Regensburg

Die Nacht, als die Nazis kamen

Gastronom aus Leidenschaft: Sion Israel Foto: Helmut Wanner

Der Regensburger Gastronom Sion Israel hatte an jenem Mittwochabend frei und war zu Hause auf der Couch eingeschlafen, als seine Frau plötzlich um 23.30 Uhr die Treppe herunterstürzte und rief: »Steh auf, die Nazis nehmen unser Lokal auseinander. Sie haben den Barkeeper zusammengeschlagen!« Nazis? Bei ihm? Das war für den 62-Jährigen ein Schock. Binnen einer Minute saß er im Auto – zehn Minuten später stand er im Lokal. »Ich war in meinem Leben noch nicht so entsetzt«, sagt Sion Israel. »Überall Scherben, drei Barhocker lagen überm Tresen. Einer hat den Zapfhahn umgedreht, der sprudelte. Das ganze Lokal war voll Bier und Blut.«

überfall In der Nacht zum 1. Juli hatten acht Rechtsextreme den Barkeeper seines Lokals »Picasso« überfallen. Sie verfolgten ihn bis hinter den Tresen, schlugen und traten ihn. Der junge Mann hatte Glück im Unglück, er konnte sich in einen Imbiss flüchten, wo man ihm Unterschlupf gewährte. Die Tür des Ladens hielt die Stiefeltritte nur deshalb aus, weil der Besitzer von innen einen schweren Kühlschrank davorschob. Fünf Täter wurden festgenommen, dann wieder entlassen, drei Schläger entkamen unerkannt. Der Barkeeper hatte ihren Zorn herausgefordert, weil er sich zwei Wochen vorher vor eine dunkelhäutige Frau und deren Kind gestellt hatte, die von den Neonazis beleidigt worden war.

Sion Israel fühlt sich acht Wochen nach dem Überfall auf sein im Stadtzentrum gelegenes Lokal immer noch wie in einem schrecklichen Film. Die Schäden im Restaurant sind zwar bis auf ein Loch über dem Tresen, verursacht von einem Barhockerbein, beseitigt. Aber das Geschehene lässt den Wirt, der in seinen 40 Jahren in Deutschland noch nie einen Nazi gesehen hatte, nicht mehr los.

glatzen Der ehemalige Musiker, der in Bagdad am Tag der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel geboren wurde, war 1971 auf einer Konzerttour durch Bayern, verliebte sich in eine Regensburgerin und blieb bei ihr. Sein erstes Lokal nannte er »Shalom«. An der Tür stand: »Geschäftsführer Sion Israel«. Mitglieder der jüdischen Gemeinde fragten ihn, ob er denn verrückt sei. Aber bis auf ein paar anonyme Anrufe war nie etwas geschehen – 22 Jahre lang nicht. Doch in einer einzigen Nacht hat sich die Wahrnehmung von Sion Israel verändert. »Wenn ich durch die Stadt gehe, schau ich auf 88er- und 81er-T-Shirts, Nazi-Symbole und Glatzen – Dinge, die mich früher nicht interessiert haben.« Sein Personal habe ihm erläutert, was weiße Schnürsenkel an schwarzen Springerstiefeln und die Doppel-Acht auf dem T-Shirt bedeuten.

Doch der Wirt lässt sich nicht einschüchtern. Er hat jedem der Täter ein schriftliches Hausverbot zugesandt. Zudem erhält Israel Solidarität: »Meine Nachbarn haben sich bei mir für das Verhalten dieser Menschen entschuldigt. Und das Regensburger Wirte-Aktionsbündnis finde ich supernett.« Jeden Montagabend trifft man sich im Lokal. Bei einer dieser Runden sicherte ihm der Bürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) seine Unterstützung zu. Die Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus und etwa 30 Regensburger haben in Regensburger Lokalen mehr als 100 Unterschriften von Gastwirten gesammelt. Ein Logo »Kein Bier für Braune« ist in Vorbereitung. Wirte sollen so signalisieren, dass sie Neonazis und Rassisten nicht mehr bedienen werden.

nach hause Die Aktion kommt auch außerhalb der Region gut an. Nur Hans Rosengold, Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Regensburg, ist skeptisch. Die Behörden wüssten, was in Deutschland geschehe. »Wenn es dann so deutlich zutage tritt wie im Fall von Sion Israel, dann ist das eine große Überraschung, und alle sind ganz eifrig bemüht. Das verpufft dann aber irgendwann wieder.«

Sion Israels exzellenter Eindruck von Deutschland hat keinen Schaden genommen: »Die paar Dummköpfe machen mein Bild nicht kaputt.« Und wenn der Wirt vom Urlaub aus Israel zurückkehrt, hat er jedes Mal aufs Neue das Gefühl, nach Hause zu kommen. Er sieht lieber die Sonnenseiten des Lebens.

Extremismus

Die Linke und der Judenhass

Der »taz«-Journalist Nicholas Potter hat ein Buch über die Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und Autoritarismus bei Teilen der Linken geschrieben. Ein Auszug

von Nicholas Potter  05.04.2026

Krieg

Trump gibt iranischer Führung Zeit bis Dienstagabend

Der US-Präsident hat der iranischen Führung mit heftigen Angriffen gedroht, sollte sie nicht einlenken

 05.04.2026

Botschafter Ron Prosor: Das Regime in Teheran steht mit dem Rücken zur Wand

Debatte

»Das wäre enorm wichtig, gerade für die vielen Kinder mit muslimischem Migrationshintergrund«

Israels Botschafter Ron Prosor spricht sich für Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten aus

 05.04.2026

Krieg

Israel meldet Tötung eines weiteren Öl-Kommandeurs im Iran

Nach einem Angriff in Teheran spricht Israels Militär von einem »schweren Schlag gegen die wirtschaftlichen Grundlagen des iranischen Sicherheitsapparats«. Das steckt hinter dem Angriff

 05.04.2026

Krieg

Trump: Wir haben unseren Soldaten gerettet und in Sicherheit gebracht

Rettung wie in einem Hollywood-Film: US-Spezialeinheiten konnten den vermissten Offizier des abgeschossenen Kampfjets geborgen. Der US-Präsident schildert die riskante Mission mit dramatischen Worten

von Lars Nicolaysen  05.04.2026

Krieg

Bericht: USA greifen Suchort von vermisstem US-Soldaten an

Die Suche nach dem vermissten Besatzungsmitglied eines US-Kampfjets läuft auf Hochtouren. Jetzt werden aus dem Iran Luftangriffe in einer Gegend gemeldet, in dem sich der US-Soldat befinden soll

 05.04.2026

München

Der Grüne, das Rathaus und die jüdische Gemeinschaft

Dominik Krause wird der nächste Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt. Der 35-Jährige ist Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und geht entschlossen gegen Antisemitismus vor. Ein Porträt

von Chris Schinke  04.04.2026

Krieg

»Kritische« Rettungsmission im Iran - Trump in Erklärungsnot

Die Suche nach dem vermissten Besatzungsmitglied eines Kampfjets wird für die USA zum Wettlauf gegen die Zeit - im Iran werden Kopfgelder ausgesetzt. Die Lage bringt die US-Regierung in Bedrängnis

von Cindy Riechau  04.04.2026

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026