Meinung

Bob Dylan, das arrogante Genie

Andrei S. Markovits Foto: Michigan Photography

Meinung

Bob Dylan, das arrogante Genie

Der amerikanische Musiker ist einzigartig, er sollte aber von seinem hohen Ross herabsteigen

von Andrei S. Markovits  26.10.2016 13:47 Uhr

Was kann man noch sagen, wenn es um Bob Dylan geht? Ist er ein Protestsänger? Falsch. Ein Folksänger? Falsch. Rockmusiker? Dichter? Philosoph? Wiedergeborener Christ? Falsch, alles falsch. Nichts passt wirklich. Und ein konventioneller Jude ist Dylan ja auch nicht gerade. Dabei gibt es doch Zuschreibungen, die auf Dylan passen: Er ist ein schöpferischer Mischmasch, eine rätselhafte Synthese, von denen es im 20. Jahrhunderts nur sehr wenige gab und gibt.

Leider. Denn mit dieser Einzigartigkeit geht auch eine Arroganz einher, die mich an Dylan immer geärgert hat. Dass er vor einer Institution wie dem Nobelpreiskomitee nicht auf die Knie fallen möchte, geht in Ordnung. Aber es ist keinesfalls okay, nicht einmal zu reagieren. (Sogar nach einem gemeinsamen Konzert Dylans mit den Rolling Stones in Kalifornien hat er geschwiegen, als ein vor Stolz beinahe platzender Mick Jagger sagte: »Wir standen noch niemals mit einem Nobelpreisträger auf der Bühne, ich möchte Bob für diesen unglaublichen Abend danken.«)

Come on, Bob, steig von deinem hohen Ross! Denk einfach mal daran, dass Schriftsteller wie Philip Roth und Don DeLillo diesen Preis nun wohl nie erhalten werden, da das Komitee seine Quote für Amerikaner für die nächsten 30 Jahre ausgeschöpft hat.

Unhöflichkeit Mein erstes Bob-Dylan-Konzert besuchte ich als 19-jähriger Student im Januar 1968 in der New Yorker Carnegie Hall – das legendäre Woody-Guthrie-Gedächtniskonzert. Mein bislang letztes war in Toledo, Ohio, am 29. Juni dieses Jahres. Dass Dylan in den fast 40 Konzerten, die ich erlebte, noch nie zum Publikum sprach, hat mich nie gestört, im Gegenteil: Ich hasse es, wenn Künstler ihre Macht über das Mikrofon dazu nutzen, um zu monologisieren, wie toll sie sind. Nein, da habe ich doch immer Dylans Verwirrspiele vorgezogen. Sogar dann, wenn sie zu einer Unhöflichkeit führten – etwa der, dem Nobelkomitee nicht zu danken.

An dem Tag, als der Nobelpreis für Dylan verkündet wurde, sagte ich im Hörsaal zu meinen verblüfften Studenten: Das ist für mich so, als wenn die New York Yankees bei den World Series siegen. Und wenn die Footballer der University of Michigan die Big Ten Conference gewinnen. Und wenn Manchester United die Champions League holt. Und zwar alles auf einmal! Es gab Studenten, die meine Freude über Dylans Nobelpreis wirklich zu würdigen wussten. Die meisten aber dachten, dass ihr alter Professor nun völlig übergeschnappt ist.

Der Autor lehrt Politische Wissenschaft an der University of Michigan.

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