27. September 1951

Brücke in die Zukunft

Bundeskanzler Konrad Adenauer spricht im Bonner Bundestag. Foto: picture alliance / dpa

Dass im Jahr 2021 die jüdische Gemeinde in Berlin mit rund 10.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Deutschlands sein würde und darüber hinaus geschätzt bis zu 15.000 Israelis die deutsche Hauptstadt ihr Zuhause nennen, damit hätte vor 70 Jahren, sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Ermordung von sechs Millionen Juden durch deutsche Nationalsozialisten, keiner gerechnet.

Eine Regierungserklärung von Bundeskanzler Konrad Adenauer am 27. September 1951 legte den Grundstein für eine allmähliche Wiederannäherung der Juden an Deutschland. Mit ihr übernahm Deutschland die Verantwortung für die im Dritten Reich begangenen Verbrechen und stellte Entschädigung in Aussicht.

bundestag »Die Bundesregierung und mit ihr die große Mehrheit des deutschen Volkes sind sich des unermesslichen Leides bewusst, das in der Zeit des Nationalsozialismus über die Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten gebracht wurde«, erklärte Adenauer im Bundestag. Unsagbare Verbrechen seien im Namen des deutschen Volkes begangen worden, »die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten«. Eine entsprechende Lösung solle gemeinsam mit Vertretern des Judentums und des Staates Israel gefunden werden.

Der Widerstand in Israel gegen die Aufnahme von Verhandlungen mit Deutschland war groß, manchmal gewalttätig. »Es gab nicht nur tumultartige Szenen, sondern es war alles andere als unwahrscheinlich, dass darüber ein Bürgerkrieg entstehen könnte«, beschrieb der Historiker Michael Wolffsohn die Zustände.

Mit Deutschland reden: Für viele war das nach dem Holocaust undenkbar. Das jüdische Volk, sagten Kritiker, würde sich durch die Verhandlungen zum Instrument deutscher Politik machen. Gleichzeitig brauchte Israel dringend Geld, um den Aufbau des jungen Staates voranzutreiben. Statt direkt an Deutschland hätte Israel seine Forderungen am liebsten indirekt gestellt, über die alliierten Besatzungsmächte. Doch die lehnten ab, Deutschland eine entsprechende Reparationsleistung aufzuerlegen.

claims conference Also wurde direkt verhandelt: auf neutralem Boden, in einem Schloss im niederländischen Wassenaar; ab März 1952 sechs zähe Monate lang. Am Ende stand das »Luxemburger Abkommen«, das am 10. September 1952 im Rathaus von Luxemburg geschlossen wurde und 1953 in Kraft treten sollte. Neben Adenauer und dem israelischen Außenminister Mosche Scharet setzte der Präsident der jüdischen Claims Conference, Nahum Goldmann, seine Unterschrift darunter – jenem Zusammenschluss von 23 jüdischen Organisationen, die die außerhalb Israels lebenden Nazi-Opfer vertraten.

Mit dem Abkommen verpflichtete sich Deutschland zu Zahlungen an den Staat Israel im Wert von drei Milliarden D-Mark. Bemessungsgrundlage waren die Eingliederungskosten überlebender Flüchtlinge in Israel. Weitere 450 Millionen sollten an die Claims Conference gehen. Über zwölf Jahre sollten sich die Entschädigungen erstrecken und ein Drittel in Form von deutschen Waren erfolgen.

Auch in Deutschland war der Widerstand gegen das Abkommen groß. Nach einer Untersuchung des Allensbacher Instituts von August 1952 stimmten nur elf Prozent der Befragten den Plänen uneingeschränkt zu. Adenauer setzte sich schließlich mit Hilfe der geschlossenen Stimmen der oppositionellen SPD im Bundestag durch.

reparationszahlungen Erstmals in ihrer Geschichte erhielten Juden so eine globale Entschädigung für ihnen zugefügte Verluste. Ebenfalls erstmals gingen Reparationszahlungen an einen Staat, der zur Zeit der Schädigung nicht bestand. In Deutschland förderte das Abkommen die eigene Wirtschaft. Deutsche Züge und Schiffe sowie Stahl wurden im Rahmen des Abkommens nach Israel gebracht, auch chemische und pharmazeutische Produkte. Glaubt man der gängigen Interpretation der Wissenschaft, sah Adenauer im Erfolg sowohl der Reparationsverhandlungen als auch im Sonderabkommen mit Israel die Einlasskarte Nachkriegsdeutschlands in die westliche Welt.

Einmal beschlossen, hält sich Deutschland buchstabengetreu an das Abkommen, zahlt Ende 1965 die letzten Raten. Nach der Wiedervereinigung nimmt sich die vereinte Bundesrepublik auch der verbleibenden Forderungen an. Anders als Westdeutschland hatte die DDR bis zu ihrem Ende jede Form von Wiedergutmachungsleistungen abgelehnt, sowohl dem Staat Israel als auch der Claims Conference gegenüber. Mit der Wende konnte mit der »Rückerstattung Ost« auch die Rückgabe jüdischen Eigentums in der ehemaligen DDR beginnen.

Shilumim – Zahlungen: Mit diesem technischen Begriff bezeichnet Israel, was in Deutschland unter dem problematischen Begriff »Wiedergutmachung« seinen Weg in Abkommen und Geschichtsbücher gefunden hat. Die simple Gegenüberstellung der beiden Bezeichnungen umfasst das Dilemma. Das Leid, das Juden durch die Nationalsozialisten angetan wurde, kann nicht »wieder gut« gemacht werden.

Doch rückblickend habe sich das einst ungeliebte »Luxemburger Abkommen« als eines der denkwürdigsten der Menschheitsgeschichte erwiesen, so der Leiter der israelischen Verhandlungsdelegation, Felix Schinnar. Nicht zuletzt die deutschen Waren führten zu einem psychologischen Dammbruch in Israel, die eine Wiederbegegnung mit dem deutschen Volk ermöglichte. Adenauer und Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion machten damit aus durchaus realpolitischen Motiven den Anfang für einen Annäherungsprozess zwischen beiden Ländern.

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