Meinung

Die Linke und die Heuschrecken

Journalist Frederik Schindler Foto: Elias Keilhauer

Meinung

Die Linke und die Heuschrecken

Warum es keine gute Idee ist, für Kritik an Hedge-Fonds eine strukturell antisemitische Bildsprache zu benutzen

von Frederik Schindler  25.07.2018 16:10 Uhr

Der Industriekonzern ThyssenKrupp steckt in einer tiefen Krise. Nach einem Streit mit Investoren aus den USA über die künftige Strategie fürchten Mitarbeiter um ihre Jobs, und auch die Bundesregierung zeigt sich besorgt über eine mögliche Zerschlagung des Unternehmens.

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Alexander Ulrich mag sich deshalb besonders kritisch vorgekommen sein, als er in der vergangenen Woche forderte, es müsse »der Kampf gegen die Heuschreckenplage« aufgenommen werden.

Metapher Die Bundesregierung müsse endlich handeln, »wenn Heuschrecken wie der US-Fonds Elliott sich bei uns breitmachen, produzierende Unternehmen wie ThyssenKrupp zerstören und dabei tausende Arbeitsplätze vernichten«, forderte er in einer Erklärung. Der frühere Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wählte die gleiche Metapher und warnte in der Westfälischen Rundschau vor einem »Klassenkampf von oben« bei ThyssenKrupp.

»Heuschreckenüberfälle sind eine Plage. Sie fressen schnell, ziehen weiter und hinterlassen Wüsten. Das darf und kann man bekämpfen«, sagte Gabriel. Zumindest strukturell erinnert das an die entmenschlichende und antisemitische Bildsprache der Nationalsozialisten. Darin wurde unterschieden zwischen »raffendem« Handels- und Finanzkapital, das mit Juden und einer »Zersetzung des Volkskörpers« verbunden wurde, und einem »schaffenden« Kapital, das mit »guter deutscher Arbeit« und dem »Fortbestand des Volkes« verbunden wurde.

Zudem wurden Juden im Nationalsozialismus als Abscheu und Angst auslösende Ungeziefer dargestellt, die Deutschland vernichten wollen. In der Propaganda des »raffenden« und des »schaffenden« Kapitals wird das vermeintlich Ursprüngliche romantisiert, finstere Mächte werden für Zersetzung und Dominanz des Geldes verantwortlich gemacht.

Chiffren Auch in Ulrichs Dualismus von Heuschreckenkapitalismus und »unseren produzierenden Unternehmen« werden diese Kategorien angedeutet. In antisemitischen Kreisen werden solche Chiffren im Sinne einer »Umwegkommunikation« verwendet.

Die Intention mag bestimmt eine andere sein, sie spielt hier aber keine Rolle. Solche »Kritik« ist jedenfalls anschlussfähig für diese Deutung. Das Bild der Heuschrecke steht symbolisch für eine schnelle und rücksichtslose, also raffende, Renditeabschöpfung, während die hiesigen Unternehmen in dieser Sichtweise für Gemeinschaft, Sozialverträglichkeit und Fairness stehen. In diesem Fall steht ThyssenKrupp für ein organisch gewachsenes Traditionsunternehmen, während die US-Investoren als bedrohliches Gegenprinzip und als Eindringlinge gelten.

Das Stereotyp der Profitgier ist zudem Ausdruck einer Projektion, bei der nicht darauf reflektiert wird, dass Profit jeder kapitalistischen Gesellschaftsordnung inhärent ist, sondern der Drang danach nur im Anderen gesehen wird. Die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse bleiben unangetastet und werden als wesensfremd dargestellt, indem die gegenseitige Abhängigkeit zwischen »Produktions-« und »Zirkulationssphäre« ausgeblendet wird.

Die Amerikanisierung, so die Projektion, sei eine Bedrohung für ehrliche deutsche Unternehmer. Um diese Angst zu rationalisieren, wird ein Feindbild gesucht, auf dem die Schuld abgeladen werden kann. Das ist nicht kritisch, sondern reaktionär und gefährlich.

Frederik Schindler ist freier Journalist und lebt in Berlin.

Berlin

Linken-Chef sieht seine Partei »ganz klar an der Seite jüdischer Menschen«

Nach ihrem Wahlsieg in Berlin strebt die Linke eine Regierungsbildung an. Der Bundesvorsitzende Luigi Pantisano widersprach nun Anschuldigungen, die Partei sei antisemitisch

 28.09.2026

Liverpool

Dutzende Festnahmen bei Solidaritätsaktion für Palestine Action

Am Rande des Labour-Parteitags im nordenglischen Liverpool haben mehr als 250 Menschen gegen das Verbot der als Terrorgruppe eingestuften Organisation demonstriert

 28.09.2026

Berlin

»Die Berliner Linkspartei pflegt einen verstörend engen Kontakt zu Judenhassern«

Unionsfraktionschef Thorsten Frei warnt die Grünen und die SPD vor einer Regierungszusammenarbeit mit der Berliner Linken

 28.09.2026

Berlin

Streit über Antisemitismusvorwurf: Linke zeigt Dobrindt an

Der Bundesinnenminister kommentiert in der Sendung »Maybrit Illner« einen Versprecher der Moderatorin über die Berliner Linke Elif Eralp. Die sieht Anlass für eine Strafanzeige

 28.09.2026

London

Reporter oder doch Terroristen? BBC prüft Liste in Gaza getöteter Journalisten

Konkret geht es um 53 Personen, bei denen Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen festgestellt wurden

 28.09.2026

Deutschland

Stolperstein-Verbot in Heidenau löst bundesweite Debatte aus

In der sächsischen Stadt Heidenau sollen keine Stolpersteine zum Gedenken an NS-Opfer mehr verlegt werden. Die Bildungsministerin spricht von einem Skandal

von Paula Konersmann  27.09.2026

Wissenschaft

Auf dem Trockenen?

Dürre, Wassermangel, Hitzewellen: Nach diesem Sommer fragen sich immer mehr Menschen, wie wir dem Klimawandel trotzen können. Ein Blick nach Israel könnte helfen

von Gidon Bromberg  27.09.2026

Meinung

KI-Warnung: ehrlich oder eigennützig?

Wenn Künstliche Intelligenz wirklich so gefährlich zu werden droht, wäre nicht freiwillige Zurückhaltung, sondern internationale Kontrolle die richtige Antwort

von Elke Wittich  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026