Berlin

Blaue Glaswand erinnert seit zehn Jahren an »Euthanasie«-Morde

Das Mahnmal für die Opfer des nationalsozialistischen »Euthansieprogramms« an der Philharmonie in Berlin wurde 2014 eingeweiht Foto: picture alliance / imageBROKER

Die blaue Glaswand unmittelbar neben der Berliner Philharmonie fällt auf: Sie erinnert an eine lange vernachlässigte Opfergruppe des Dritten Reiches: die von den Nationalsozialisten ermordeten psychisch kranken und behinderten Menschen. Die Wand steht in der Tiergartenstraße in Berlin-Mitte, wo bis 1945 die Organisationszentrale der »Euthanasie«-Morde war. Vor zehn Jahren übergab Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) das Mahnmal der Öffentlichkeit. Ein Festakt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dem Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel erinnert am Montag daran.

Das Denkmal, die transparente Glaswand, ist 24 Meter lang. Sie verläuft auf einer zur Mitte leicht geneigten dunklen Fläche aus anthrazitgefärbtem Bodenbelag. Eine begleitende Freiluftausstellung informiert über die Geschichte der »Euthanasie«-Morde mit ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart.

Mehrere Initiativen hatten sich zuvor über Jahre für eine solche Stätte engagiert. Nach den Denkmälern für die ermordeten Juden, Homosexuellen sowie für Sinti und Roma ist es das vierte große Mahnmal im Berliner Zentrum für eine Gruppe, die von den Nationalsozialisten systematisch verfolgt wurde. Seine Errichtung beschloss der Bundestag 2011.

Schon 1933 erließen die Nationalsozialisten ein Gesetz zur Zwangssterilisierung bei Erbkrankheiten, aber auch bei Alkoholismus oder Schizophrenie. Der Zweite Weltkrieg radikalisierte die sogenannte Rassenhygiene noch einmal: Im Oktober 1939 unterzeichnete Hitler - rückdatiert auf den Kriegsbeginn am 1. September - den sogenannten »Euthanasie«-Erlass.

Demnach konnte »nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden«. Es war das Todesurteil für europaweit rund 300.000 psychisch kranke und behinderte Menschen. Sie fielen der systematischen NS-Tötungsmaschinerie zum Opfer, weil ihr Leben nach Maßstäben der Nazi-Ideologen nicht lebenswert war. Versteckt wurden die Verbrechen hinter dem Wort »Euthanasie«, was aus dem Griechischen übersetzt so viel wie »schöner, leichter Tod« bedeutet.

Der Deckname der Aktion lautete »T4« - benannt nach der Adresse der Gründerzeitvilla in der Berliner Tiergartenstraße 4, in der die Morde organisiert wurden. Dutzende Ärzte waren daran beteiligt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Zentrale beschädigt und in den 1950er Jahren abgerissen. Lange blieben der Massenmord an Behinderten und die rund 400.000 Zwangssterilisationen ein Tabu-Thema.

Schließlich entstand auf dem Gelände der Mordzentrale Anfang der 1960er Jahre die Philharmonie - das Villengrundstück bildet den Vorplatz. Erst Ende der 1980er Jahre wurde dort zum Gedenken an die »Euthanasie«-Opfer eine bronzene Bodenplatte eingelassen.

Das Mahnmal in der Hauptstadt ist ein Gemeinschaftsprojekt. Der Bund finanzierte es mit rund 620.000 Euro. Das Land Berlin stellte den bislang unbebauten Teil des Grundstücks sowie weitere Mittel für die Barrierefreiheit zur Verfügung. Mitarbeiter des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützten Projekts »Erinnern heißt gedenken und informieren« an der Technischen Universität München entwickelten das Konzept der Freiluftausstellung. Die Betreuung des Erinnerungsortes haben die Stiftungen Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Topographie des Terrors übernommen.

Eindringlich hatte der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) beim Baustart des Mahnmals erklärt, es solle ein Zeichen »gegen Hass, Verblendung und Kaltherzigkeit und für Toleranz, Mitgefühl und Achtung vor dem Leben« setzen. Das Besondere an dieser Gedenkstätte sei, dass sie an einem authentischen Täterort errichtet werde.

Auch eine Kritik an den Kirchen sparte er damals nicht aus: Nur wenige Kirchenvertreter hätten damals diese Gräueltaten der Nazis angeprangert. Den damaligen katholischen Bischof von Münster, Clemens August von Galen, nahm er davon aus: Er hatte die »Euthanasie«-Morde 1941 in seinen Predigten öffentlich scharf verurteilt.

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Berlin

Gedenktafel für NS-Gegner Otto Weidt geplant

In Berlin soll der Unternehmer Otto Weidt eine Gedenktafel bekommen: In der NS-Zeit bewahrte er blinde und gehörlose Jüdinnen und Juden vor der Deportation

 26.02.2026

Genf

USA und Iran pausieren Verhandlungen

Es sind womöglich entscheidende Gespräche zwischen den USA und dem Iran. Nun ziehen sich beide Seiten jedoch erst einmal zu internen Beratungen zurück

 26.02.2026

Online-Handel

»Pali-Schal« aus Corona-Zeiten

Der führende Parfüm- und Kosmetikhändler Douglas verkauft seit sechs Jahren einen Mund-Nasen-Schutz im Kufiya-Design. Jetzt will das Unternehmen den »Pali Scarf« aus dem Sortiment nehmen

von Sophie Albers Ben Chamo, Michael Thaidigsmann  26.02.2026

Köln

Vorerst nicht gesichert rechtsextrem: AfD gewinnt Eilverfahren

Der Verfassungsschutz muss den Ausgang des Hauptsacheverfahrens abwarten

 26.02.2026 Aktualisiert

Berlin

Messerattacke am Mahnmal: Anklage fordert lebenslange Haft

Ein spanischer Tourist wird am Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte von hinten angegriffen und schwer verletzt. Der Täter soll den Ort gezielt gewählt haben. Ein Jahr später ist ein Urteil in Sicht

 26.02.2026

Epstein-Akten

Neuvermessung eines Monsters

Die Dokumente sind wie ein großes Puzzle. Sie räumen mit vielen Legenden auf und zeigen, wer den Aufstieg des millionenschweren Investors und Sexualstraftäters förderte – und davon profitierte

von Lennart Pfahler  26.02.2026

Verstrickungen

Geschäfte mit einem Mörderregime

Wie ein iranischer Banker ein europäisches Immobilienimperium aufbaute – inklusive Hilton-Hotels in Deutschland

von Philip Plickert  26.02.2026

Genf

WEF-Chef tritt nach Prüfung seiner Epstein-Kontakte zurück

Børge Brende sagt: Dies sei der richtige Zeitpunkt für einen Abgang, damit das Forum seine Arbeit »ohne Ablenkungen« fortsetzen könne

 26.02.2026