New York

Die US-Linke ist besessen von Palästina – nun frisst die Revolution ihre eigenen Kinder

New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani Foto: picture alliance / Captital Pictures

Für einen Moment hält der sonst so rastlose Union Square im Herzen Manhattans den Atem an. In der Dämmerung vermischt sich das Blaulicht der Streifenwagen mit dem orangefarbenen Flackern dutzender Kerzen. Inmitten der Mahnwache steht New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani, den Blick stoisch nach vorn gerichtet. Dann bricht der Lärm los.

Trillerpfeifen, Trommeln und Sprechchöre übertönen das Gedenken an das Hamas-Massaker vom 7. Oktober, das sich zum dritten Mal jährt. »Zohran, du kannst dich nicht verstecken. Wir klagen dich des Völkermords an«, brüllen vermummte Aktivisten. Gemeint ist Zohran Mamdani, eigentlich eine Ikone der amerikanischen Pro-Palästina-Bewegung.

»Absolut verachtenswert«, nennt Kathy Hochul, New Yorks Gouverneurin, die Szenen, die sich am vergangenen Mittwoch in New York abspielten. Demonstranten beschimpften Mamdani als Verräter, einige schwenkten grüne Hamas-Flaggen, das Symbol des Terrors vom 7. Oktober. Den Zorn von Teilen jener Bewegung, die ihn vergangenes Jahr ins Amt trug, hatte sich Mamdani schon zuvor zugezogen. In einer Erklärung nannte er den Überfall der Hamas ein »entsetzliches Kriegsverbrechen«. Dann wandte er sich Gaza zu. »Das Leid hat an diesem Tag weder begonnen noch geendet«, schrieb er. Es setze sich fort in einem »andauernden Genozid« mit angeblich mehr als 74.000 Toten, finanziert mit »unseren Steuergeldern«.

Lesen Sie auch

Hängen geblieben ist vor allem der Satz über den Anfang des Leids. Wer so formuliert, verlegt den Ursprung der Gewalt in die Zeit vor dem Massaker und landet bei Israel. Die Morde vom 7. Oktober erscheinen dann als Antwort auf eine Vorgeschichte. So haben es viele Kritiker verstanden.

»Mamdani kann das Wort Massaker nicht aussprechen, ohne sofort zu erklären, warum das Land der Opfer der eigentliche Verbrecher sei«, sagt Michelle Ahdoot, Mitgründerin der Zivilorganisation »End Jew Hatred«, gegenüber der Jüdischen Allgemeinen. »Das Leid hat an jenem Tag weder begonnen noch geendet – das ist der Satz, mit dem jeder Apologet den 7. Oktober in einer längeren Geschichte verschwinden lässt, in der die Juden die Urheber ihres eigenen Abschlachtens sind.«

Auch Jonathan Greenblatt, Vorsitzender der Anti-Defamation League (ADL), die gegen Antisemitismus kämpft, moniert, Mamdani habe mit keinem Wort erwähnt, dass gezielt Juden getötet wurden. »Am 7. Oktober hat die Hamas Zivilisten ermordet, sexuelle Gewalt verübt, Leichen verstümmelt und Geiseln genommen«, sagt Greenblatt. Stattdessen instrumentalisiere der Bürgermeister »einen Tag, der der Trauer um das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust gewidmet ist, um seine üblichen antizionistischen Parolen aufzuwärmen«.

Keine Stadt außerhalb Israels zählt mehr jüdische Einwohner als New York

Zufall ist die Rhetorik des demokratischen Sozialisten kaum. Erst kürzlich versuchte er vergeblich, Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu bei dessen New-York-Besuch verhaften zu lassen. Nach der Mahnwache ließ er sich medienwirksam im »Ayat« ablichten, einem arabischen Restaurant in Manhattan, dessen Betreiber auf Instagram regelmäßig Botschaften wie »Free Palestine« verbreitet.

Wer Mamdanis Werdegang kennt, dürfte kaum überrascht sein. Schon nach dem Massaker 2023 brachte er es nach Ansicht seiner Kritiker nicht über sich, die Hamas als Bewegung klar zu verurteilen, genau so wenig wie den Aufruf zur »Globalisierung der Intifada«. Seine Frau Rama Duwaji likte nach dem 7. Oktober Beiträge, die den Terror rechtfertigten.

In New York wiegt das schwerer als anderswo: Keine Stadt außerhalb Israels zählt mehr jüdische Einwohner. Polizeidaten zufolge stiegen antisemitische Hassverbrechen in den ersten acht Monaten 2026, also seit Mamdanis Amtsantritt, um acht Prozent. Mehr als die Hälfte aller Hassdelikte richtete sich gegen Juden. Erst vergangene Woche hatten die großen jüdischen Verbände der Stadt gewarnt, eine Rhetorik, die Israel »dämonisiert und delegitimiert«, mache Juden zur Zielscheibe.

Linksruck in der Demokratischen Partei

Mamdanis Aufstieg hat in der Demokratischen Partei einen Linksruck ausgelöst. Landesweit gewinnen Politiker des sozialistischen Lagers Abstimmungen, fast ausnahmslos treten sie für eine Abkopplung der USA von Israel ein. In der eigenen Partei regt sich deshalb offener Widerstand, vor allem unter jüdischen Politikern.

Die Abgeordnete Debbie Wasserman Schultz warf Mamdani vor, er »schände das Andenken ermordeter, unschuldiger Juden«. Kongressmitglied Josh Gottheimer sagte, der Bürgermeister gebe den Opfern die Schuld. Der New Yorker Dan Goldman, der im Juni die Vorwahl gegen den Mamdani-Verbündeten Brad Lander verloren hatte, nannte die Erklärung »verwerflich«.

Teilen seiner Basis wiederum ist Mamdani noch immer zu weich. Zum Protest hatten unter anderem die Young Democratic Socialists aufgerufen, jene Bewegung, aus der Mamdani selbst stammt. Frisst die Revolution nun ihre eigenen Kinder? Die Nachwuchs-Sozialisten argumentieren, der 7. Oktober stehe für »Widerstand gegen den Imperialismus«, der die Welt verändert habe; Mamdani habe vor »zionistischem Druck kapituliert«.

Mamdani, so scheint es, hat in ein Wespennest gestochen. Von der Einheit aller New Yorker, die er so gern beschwört, entfernt sich die Nachwuchshoffnung der Demokraten immer weiter.

Der Bürgermeister selbst gab sich unbeeindruckt. Er sei »stolz« gewesen, an der Mahnwache teilzunehmen, sagte er auf einer Pressekonferenz. Man habe dort, so behauptete er, eine gemeinsame Vision geteilt: Frieden und ein Ende »des Genozids in Gaza«. Wieder nannte er den 7. Oktober und Gaza in einem Atemzug.

Während ihn das Linksaußen-Lager dafür anfeindet, den Hamas-Terror überhaupt anzusprechen, wird er auf der anderen Seite des Spektrums umso härter angegangen. »Wir erinnern uns daran, wer das Gemetzel gefeiert hat«, sagt Michelle Ahdoot. »Und wir sehen einen Bürgermeister, der zeigt, dass er auf der falschen Seite der Geschichte steht.«

Mamdani, so scheint es, hat in ein Wespennest gestochen. Von der Einheit aller New Yorker, die er so gern beschwört, entfernt sich die Nachwuchshoffnung der Demokraten immer weiter und zwar durch eigenes Zutun.

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Großbritannien

Premier Burnham: Iran steckt hinter geplantem Angriff auf US-Militärbasis

Mehrere Männer werden verdächtigt, einen Anschlag auf einen Militärstützpunkt in Großbritannien geplant zu haben. Nun sagt der britische Premier: Das waren die iranischen Revolutionsgarden

 13.10.2026

Medien

Israel verweigert »taz«-Korrespondentin Arbeitsvisum

Diaspora-Ministerium: »Antiisraelische Akteure und diejenigen, die Israel verleumden, sollten keinen Fuß in das Land setzen«

 13.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  12.10.2026

Berlin

Merz fordert SPD und Grüne auf, nicht mit Linken zu koalieren

Gibt es in Berlin eine rot-rot-grüne Koalition? Der Kanzler appelliert an SPD und Grüne

 12.10.2026