Essay

Die Sprache der AfD

Thüringens AfD-Chef Björn Höcke 2018 auf einer Kundgebung mit Pegida-Aktivist Lutz Bachmann Foto: imago

Die AfD ist ein sprachliches Chamäleon. Grundsatzprogramme, Wahlkampfreden, Interviews, Facebook- oder Instagram-Posts – je nachdem, in welcher textlichen Domäne Kommunikation stattfindet und welches Milieu erreicht werden soll. Das ist an sich nichts Besonderes, denn sprachliche Anpassung an die jeweiligen unterschiedlichen Adressaten gehört zu unser aller sprachlichen Praxis. Wenn dabei aber systematisch sprachlich gegen den gesellschaftlichen Konsens verstoßen wird und demokratische Prinzipien missachtet werden, dann hat hier die verantwortungsethische Linguistik eine Aufgabe.

Es lässt sich viel über den rechtsextremen Sprachgebrauch sagen: die Propagierung des »Normalen« (»Deutschland! Aber normal.«), der Ethnonationalismus (»Deutschland den Deutschen«), die weite Verbreitung von Verschwörungsmythen (»Schalthebel der Macht«), auch das bürgerliche Gewand, in das AfD-Sprache dann gekleidet ist, wenn es opportun erscheint (»Internationalisierung der deutschen Sprache durch das Englische«), ebenso wie typische populistische Sprachmuster (»die da oben – wir hier unten«) – all dies sind Aspekte, die zu einer sprachlichen Analyse auffordern. Denn Juden und Jüdinnen geht insbesondere die ausgeprägte sprachliche Gewalt sowie die (nicht nur sprachliche) Nähe zum NS etwas an.

Von der Sprache, vom Sprachgebrauch her lässt sich zeigen, dass heute nicht mehr lediglich von einer »Grundsympathie für Gewalt als ultima ratio« von »einzelnen Vordenker[n]« in der AfD die Rede sein kann. Sondern: Menschenfeindlichkeit und Aggression, exterminatorische Vorstellungen und Hass sind mit sprachlichen Entsprechungen in Wortschatz und Formulierungen Kennzeichen rechtsextremer Sprache, insbesondere in den sozialen Medien. Wir nennen dies sprachliche Gewalt.

Sie wird häufig motiviert von Hass auf Juden und Jüdinnen (»der Holocaust ein wirksames Instrument für Juden«), auf Musliminnen und Muslime (»ein Holocaust würde sich mal wieder lohnen«), auf Homo- und Transsexuelle (»perverse Ideologie«), auf Politiker und Politikerinnen (»Diese Vollidioten. Die gehören genauso wie [die] Sip[p]schaft in Berlin ertränkt.«).

Lesen Sie auch

Adressaten sind alle diejenigen, die in irgendeiner Weise mit der Meinung, dem Weltbild, nicht konform gehen, also einer imaginierten Norm nicht entsprechen. Solch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit motiviert Denken, Handeln und Reden der politischen Rechten. Dieser Hass entspricht dem repulsiven Weltbild der Rechten. Im Freund-Feind-Schema zu denken, ist grundlegend für die rechte Strategie.

Sprachlich ausgedrückter Hass und sprachliche Gewalt können gar nicht ernst genug genommen werden. Denn: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Reden und Denken einerseits, physischem Handeln andererseits. Die Forschung zum Rechtsextremismus hat herausgearbeitet, dass rechtsextremes Sprechen und rechtsextremes Handeln zwar nicht dasselbe sind, aber miteinander Hand in Hand gehen (können). In diesem Zusammenhang sei auf die in besonderer Weise gewaltverherrlichenden Texte rechter Rockmusik hingewiesen.

Die Vermutung liegt nahe, dass solche Texte das Vorbild entsprechender Einträge in den sozialen Medien sind. Es konnte ein direkter Zusammenhang zwischen den von Rechtsrock-Bands vermittelten Feindbildern, der aggressionsfördernden Wirkung der Musik und rechtsextremistischen Gewalttaten hergestellt werden. In einzelnen Fällen wurden während der Tatausführung Textpassagen aus einschlägiger Musik skandiert.

Judenhass ist herausragendes Motiv in diesen Texten. Das Lied »Judenschwein« der rechtsextremen Band »Kommando Freisler« zeigt dies beispielhaft: vom Namen der Band (in Anspielung auf den Präsidenten des Volksgerichtshofes und Mitorganisator des Holocaust Karl Roland Freisler) über den Namen des Tonträgers (»Geheime Reichssache«), den Titel des Liedes »Judenschwein« bis hin zu Passagen über exterminatorischen Antisemitismus.

Was Björn Höcke mit »Schande« meint, weiß er und wissen seine Anhänger sehr genau.

Judenhass ist prägendes Motiv und wird durch judenfeindliche Stereotype versprachlicht, deren Arsenal historisch stabil und begrenzt ist: der faule und betrügerische Jude, der die Finanz- und Filmwelt beherrscht, der den Palästinensern ihr Land geraubt hat, der deutschfeindlich ist, der die »angebliche« deutsche Schuld durch die Erinnerung an die Schoa wachhält – diese Narrative sind im Großen und Ganzen antisemitischer Standard, die zum Teil bereits seit dem Mittelalter, zum Teil als Post-Schoa-Stereotype, den Judenhass in Rechtsrock-Texten repräsentieren.

Die Fokussierung auf rechts bedeutet nicht, dass linker und islamistischer Judenhass sowie solcher aus der Mitte der Gesellschaft übersehen, dass dessen Gefahr nicht erkannt wird. Insbesondere der islamistische und der linke Judenhass hat zugenommen, wie der Verfassungsschutzbericht für 2025 zeigt.

Lesen Sie auch

Aber: Dieser Verfassungsschutzbericht, der für die AfD 70.000 Mitglieder angibt, von denen geschätzt 28.000 Rechtsextreme seien, zeigt ebenso, dass rechtsextreme Gewalttaten in der großen Überzahl sind, judenfeindliche Gewalttaten kommen ganz überwiegend von der extremen Rechten. Und: Es ist der Rechtsextremismus, der den starken Bezug zum NS hat. Rechter Antisemitismus in Deutschland ist von der Geschichte der Schoa nicht zu trennen.

Bis zum 5. Juli 2026 findet der diesjährige Parteikongress der AfD in Erfurt statt. Genau hundert Jahre zuvor, am 3. und 4. Juli 1926, hat die NSDAP ihren ersten Reichsparteitag in Weimar abgehalten. Wir können diese Datumsidentität als ein Beispiel für die sogenannte Hundepfeifenstrategie werten, die in Texten und Reden der politischen Rechten auffallend häufig und auffallend häufig im NS-Kontext vorkommen. Richard Morin verwendete den Begriff »dog-whistle politics« als erster 1988 in der Washington Post.

Dass die Waffen-SS auf ihren Koppeln den Wahlspruch trug: »Meine Ehre heißt Treue« stört die AfD nicht nur nicht, sondern ist erwünscht.

Hundepfeife bedeutet: Es gibt eine unverfängliche Bedeutung eines Ausdrucks, einer  Formulierung, eines Datums usw., und es gibt eine tatsächlich gemeinte Bedeutung – die aber nur Anhänger verstehen (wie die Hundepfeife nur Hunde hören, Menschen aber nicht).
Björn Höcke, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag (der straffrei als »Faschist« bezeichnet werden darf und der die NS- und Holocaustforschung als »dämliche Erinnerungspolitik« verunglimpft), ist ein Meister dieser Hundepfeifenstrategie. Weithin bekannt ist seine Formulierung »Denkmal der Schande«.

Was er mit »Schande« meint, weiß er und wissen seine Anhänger sehr genau: Er hält das Denkmal, das an den Holocaust erinnert, für die eigentliche Schande. Die Mehrdeutigkeit seiner Formulierung lässt allerdings auch die Lesart zu (und das ist natürlich die offizielle Lesart): Die Schande der deutschen Geschichte, nämlich der Holocaust, habe hier ein Denkmal. Immer kann er sich auf diese Lesart berufen.

Weiterer Beispiele sind viele: Magdeburg und Deutschland möge »nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit«, sondern auch »eine tausendjährige Zukunft haben«, der Gebrauch der SA-Losung »Alles für Deutschland«, ein einer Hitler-Rede entnommenes asketisches Jugendkonzept, das Höcke in einer Rede an AfD-Jugend mit denselben »ich-will«-Formulierungen, die Hitler in seiner Rede verwendet, entfaltet. In diesem Geist wird dann der deutsche Militarismus in Szene gesetzt, indem als die »Tugenden des Soldaten Ehre, Treue, Kameradschaft und Tapferkeit« herausgestellt werden.

Es zeigt sich zuerst und vor allem sprachlich, dass die AfD eine Gefahr für die Freiheit ist.

Dass die Waffen-SS auf ihren Koppeln den Wahlspruch trug: »Meine Ehre heißt Treue« stört nicht nur nicht, sondern ist erwünscht. Dazu passt eben auch Marginalisierung und Verharmlosung: Das Narrativ ›wir können stolz sein auf unsere Geschichte‹ endet zeitlich bei Bismarck, was ist da NS, Zweiter Weltkrieg und Holocaust? Ein »Vogelschiss«, wie Alexander Gauland befindet.

Kurzum: In nicht wenigen Reden, Äußerungen und Social-Media-Posts weht einem sprachlich der Nationalsozialismus entgegen. Die politische Rechte hält nicht nur keine Distanz, sondern ist durch eine affirmative Haltung gekennzeichnet. Das Mitglied des Deutschen Bundestages Matthias Helferich (geb. 1988) bezeichnet sich denn auch offen als »das freundliche Gesicht des NS«.

Dass damit Verletzungen bei den jüdischen Überlebenden und bei der zweiten und dritten Generation entstehen, liegt auf der Hand. Dass diese Verletzungen zumindest in Kauf genommen, wenn nicht bewusst zugefügt werden, ist vorauszusetzen und als Antisemitismus und Judenhass zu bewerten.

Es zeigt sich zuerst und vor allem sprachlich, dass die AfD eine Gefahr für die Freiheit ist. Ihre Sprache lässt das sie prägende Menschenbild erkennen, sie negiert die in unserem Grundgesetz verbürgte Gleichheit der Menschen, spiegelt Aggression und Gewalttätigkeit in ihrem Denken – und ist zu großen Teilen dem Nationalsozialismus sehr nah. Sprache der Gewalt mit exterminatorischem Potenzial ist Kennzeichen in der Sprache der Rechten.

Er richtet sich zwar derzeit nicht explizit gegen Juden, aber angesichts der Tatsache, dass Antisemitismus ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen ist, und weil die völkische Tradition sich deutlich artikuliert, ist das Phänomen, vor allem für Juden und Jüdinnen, beunruhigend. »Ich kann keinen einzigen Juden verstehen, der Sympathien für die AfD hegt oder sich in dieser Partei engagiert.« (Zentralratspräsident Josef Schuster) – dem ist nichts hinzuzufügen.

Dieser menschenfeindliche, aggressive Sprachgebrauch, der so viel aussagt über das Denken, Wollen und Sollen der Urheber, sollte als wesentliches, zentrales Kennzeichen in die Argumentation der Demokratinnen und Demokraten (auch im Zusammenhang mit einem Parteiverbot) aufgenommen werden. Es geht um den Schutz unserer Freiheit, und damit auch um den Schutz unserer Sprache. Es gilt, den Abnutzungsbemühungen der Rechten, ihrem Versuch, Sprache umzuwerten und ihr ihre Würde zu nehmen, etwas entgegenzusetzen.

Die Autorin ist Linguistin, Professorin und Chefin der Jüdischen Gemeinde Mannheim. Zuletzt erschien von ihr bei Reclam das Buch »Die Sprache der Rechten. Wie sie reden und was sie sagen« (2025).

Berlin

Julia Klöckner ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf

Die Bundestagspräsidentin erinnert an die Opfer des 7. Oktober 2023 in Israel. Ihre Botschaft: Antisemiten müssten in die Schranken gewiesen werden

 07.10.2026

Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Die Linke) und Nina Stahr (Grüne, v.l.) vor dem ersten Vorsondierungsgespräch, 1. Oktober

Nach der Wahl

Linke, Grüne und SPD in Berlin beraten über Umgang mit Antisemitismus

Die Regierungsbildung ist noch nicht richtig in Gang gekommen. Nun treffen sich Linke, Grüne und SPD zu einem dritten Vorgespräch – an einem historischen Tag. Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

 07.10.2026

Meinung

Magdeburg: Versagen der Demokraten

Nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt: Wie der Vormarsch der Rechtsextremen weitergeht, hängt auch von den demokratischen Parteien ab. Jetzt wären Zusammenhalt, Disziplin und Führung gefragt

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  07.10.2026

Islamismus

Studie: Nach Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg verlagern sich Netzwerke nach Frankfurt

Einer neuen Untersuchung von American Jewish Committee Berlin und democ zufolge bestehen die Strukturen des vom Iran gesponserten schiitischen Islamismus in Deutschland fort

 07.10.2026

Berlin

Fischer, Thierse, Altmaier – Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

Frühere Spitzenpolitiker von SPD, Grünen und CDU wenden sich gegen eine Koalition mit der Linkspartei in der Hauptstadt. Sie sähen gemeinsame Grundüberzeugungen zu Rechtsstaat und Demokratie nicht gesichert, heißt es in einem Appell

 07.10.2026

Berlin

Initiative von Jüdinnen und Juden wendet sich gegen Koalition mit der Linken

Mit einem offenen Brief an Vertreter von SPD und Grünen in Berlin und auf Bundesebene sowie ihre Fraktionsmitglieder warnen die Unterzeichnenden vor einer Regierung mit der Linkspartei in der Hauptstadt

 07.10.2026

Justiz

Fast 12.500 Strafverfahren zum Nahost-Konflikt in Berlin

Seit dem Terrorangriff auf Israel hat der Antisemitismus zugenommen. Keine Woche vergeht in Berlin ohne Demonstrationen zum Gaza-Krieg. Wie aufgeheizt die Stimmung ist, zeigen auch Zahlen der Justiz

 07.10.2026

Antisemitismus

Nach Angriff auf jüdischen Mann in Düsseldorf: Verdächtige ermittelt

Eine Woche nach dem Angriff auf einen deutschen Juden am Rheinufer in Düsseldorf hat die Polizei nun zwei Tatverdächtige ermittelt. Was bislang bekannt ist

 07.10.2026