Medien

»Der Film war zu unbequem«

Ahmad Mansour Foto: Gregor Zielke

Herr Mansour, Arte und WDR wollen die Dokumentation »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa« von Joachim Schroeder und Sophie Hafner nicht ausstrahlen. Sie waren ursprünglich als Koautor eingeplant. Wäre mit Ihnen der Film anders geworden?
Nein! Anscheinend ist man bei Arte davon ausgegangen, dass der Film »ausgewogener« wird, wenn ein Autor mit einem arabischen Namen dabei ist. Ich konnte damals nicht durch die Welt reisen und drehen, weil ich Vater geworden bin. Aber ich halte muslimischen Antisemitismus in Europa für sehr problematisch, und mit mir wäre die Ausrichtung der Dokumentation nicht anders gewesen. Die Ausstrahlung wurde abgelehnt, weil der Film zu unbequem war.

Was hat Arte wirklich an dem Film gestört? Die Dokumentation zeigt Aufnahmen aus Deutschland und Frankreich, Szenen mit jungen und alten Antisemiten und Interviews mit französischen Juden nach den Angriffen auf Synagogen 2014, die man sonst im Fernsehen nicht sieht ...
Ja, aber es war offenbar eine Frage der Political Correctness. Und es ist nicht das erste Mal, dass es Schwierigkeiten gibt, wenn wir Islamismus und Antisemitismus im Fernsehen zeigen wollen. Dann kommen immer die Relativierer und Verharmloser und sagen, das sollte man nicht zeigen, weil es ein gefundenes Fressen für die Rechten sei, und weil es den gesellschaftlichen Frieden gefährde. Aber man muss über Probleme berichten, das ist Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. In dieser Frage hat er jetzt total versagt. Er hat einen Film geblockt, der schockiert und klar auf Probleme hinweist, und das darf nicht hingenommen werden.

Arte hat Formfehler angeführt.
Weil sie nicht über die wirklichen Gründe sprechen wollen. Und das finde ich feige. Der WDR baut jetzt eine Expertenrunde auf, um den Film neu zu bewerten. Das zeigt: Es geht nicht um Formfehler, es geht um Inhalte.

Was halten Sie von dem Einwand von Arte, es sei entgegen dem ursprünglichen Konzept zu viel im Nahen Osten gedreht worden?
Ich kann nicht verstehen, wie man über Antisemitismus in Europa berichten soll, wenn man nicht auch den Nahen Osten zeigt. Der Sommer 2014 sollte uns alle gelehrt haben, dass Konflikte sehr schnell nach Europa schwappen. Wer wissen will, wie Antisemitismus in Europa entsteht, der muss auch nach Israel und Palästina gehen, nach Gaza und ins Westjordanland, und muss die Argumente, die hierher importiert werden, entkräften.

Was sollte jetzt passieren? Die Bild-Zeitung hat den Film am Dienstag für 24 Stunden online gestellt, und offenbar sind andere TV-Sender ebenfalls interessiert ...
Ich denke, dass auch die Politik jetzt am Zug ist. Wenn solche Filme nicht gesendet werden, dann wird es für Journalisten und Produktionsfirmen in Zukunft sehr, sehr schwierig, ein solches Thema zu bearbeiten.

Das Gespräch mit dem Psychologen und Publizisten führte Ayala Goldmann.

Kommentar

Der alte Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Meinung

Libanon: Zwischen Anschein und Wirklichkeit

Wer den aktuellen Konflikt verstehen will, darf den Zedernstaat nicht als tragisches Opfer Israels lesen

von Jacques Abramowicz  07.06.2026

Berlin

Verfassungsschutz warnt vor islamistischer Einflussnahme auf deutsche Institutionen

Laut BfV-Chef Sinan Selen geht es nicht um kurzfristige Aktionen, sondern langfristig angelegte Strategien, die auf eine Veränderung politischer Entscheidungsprozesse abzielen

 07.06.2026

Justiz

Richterbund warnt vor Einfluss der AfD auf Justiz

Das Risiko gezielter politischer Eingriffe in die Richterauswahl und in die Strafverfolgung müsse minimiert werden

von Lukas Philippi  07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  07.06.2026

Teheran

Irans neuer Oberster Führer erklärt USA zum Verlierer des Krieges

Der Oberste Führer wirft den Gegnern seines Landes vor, nach dem militärischen Konflikt nun auf psychologische Mittel zu setzen

 05.06.2026

Hamburg

Ex-Antisemitismusbeauftragter berät CDU

Stefan Hensel hatte sein Amt aus Protest gegen die Arbeit des rot-grünen Senats niedergelegt. Jetzt berät er die Opposition bei der Ausarbeitung eines Aktionsplans gegen Antisemitismus

 05.06.2026

Potsdam

Antisemitismusbeauftragter legt Bericht vor

Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner hat eine erste offizielle Bilanz seiner Arbeit angekündigt

 05.06.2026