Meinung

Den Opfern glauben

Mascha Malburg Foto: Marco Limberg

Anderthalb Jahre nach seinem Geständnis ist Gil Ofarim erneut an die Öffentlichkeit getreten. Er hat lange mit dem »Stern« gesprochen, aber die Erkenntnis des Interviews ist kurz: Ofarim will nun nur unter Druck gestanden haben, einen Hotelmitarbeiter in Leipzig fälschlicherweise des Antisemitismus beschuldigt zu haben. Doch Beweise, dass er tatsächlich im Oktober 2021 in der Lobby beleidigt worden war, legte Ofarim nicht vor.

Für viele ist Ofarims Vorgehen nur schwer nachvollziehbar. Manche machen den Sänger sogar dafür verantwortlich, dass Antisemiten nun jemanden haben, auf den sie mit dem Finger zeigen können. Das sieht er sogar selbst so: Er habe ihnen »einen Grund gegeben, ihren Antisemitismus bestätigt zu sehen«, so Ofarim. Aber Antisemiten brauchen in der Regel keinen Anlass.

Egal, ob Ofarim nun gelogen hat oder nicht – der Fall zeigt exemplarisch, dass potenzielle Opfer von Antisemitismus es schwer haben. Er zeigt, dass judenfeindliche Sprüche kaum zu beweisen sind – selbst dann nicht, wenn Überwachungskameras mitlaufen. Er zeigt, dass viele glauben, Judenhass sei in bestimmten Milieus undenkbar: So sagte ein Richter, er könne sich so etwas »in einem hochklassigen Hotel schwer vorstellen«.

Lesen Sie auch

Er zeigt, wie eilig solche Vorwürfe pauschal ausgeräumt werden. So sagte ein Gutachter nach dem Prozess, er sei froh, dass seine Analyse »den Makel beseitigen konnte, der auf Sachsen lag« – während im Freistaat drei bis vier antisemitische Vorfälle pro Woche registriert werden. Und letztendlich zeigt er, was passiert, wenn ein Jude in der Öffentlichkeit einen großen Fehler macht: Gil Ofarim ist nicht einfach »gecancelt« worden. Er wurde nach den Vorwürfen judenfeindlich bedroht, zusammengeschlagen, brauchte Polizeischutz.

Wer meint, nach dem Fall Ofarim könne man die mehr als 5000 antisemitischen Straftaten, die allein im vergangenen Jahr in Deutschland gemeldet wurden, anzweifeln, war schon vorher Antisemit. Juden zu glauben, ist wichtiger denn je.

malburg@juedische-allgemeine.de

Replik

Ein starkes Kurdistan kann Israels Partner werden

In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen äußert sich die Expertin Ofra Bengio skeptisch zur Chance eines kurdisch-israelischen Bündnisses in Nahost. Eine Replik des Bundesvorsitzenden der Kurdischen Gemeinde Deutschland

von Ali Ertan Toprak  07.02.2026

Libanon

Kreise: Hochrangiger Hisbollah-Funktionär tritt zurück

Die Hisbollah im Libanon steht unter Druck: Sie soll sich entmilitarisieren. Nun tritt ein prominenter Funktionär zurück

 07.02.2026

Nahost

Trump: Anfang nächster Woche wieder Gespräche mit Iran

Nach den wiederaufgenommenen Verhandlungen mit dem Iran erhöht der US-Präsident mit einer Zoll-Drohung den Druck auf Teheran. Kurz darauf erzählt er, wie die Gespräche aus seiner Sicht liefen

 07.02.2026

Protest

Tausende demonstrieren in Berlin für Freiheit im Iran

Sie wollen den Menschen im Iran eine Stimme verleihen. Zahlreiche Organisationen und politische Persönlichkeiten versammeln sich am Brandenburger Tor. Etliche bangen um Angehörige in der Heimat

 07.02.2026 Aktualisiert

Extremismus

AfD: Björn Höcke zitiert abermals Nazi-Parole

Der AfD-Politiker Höcke ist wegen einer verbotenen Nazi-Parole bereits verurteilt worden. Jetzt prüft die Polizei einen neuen Vorfall. Doch Abgeordnete stehen unter besonderem Schutz

 06.02.2026

München

Jüdische Gemeinde erhält Drohbrief mit Patrone

Der Staatsschutz der bayerischen Polizei ermittelt

von Imanuel Marcus  06.02.2026

Berlin/Gießen

Nach Rede im Hitler-Stil: AfD will Mitglied rauswerfen

Mit seiner Rede, die an Adolf Hitler erinnerte, sorgte Alexander Eichwald beim AfD-Jugendkongress für Aufregung. Jetzt droht ihm der Parteiausschluss

 06.02.2026

Berlin

Julia Klöckner reist nach Israel

Die Bundestagspräsidentin will sich mit Regierungs- und Oppositionsvertretern austauschen, nach Yad Vashem und zum Nova-Festival-Memorial fahren

 06.02.2026

Kommentar

Strafanzeige als PR-Gag?

Laut und verwegen ist der Genozid-Vorwurf einer Schweizer Gruppierung gegen den Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis. Mit einer Rechtsdebatte hat es aber nichts zu tun

von Nicole Dreyfus  06.02.2026