Warnung

»Das kennen wir alles«

Sichtbare Präsenz: Die Polizisten vor dem Jüdischen Museum sind mit Maschinenpistolen ausgestattet. Foto: Mike Minehan

Bei den Warnungen vor möglichen Terroranschlägen in Deutschland wird meist Berlin als Ziel genannt. In der Hauptstadt sind nicht zuletzt jüdische Einrichtungen bedroht. Doch die Menschen bleiben weitgehend gelassen. Das gilt auch – und vielleicht gerade – für in Berlin lebende Juden. Zwar ist von erhöhter Wachsamkeit die Rede, in Panik verfällt jedoch niemand.

schalom Auch Billy Rückert, Elternvertreterin an der Heinz‐Galinski‐Schule, sieht keinen Anlass zur Hysterie. Als sie zum Treffen des Chanukka‐Komitees in der Jüdischen Grundschule durch die übliche Sicherheitssperre eilt, nickt sie den Polizisten kurz zu und grüßt die Sicherheitsleute mit »Schalom«. Dass heute mehr Polizisten als sonst vor der Schule stehen, zumal ausgestattet mit Schutzwesten und Maschinenpistolen, nimmt die junge Mutter gelassen. Bedenken wegen der bevorstehenden Chanukka‐Aktivitäten habe sie nicht. »Auf unsere Sicherheitsleute ist Verlass«, sagt Billy Rückert zuversichtlich.

Das sehen die meisten Eltern genauso, auch wenn einige ihre Kinder eher mit einem mulmigen Gefühl zum Unterricht bringen. Kommentieren wollen die Beamten die angespannte Situation lieber nicht. Trotz ernster Gesichter und verschärfter Kontrollen am Eingang blieben besorgte Nachfragen bislang aus.

Die kämen lediglich von benachbarten Schulen, erklärt Direktorin Noga Hartmann. »Die ständige Bedrohung gehört zu unserem Alltag. Angesichts der Maschinenpistolen am Eingang fragen Kollegen aus den Nachbarschulen, ob bei uns alles so weiterläuft wie bisher. Für sie ist das ein ungewohnter Anblick.«

normalität Gleichwohl sieht Hartmann bislang keinen Anlass, den Schulbetrieb oder gar die Vorbereitungen zum Chanukka‐Fest einzuschränken. »Business as usual« sei ohnehin die beste Art, der Angst zu trotzen. »Das kennen wir aus Israel. Man kann doch nicht alle Supermärkte, Flughäfen oder Schulen schließen. Dann hätten ja die Terroristen erreicht, was sie wollen.« Das jedoch lehnt die Direktorin der Heinz‐Galinski‐Schule nachdrücklich ab. Vielmehr wolle man sich in den Klassen auf das Leben konzentrieren. Mit Lernen und so viel Normalität wie möglich. Tikkun Olam, die Heilung der Welt, sei schließlich das Jahresmotto. »Das Leben ist zu kurz, um der Angst Raum zu geben. Wir lassen uns von Terroristen nicht unsere Festtage kaputt machen. Lieber arbeiten wir weiter an uns selbst«, sagt Hartmann. Und lächelt dabei aufmunternd.

Eine Einstellung, die auch David Uscher teilt. Als Sohn eines israelischen Diplomaten hat er schon frühzeitig ein Gespür für das Thema Sicherheit entwickelt. Bis heute prägt es daher sein Bewusstsein. »Ob vor 30 Jahren oder heute, ob in Tel Aviv, London, Bombay oder Berlin – die Terrorgefahr ist immer und überall auf der Welt präsent.« Für den zweifachen Vater und aktiven Gemeindepolitiker ist das weder ein Grund zu resignieren noch einer, in Hysterie zu verfallen – auch wenn er jeden Tag seine Augen offenhält und mitunter auch »komische Wege nach Hause« fahre.

Wer einen Anschlag plane, werde sich von der »zur Schau gestellten Stärke unserer Polizisten nicht davon abhalten lassen«, so die Einschätzung des Elternvertreters. »Aber die Präsenz der Sicherheitsleute regt vielleicht zu mehr Wachsamkeit an«, fügt Uscher nachdenklich hinzu.

Museum Wachsam sind auch die bewaffneten Polizisten vor dem Jüdischen Museum. Seitdem die Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt erhöht wurden, müssen sie schwerer tragen als sonst, denn sie haben eine Maschinenpistole umgeschnallt, mit der sie vor dem sonnengelben barocken Altbau auf und ab laufen. Die Waffen seien die einzige Reaktion auf die Terrorwarnung. »Unsere Sicherheitsvorkehrungen sind von jeher hoch«, sagt eine Sprecherin des Jüdischen Museums. So müssen Besucher wie am Flughafen ihre Taschen auf ein Förderband legen und durch einen Metalldetektor laufen.

Sufganiot Das gilt auch für die Besucher des Chanukkamarktes, der am kommenden Wochenende eröffnet wird. Er findet im Glashaus des Museums statt, und jeder, der dann Sufganiot isst, ist vorher kontrolliert worden. Wie die beiden Mittdreißiger Monika und Erika aus London, die sich von den erhöhten Sicherheitsmaßnahmen nicht beeindrucken lassen: »Ehrlich gesagt, denke ich darüber gar nicht nach. Das hält mich nicht davon ab, irgendwo hinzugehen«, sagt Monika.

Auch vor den Berliner Synagogen hielten die Sicherheitsvorkehrungen weder Beter noch Besucher von der Teilnahme am Gottesdienst ab. Im Gegenteil. Wer am Freitagabend in die Synagoge wollte, ließ geduldig Taschendurchsuchung und Personenkontrolle über sich ergehen, auch wenn sie diesmal etwas länger ausfielen. Ein Prozedere, das die meisten ohnehin längst gewohnt sind: von Besuchen im Gemeindezentrum oder Flügen nach Israel.

Am Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße ist die Präsenz der bewaffneten Beamten sichtbarer als vor dem Jüdischen Museum. Funkgeräte piepsen, die Polizisten blicken mit strengem Blick auf die regennasse Straße, und die dicke Glastür am Haupteingang öffnet sich mit einem ruckelnden Geräusch. Auch Stéphane muss durch die Sicherheitskontrolle. Der 24‐jährige Pariser kennt das von zu Hause. »Bei uns ist die Terrorwarnung ebenfalls hoch, und es ist das gleiche Bild in den Straßen oder vor Einrichtungen – nicht nur vor jüdischen.«

Doch Aktivitäten finden nicht nur hinter hohen Sicherheitsmauern statt. So hält zum Beispiel Chabad an seiner Tradition fest, den Chanukka‐Leuchter an einem vermeintlich hoch gefährdeten Ort wie dem Brandenburger Tor zu entzünden. Die Entscheidung der Lubawitscher – angesichts der Terrorwarnung keine Selbstverständlichkeit – wertet Elternvertreterin Billy Rückert daher als positives Signal. Auch für ihre eigene Initiative des ersten Chanukka‐Basars an der Heinz‐Galinski‐Schule. »Ich weiß, dass ich hier nichts zu befürchten habe, denn in der Schule fühle ich mich sicherer als an jedem anderen Ort der Stadt«, sagt sie energisch.

Gefahr
Vor allem Israel bleibt im Fadenkreuz von Al Qaida. Deshalb müssen die Kapazitäten des Geheimdienstes ausgebaut werden, fordert Yoram Schweitzer vom Tel Aviver Institute for National Security Studies (INSS). Wichtig sei für den jüdischen Staat auch, die Kooperation mit befreundeten Nationen auszubauen. Beim Kampf gegen die Terroristen und den globalen Dschihad habe Israel ähnliche Interessen wie viele andere Länder in der Region, schreibt Schweitzer. Das erleichtere es zwar, sei aber keine alleinige Erfolgsgarantie. Deshalb fordert er vermehrte Anstrengungen Israels gegen den Terrorismus: »Israelische und jüdische Ziele bleiben auch außerhalb des Landes gefährdet«, so Schweitzer. Für Al Qaida seien Erfolge beim Angriff auf solche Ziele attraktiv, weil sie die Popularität bei der muslimischen Bevölkerung erhöhen.

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