiter von RIAS Berlin sprach Martin Krauß.

Berlin

Streit um Antisemitismus: SPD und Grüne unterbrechen Sondierungsgespräche

Die Linke will eine rot-grün-rote Koalition in der Hauptstadt schmieden. Doch Grüne und SPD setzen erstmal ein Stoppschild. Auslöser ist der Umgang der Linken mit dem Thema Antisemitismus

 13.10.2026

Kontinuität

Bundesratsinitiative für EU-Forschungskooperation mit Israel

Drei Bundesländer wollen die weitere Beteiligung Israels am EU-Forschungsrahmenprogramm sicherstellen. Dazu wird jetzt eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht

 13.10.2026

Kommentar

Der geplatzte Testballon von Halle

Die AfD wird weiterhin versuchen, sich als ganz normale Partei zu inszenieren, wenn es um jüdisches Leben geht. Ein Angriffsziel bleibt es trotzdem. Deswegen müssen wir achtsamer werden, wenn die Angriffe subtiler werden

von Igor Matviyets  13.10.2026

Sachsen-Anhalt

CDU-Fraktion will bei Ministerpräsidenten-Wahl den Saal verlassen

Kamen Stimmen für die Wahl des AfD-Landtagspräsidenten aus den Reihen der CDU? Für die nächste wichtige Wahl im Dezember will die Fraktion vorbauen und nimmt einen ungewöhnlichen Weg

 13.10.2026

120. Geburtstag

Philosoph Bormuth: Die Gedanken von Hannah Arendt geben Orientierung

Das Werk der Philosophin Hannah Arendt bietet nach Ansicht des Oldenburger Wissenschaftlers Matthias Bormuth Orientierung in polarisierten Zeiten. Ihr Plädoyer für eigenes Denken und streitbaren Austausch sei heute hochaktuell

 13.10.2026

New York

Die US-Linke ist besessen von Palästina – nun frisst die Revolution ihre eigenen Kinder

Zohran Mamdanis Aufstieg hat in der Demokratischen Partei einen Linksruck ausgelöst. Längst ist der Bürgermeister der US-Metropole mit seiner zweifelhaften Anti-Israel-Rhetorik zur Ikone der Palästina-Bewegung in Amerika geworden. Nun wird er Teilen des eigenen Lagers zu weich

von Jan Klauth  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026