Frankfurt

Der Tod der Blanka Z.

John Ausonius (M.) betritt den Frankfurter Gerichtssaal. Foto: dpa

Die Tür des Sitzungssaals II des Frankfurter Amtsgerichts in der Innenstadt öffnet sich am Mittwoch vergangener Woche, ein adrett gekleideter Mann mit grauen Haaren wird hineingeführt. Das Klicken Dutzender Kameras hallt durch den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. Alle strecken sich, um John Ausonius sehen zu können. Der Angeklagte wirkt gelassen, er lächelt in die Kameras.

Ihm wird vorgeworfen, 1992 die Frankfurter Jüdin und Schoa‐Überlebende Blanka Zmigrod heimtückisch und aus Habgier ermordet zu haben. Nun wird ihm in Frankfurt der Prozess gemacht.

rassismus In Schweden hatte Ausonius eine rassistisch motivierte Anschlagsserie verübt: Zwischen August 1991 und Januar 1992 schoss er auf insgesamt neun Migranten und ermordete einen von ihnen. Weil er ein Laserobjektiv benutzte, nannten schwedische Medien ihn den »Lasermann«. Der Polizei fielen Parallelen zu Banküberfällen auf, die ebenfalls von Ausonius verübt wurden. So konnte sie ihn schließlich festnehmen. Seit 1994 verbüßt er eine lebenslange Haftstrafe. Im Zuge der Ermittlungen gegen die Rechtsterroristen des NSU wurde der Mord an Zmigrod erneut aufgerollt. Seit 2016 sitzt Ausonius deswegen in Frankfurt in Untersuchungshaft.

Blanka Zmigrod hatte als Garderobiere in einem Frankfurter Hotel gearbeitet. Ausonius, der sich auf der Flucht in Frankfurt aufhielt, gab seine Jacke an ihrer Garderobe ab. Danach sei ein Casio‐Computer mit für ihn wichtigen Informationen verschwunden. Ausonius drohte Zmigrod. Wenige Tage später wurde Zmigrod auf dem Heimweg erschossen – mit einem Waffenmodell, das Ausonius vermutlich zuvor in Schweden verwendet hatte. Er behauptet aber, da hätte er sie schon verkauft.

stellungnahme Der erste Prozesstag ist geprägt von Ausonius’ Stellungnahme. Mehr als eine Stunde spricht er detailreich über sein Leben, um ein »falsches Bild« in den Medien zu korrigieren. Vor allem aber versucht er, seine Taten als Ergebnis einer kriminellen Vergangenheit zu erklären. Langatmig und sich selbst zum Opfer machend, erzählt er von wirtschaftlichem Scheitern, Gesetzesbrüchen, Spielsucht und vermeintlichen Gewissensbissen.

»Ich hatte eine vorgefertigte Meinung, wo der Hass nicht weit war«, sagt er, bestreitet aber eine ideologische Motivation für seine Morde. Ihn hätten eher »verwirrte Abgründe« angetrieben, für seine Misere habe er »nichteuropäische Zuwanderer« verantwortlich gemacht. Seine Taten bereue er, und in Schweden sei er zu Recht verurteilt worden; mit dem Mord an Blanka Zmigrod jedoch habe er nichts zu tun. »Ich hoffe, dass ich trotz des fehlenden Alibis nicht geopfert werde«, sagt Ausonius und verlangt einen Lügendetektortest. Sein Verteidiger beantragte vergeblich, das Verfahren wegen Mangels an Beweisen einzustellen. Das Gericht wird den Prozess voraussichtlich bis Mitte Januar führen.

strategie Hier deutet sich Ausonius’ Prozessstrategie an: Er will sich als Opfer eines politischen Schauprozesses darstellen. Er sei unschuldig, es lägen keine Beweise vor, ein Prozess so viele Jahre nach dem Mord verstoße gegen das Recht auf einen zeitnahen Prozess und damit gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Der Angeklagte vermutet, es habe »politischen Druck aus dem Bundestag« gegeben, schließlich hatte die Linkspartei eine Anfrage gestellt.

»Absurd«, sagt Martina Renner zu Ausonius’ Auslassungen. Die Bundestagsabgeordnete der Linken war es, die 2014 die Bundesregierung nach möglichen Verbindungen zwischen Ausonius und deutschen Neonazis sowie möglichen Inspirationsquellen für den NSU befragt hatte. Dies geschah, nachdem staatliche Stellen eingestehen mussten, rechte Tatmotive oft ausgeschlossen zu haben. Von dem Frankfurter Prozess erhofft sich Renner nun neue Erkenntnisse zu Ausonius’ Kontakten in Deutschland.

Was Ausonius vor Gericht erzählt, hält Renner für eine »Entschuldigungs‐ und Verteidigungsstrategie«. Hierbei blicke seine »Täter‐Opfer‐Umkehr« durch. Gerade der Versuch, seine Taten und seine Biografie zu entpolitisieren, sei »das Typische, das wir von Nazis historisch und ganz aktuell« kennen. Ausonius könne als »eine Art Bewegungstäter« verstanden werden, der »im gefühlten Auftrag vieler« handele und gesellschaftliche Stimmungen in offene Gewalt umsetze.

lasermann Schon in den 90er‐Jahren – und auch im Vorfeld des aktuellen Prozesses – fokussierte sich die Berichterstattung auf John Ausonius. Die Bezeichnung »Lasermann« zeugt von dieser boulevardesken Betrachtung. Unmittelbar vor dem Frankfurter Prozess veröffentlichte der schwedische Journalist Gellert Tamas, der seit Jahren zu Ausonius’ Anschlagsserie arbeitet, dass Blanka Zmigrod vier Konzentrationslager, darunter Auschwitz, überlebt hatte.

Was der Frankfurter Prozess bringen wird, gilt es abzuwarten. Gerade das Mordmotiv ist noch weitgehend ungeklärt. Der Mord aus Habgier aufgrund des angeblich gestohlenen Computers kommt ebenso infrage wie die Möglichkeit, dass es Kontakte zwischen Ausonius und Zmigrod gegeben hätte. Der Hessische Rundfunk präsentierte zum Prozessauftakt eine Zeugin, die Zmigrod für die »Betreiberin eines illegalen Spielclubs« hält. Dass Ausonius’ spielsüchtig war, ist bekannt.

Nicht zuletzt ist daran zu erinnern, dass John Ausonius in Schweden wegen einer rassistisch motivierten Anschlagsserie verurteilt wurde. Antisemitische Tatmotive sind alles andere als unwahrscheinlich – und sollten im Prozess keineswegs vernachlässigt werden.

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