Geschichte

Der Mut des Schreinergesellen

Ehrung für einen Helden: Georg-Elser-Denkmal in Berlin-Mitte Foto: imago

Am 8. November 1939 nehmen um 20.45 Uhr zwei Zöllner in Konstanz einen Mann fest, der auf dem Weg in die Schweiz ist. Die Beamten finden bei dem Schreinergesellen Johann Georg Elser (1903-1945) ein Abzeichen des kommunistischen »Roten Frontkämpferbunds«, Teile eines Zeitzünders und eine Ansichtskarte des Münchner Bürgerbräukellers. Darauf wissen sie sich keinen Reim zu machen.

Eine halbe Stunde danach verwüstet eine Bombe den Bürgerbräukeller in München und tötet acht Menschen. Die Explosion reißt ein Loch in die Decke und begräbt ein Rednerpult unter Trümmern. Keine Viertelstunde zuvor hatte dort noch Adolf Hitler gestanden. Ihm galt die Bombe. Versteckt hatte sie Georg Elser.

EHRUNG Elser ist heute neben Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg der bekannteste Widerständler, der versucht hat, Hitler zu töten. Vor dem 80. Jahrestag seiner Tat besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Elsers Geburtsort Hermaringen bei Heidenheim und das nahe gelegene Königsbronn, wo Elser aufwuchs.

Elser sei »ein Großer, an den die Erinnerung viel zu lange kleingehalten worden ist«, sagte Steinmeier am Montag in Hermaringen. In seinem Beisein wurde ein Denkmal für den Widerständler enthüllt worden - 74 Jahre, nachdem die Nazis Elser in Dachau ermordet haben. In Berlin-Mitte steht seit 2011 ein Elser-Denkmal.

Es liegt am schlechten Wetter in Berlin, dass das Attentat fehlschlägt.

Lange Jahre nach dem Krieg war sein Name in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Es gab den Verschwörungsmythos, Elser habe im Auftrag des Nazi-Regimes gehandelt, um mit einem fingierten Attentat den Kriegswillen der Deutschen zu fördern. Die Nazis hingegen hatten behauptet, Elser sei ein »Werkzeug des britischen Geheimdiensts« gewesen.

AUFARBEITUNG Ausgerechnet der Nazigegner, KZ-Häftling und spätere Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Martin Niemöller, behauptete nach dem Krieg, Elser sei in Wahrheit SS-Unterscharführer gewesen. »Das hat dem Ruf Elsers in der Aufarbeitung unheimlich geschadet«, ordnet Joachim Ziller ein, Leiter der Georg-Elser-Gedenkstätte im baden-württembergischen Königsbronn.

1969 wurden die Protokolle der Gestapo über Elsers Verhöre veröffentlicht. »Ich stellte Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse für die Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden kann«, gibt Elser bei der Gestapo zu Protokoll. »Hierzu wurde ich von niemandem angeregt, auch wurde ich von niemandem in diesem Sinne beeinflusst.«

Er habe lange sein Gewissen befragt, ob seine Tat gerechtfertigt sei. Sie sei »keine Sünde im Sinne der protestantischen Lehre«, sagt er im Verhör. Sein Motiv: »Ich wollte ja durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern.«

Elser fasst seinen Entschluss nach dem Münchner Abkommen im September 1938, als Hitler die Abtretung des Sudetenlandes erpresst. Für ihn ist klar, dass der Diktator Krieg will. In der Armaturenfabrik im schwäbischen Heidenheim, in der er arbeitet, bekommt er die Rüstungsanstrengungen des Regimes mit.

FLUGZEUG Es liegt am schlechten Wetter in Berlin, dass das Attentat fehlschlägt. Hitlers Flugzeug kann wohl nicht landen, der Diktator muss für die Rückreise den Zug nehmen. Deshalb verlässt er den Bürgerbräukeller früher als geplant. Jedes Jahr gedenken die Nazis dort am Vorabend des 9. November ihres gescheiterten Putsches von 1923. Gewöhnlich spricht Hitler stundenlang vor seinen Kumpanen aus der »Kampfzeit« - so nennen die Nazis die Jahre vor ihrer Machtübernahme.

Für Elser ist der Bürgerbräukeller der perfekte Ort, Hitler und die gesamte NS-Spitze zu töten.

Elser hatte vor allem moralische, kaum ideologische Gründe, wie Johannes Tuchel erklärt, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Zwar sei Elser Mitglied des paramilitärischen »Roten Frontkämpferbundes« gewesen und habe wahrscheinlich kommunistisch gewählt. »Bei dieser Tat steht aber eindeutig die Ablehnung des Kriegs im Vordergrund«, sagt Tuchel.

Für Elser ist der Bürgerbräukeller der perfekte Ort, Hitler und die gesamte NS-Spitze zu töten. Der Handwerker plant seine Tat detailliert, um unbeteiligte Opfer auszuschließen. Doch weil Hitler schon gegangen war, änderte sich die Situation. »Diese Wendung konnte er bei aller Sorgfalt nicht einplanen«, sagt Tuchel.

Eine Säule hinter dem Rednerpult hat Elser als ideales Versteck für die Bombe ausgekundschaftet. In der Armaturenfabrik stiehlt er nach und nach Teile, die er für den Anschlag benötigt. Dann kündigt er und nimmt eine Stelle in einem Steinbruch an, wo er mehrmals Sprengstoff abzweigt und ihn im Obstgarten seiner Eltern testet.

Kurz vor Kriegsende gibt Hitler im April 1945 den Befehl, Elser zu ermorden.

Mehr als 30 Abende besucht Elser den Bürgerbräukeller und isst dort für 60 Pfennige eine einfache Mahlzeit. Er versteckt sich jedes Mal bis Betriebsschluss in einer Kammer. Nächtelang kniet er neben der Säule und höhlt sie in mühevoller Kleinarbeit aus, um dort schließlich die selbst gebaute Bombe zu installieren.

Den anfallenden Schutt trägt er morgens in einem Koffer hinaus und kippt ihn in die Isar. Per Zeitzünder explodiert der Sprengstoff am 8. November um 21.20 Uhr - 13 Minuten, nachdem Hitler den Keller verlassen hat.

Die Gestapo steckt Elser zunächst ins KZ Sachsenhausen, später nach Dachau. Kurz vor Kriegsende gibt Hitler im April 1945 den Befehl, Elser zu ermorden. Am 9. April wird er aus der Zelle geholt. Ein SS-Oberscharführer tötet ihn mit einem Genickschuss.

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Streit

Verhandeln die USA und Iran am Dienstag?

US-Präsident Donald Trump behauptet, dass ein Treffen in Doha geplant sei. Doch die iranische Regierung äußert sich nur vage

 29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Nahost

So versuchen die USA und Iran vor dem Deal, Fakten zu schaffen

Am Dienstag sollen sich Vertreter beider Länder zu Verhandlungen treffen. Bis dahin versuchen beide Seiten, ihre Position zu stärken

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert

New York

Hamas-Unterstützerin Aber Kawas gewinnt Vorwahlen in New York

Die palästinensisch-amerikanische Demokratin machte den Nahost-Konflikt und soziale Fragen zum Kernthema ihres Wahlkampfes

von Imanuel Marcus  28.06.2026