Meinung

Deutliche Worte, klare Vorurteile

Damit hatte niemand gerechnet. Als vergangene Woche in Brüssel rund 100 Rechtsanwälte, Politiker und Diplomaten zu einer Konferenz zusammenkamen, um über den wachsenden Antisemitismus in Europa zu diskutieren, versetzte einer der Redner das Publikum in eine Schockstarre: Howard Gutman, Washingtons Botschafter in Belgien.

Gleich zu Beginn seiner Ansprache bat der 55-Jährige um Entschuldigung dafür, dass er nicht das sagen werde, was seine Zuhörer von ihm erwarten, nämlich »das Übliche«: den Hass gegen Juden grundsätzlich anzuprangern, ihn mit ein paar aktuellen Beispielen zu belegen, Alarm zu schlagen, Applaus entgegenzunehmen und sich dann wieder auf seinen Platz zu setzen. Er, Gutman, sei in Europa herzlich empfangen worden und habe keinen Grund, daran zu glauben, dass der Antisemitismus in der Alten Welt zunähme. Zwar bemerke er, dass die Einschüchterung und Gewalt gegenüber Juden stärker werde. Doch sei dies eine Folge des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern und werde sich legen, wenn im Nahen Osten Frieden einkehre.

Gesellschaft Was wie ein frommer Wunsch klingt, ist starker Tobak. Suggerieren die Worte des Botschafters doch, »die Juden« und »ihr Staat Israel« seien selbst Schuld am Antisemitismus und sollten sich doch bitteschön nicht wundern, wenn der eine oder andere aus der Mehrheitsgesellschaft gelegentlich ein wenig überreagiert. Welch Hohn in einer Zeit, da jüdische Eltern in Belgien um das Wohl ihrer Kinder fürchten, nachdem kürzlich ein 13-jähriges Mädchen von Mitschülerinnen geschlagen und getreten wurde! »Dreckige Jüdin, halt’s Maul und geh nach Hause in dein Land!«, soll die muslimische Anführerin geschrien haben. Jeder, der sich in Belgien umhört, weiß, dass dies kein Einzelfall ist – auch wenn die Medien kaum darüber berichten.

Seit mehr als zwei Jahren sitzt Howard Gutman auf seinem Brüsseler Posten. Der Sohn eines Schoa-Überlebenden sollte über ausreichend Kontakte verfügen, um die Stimmung in der jüdischen Gemeinde zu kennen. Doch offenbar zieht er es vor, sich andernorts feiern zu lassen. Die belgische Zeitung »Le Soir« titelte kürzlich über ihn: »Der Botschafter, der uns Amerika wieder lieben lässt«. Weil er die richtigen Ressentiments bedient.

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Gedenken

Zwei Buchenwald-Verbände gegen Auftritt von Wolfram Weimer

In der Gedenkstätte Buchenwald wird am 12. April an die Befreiung des Konzentrationslagers erinnert. Geplant ist ein Grußwort von Kulturstaatsminister Weimer. Zwei Verbände haben damit ein Problem

 23.03.2026

Krieg

Merz begrüßt vorläufigen Verzicht auf US-Kraftwerksangriffe im Iran

US-Präsident Donald Trump nimmt scharfe Drohungen gegen den Iran vorerst vom Tisch. Die Bundesregierung begrüßt das und bietet Mithilfe bei anderen Bemühungen an

 23.03.2026

Nahost

G7 verurteilen iranische Angriffe scharf und warnen vor Eskalation

In einer gemeinsamen Erklärung der G7-Außenminister ist von »nicht zu rechtfertigenden Angriffen« und einer Gefahr für die Stabilität die Rede

 23.03.2026

Schutz jüdischer Studenten

Klage von Lahav Shapira gegen FU Berlin abgewiesen

Der Gaza-Krieg sorgt auch an Berliner Hochschulen regelmäßig zu Protesten. Ein jüdischer Student fühlt sich nicht mehr sicher und zieht vor Gericht. Was sagen die Richter?

 23.03.2026

Berlin

Außenministerium stellt sich hinter Botschafter Seibert

Israels Außenminister kritisiert den deutschen Botschafter wegen Aussagen zur Siedlergewalt. Außenminister Wadephul telefoniert mit seinem Kollegen - und wiederholt die Kritik

 23.03.2026

Teheran

Können iranische Raketen nun Europa erreichen?

Nach dem Raketenangriff auf einen Militärstützpunkt auf der Insel Diego Garcia rückt auch Europa in den potenziellen Zielkorridor iranischer Raketen. Muss man sich in Berlin nun Sorgen machen?

von Arne Bänsch  23.03.2026

Griechenland

US-Flugzeugträger legt für Reparaturen auf Kreta an

Brand in der Bordwäscherei, Probleme mit Toiletten: Die »USS Gerald R. Ford« macht auf Kreta Halt. Ermittler der US-Marine gehen der Ursache des Feuers nach

 23.03.2026

Nahost

Iran dementiert Verhandlungen mit den USA

US-Präsident Donald verschiebt ein Ultimatum und verweist auf »produktive Gespräche« mit dem Iran. Aus Teheran kommt ein Dementi

 23.03.2026