Nachrichten-Diät

Das beruhigt

Öfter mal den Aus-Knopf drücken – am besten regelmäßig Foto: Thinkstock

Haben auch Sie eine App eines Nachrichtenportals und werden jetzt immer wieder durch die Vibration oder das Gepiepe Ihres Smartphones aufgeschreckt? Verfolgen auch Sie mit Schrecken die Fernsehnachrichten oder schauen voller Sorge auf die Online-Seiten der Zeitungen, die über die neuesten Attacken und Anschläge, über Warnungen und Verhaftungen, Fahndungen der Polizei und Analysen von irgendwelchen Terrorexperten berichten? Und – das ist die eigentliche Frage – haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, wie ein Leben ohne diese Nachrichten aussehen würde?

Harald Martenstein hat kürzlich in seiner »Zeit«-Kolumne über einen Mann geschrieben, der ihm erzählte, dass er seit einem Jahr nachrichtenabstinent lebt. »Was bringt das?«, hat er ihn gefragt. »Es beruhigt«, hat ihm der Mann geantwortet.

seele Nach dieser Ruhe sehnen sich viele von uns. Schon länger, aber besonders jetzt in diesen Wochen. Manche sehnen sich danach, weil ihnen ganz allgemein die Welt zu schnell und das Nachrichtenangebot zu viel geworden ist. Andere meinen, sie müssten jetzt den ständigen Horrornachrichten von bombenden Terroristen und Kehlen aufschlitzenden Islamisten entfliehen. Verständlich. Man kann es nicht mehr hören. Und warum sollte man dem nicht mal entfliehen? Der Seele würde es guttun.

Also: Wie können wir dem entgehen? Eine schon erwähnte Möglichkeit wäre, komplett nachrichtenabstinent zu leben. Aber was ist dann zum Beispiel, wenn ein heftiges Gewitter mit Starkregen und Sturmböen im Anzug ist und die Feuerwehr über »Breaking News« vor dem Unwetter warnt? Oder, und da sind wir doch wieder beim Thema, wenn die Polizei rät, die Wohnung nicht zu verlassen, weil gerade Einsatzkräfte einem flüchtigen Terroristen hinterherjagen?

Eine andere Möglichkeit wäre, eine Art Filter zu haben, der Wichtiges von Unwichtigem trennt. Der also Meldungen über den Zusammenbruch des Musicalstars in Tecklenburg, die Messerstecherei in der Pokemon-Arena oder über den Rapper, der sich selbst in die Wange schoss, um berühmt zu werden, einfach nicht durchlässt. Dann könnte man überlegen, ob die Nachrichten vom Hochwasser in Nepal oder vom Drogenkrieg auf den Philippinen nicht auch vorher aussortiert werden können.

»selektive ignoranz« Der »Stern« hat vor einigen Jahren auf ein Buch (Die 4-Stunden-Woche. Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben) des Amerikaners Timothy Ferriss hingewiesen, eine Art Ratgeber, wie man durch »selektive Ignoranz« zu mehr Zeit, Geld und Lebensqualität kommen könne. Der Autor beruft sich dabei auf den Philosophen und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, von dem der Satz stammen soll: »Es gibt viele Dinge, die ein kluger Mann nicht wissen will.« Ferriss plädiert für eine konsequente Nachrichtendiät, die glücklicher, gelassener und erfolgreicher mache.

Glücklicher, gelassener und erfolgreicher? Klingt gut. Und wenn mir jemand sagt, dass er sich nicht mit allen Meschugassen in der Welt beschäftigen will, ist das bewundernswert gelassen. Aber auch irgendwie ignorant. Wie Martenstein in seiner Kolumne schrieb: Für ihn wäre die Nachrichtenabstinenz nichts, dafür sei er zu neugierig.

Also kommt das, vielleicht bei einem rabbinischen Autor nicht so überraschende, Plädoyer für die Ein-Tages-Nachrichtendiät: Schabbat! Wir müssen uns nicht rund um die Uhr mit den erschreckenden Nachrichten dieser Welt beschäftigen. Wir können auch mal Pause machen. Nicht ein Jahr, einen Monat oder eine Woche. Nein, einen Tag lang. Jede Woche.

zeit Einfach mal am Freitagnachmittag runterkommen, den Aus-Knopf der wöchentlichen Hektik drücken, den Fernseher ausschalten, das Handy und das iPad beiseitelegen. Und sich den schönen Dingen des Lebens widmen: leckeres Essen, tolle Weine, wunderbare Gespräche, gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden, spirituelle Themen, Lieder, Gebete und Toralesung.

An Schabbat und den Feiertagen ist es sogar verboten, schlechte Nachrichten zu überbringen, weil sie Trauer verursachen. Nachzulesen ist das im Kizzur Schulchan Aruch 90,4. Selbstverständlich muss man in diesen Tagen auch darauf hinweisen, dass dringende Warnmeldungen auf jeden Fall übermittelt werden müssen. Lebensrettung, Pikuach Nefesch, geht vor. Aber sonst gilt: Der Schabbat ist der Tag ohne schlechte Nachrichten, ohne Trauer und ohne Terror.

Das Wort Terror bedeutet, aus dem Lateinischen übersetzt, Furcht und Schrecken. Dem mal einen Tag zu entfliehen, ist eine gute Sache. Am Samstagabend können wir uns ja wieder in den Nachrichten-Alltag stürzen. Wir werden sehen: Wahrscheinlich haben wir gar nicht so viel verpasst. In Kohelet 1,9 versichert uns König Salomon: »Was gewesen ist, dasselbe wird sein, und was geschehen ist, dasselbe wird geschehen. Und nichts Neues gibt es unter der Sonne.« Nichts Neues? Wir werden also nichts verpassen? Das beruhigt.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

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