Nazi-Immobilien

Baut doch ab!

Mietrecht als politisches Instrument Foto: dpa

Es dauerte nur wenige Wochen, da hatte sich die im August 2012 verbotene rechtsextreme Gruppe Nationaler Widerstand Dortmund (NWDO) als Kreisverband der Partei »Die Rechte« neu organisiert. Schnell hatte die Partei auch Räume gefunden. Im Stadtteil Huckarde kaufte sie ein Ladenlokal, um es zur Landesgeschäftsstelle auszubauen. »Wir haben angekündigt, den Aufbau von Parteistrukturen, mit denen wir an der Willensbildung des Volkes mitwirken wollen, schnell voranzutreiben«, teilte die Partei mit. »Vor diesem Hintergrund ist die Eröffnung einer eigenen Geschäftsstelle ein wichtiger Schritt, um weiterhin unabhängig und zielstrebig arbeiten zu können.«

Drei Jahre später jedoch ist dieser »wichtige Schritt« immer noch nicht erfolgt. »Im November 2012 wurden nicht genehmigte Bauarbeiten in dem Ladenlokal des genannten Gebäudes festgestellt. Die Baustelle wurde daraufhin mit Ordnungsverfügung vom 29. November 2012 stillgelegt«, teilt die Stadt Dortmund der Jüdischen Allgemeinen auf Anfrage mit. Die Räume würden regelmäßig von der Bauaufsicht kontrolliert und derzeit nicht genutzt.

Klage Als die Nazis dann einen Antrag auf Nutzungsänderung stellten, wurde dieser wegen des mangelnden Nachweises an Stellplätzen zurückgewiesen. Über eine Klage gegen die Stadt hat das Verwaltungsgericht noch nicht entschieden. Die Dortmunder Nazis treffen sich nun in ihren Wohnungen, einen öffentlichen Anlaufpunkt haben sie nicht.

Bei der Jüdischen Kultus-Gemeinde Groß-Dortmund ist man zufrieden mit dem Erfolg der Stadt: »Es zeigt sich, dass wir zu Recht Vertrauen in das Vorgehen der Stadt und unseres Oberbürgermeisters gegen Nazis haben«, sagt ein Vertreter.

Wenn es nach der Grünen-Bundestagsabgeordneten Monika Lazar geht, sollte es solche Erfolge häufiger geben: »Mit etwas ›Fantasie‹ kann man den Rechtsextremen manche Aktivitäten erschweren. Jedoch geschieht dies aus meiner Erfahrung viel zu selten, zum Teil aus Unkenntnis, zum Teil aus Ignoranz oder Verharmlosung.« Im Mai beantwortete die Bundesregierung eine Anfrage Lazars zur Nutzung von Immobilien durch Rechtsradikale. Demnach werden 250 Immobilien regelmäßig von Neonazis genutzt, 60 davon befinden sich in ihrem Besitz. Sie dienen als Büros, Schulungsräume und Veranstaltungszentren.

Straftaten Aber egal, wie sie genutzt werden, immer geht von ihnen eine Bedrohung für ihre Umgebung aus, sagt Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung: »Wenn Neonazis eine Immobilie zur Verfügung steht, hat das direkte Auswirkungen. So etwas ist eine Anlaufstelle. Das können auch, wie in Dortmund, Wohngemeinschaften sein.« Immer habe man in der Nachbarschaft ein größeres Aufkommen von Rechtsradikalen, und das habe Auswirkungen auf die Umgebung: »Da werden Nachbarn eingeschüchtert, Migranten und Flüchtlinge meiden die Umgebung, und von Körperverletzungen bis zu Schmierereien steigen die Straftaten an.«

Naziimmobilien, sagt Rafael, seien der Kern von No-Go-Areas: »Durch sie wird sehr massiv in das Klima einer Kommune eingegriffen.« Doch welche Objekte von Nazis genutzt werden, ist für die Sicherheitsbehörden kaum ein Thema: »Die Erfassung von Straftaten erfolgt nicht objektbezogen«, schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort an Lazar.

Dass es auch anders geht, zeigt Thüringen. Im dortigen Verfassungsschutzbericht werden Nazi-Immobilien aufgelistet und ihre Bedeutung eingeschätzt. Vom »Fachwerkhof Kutz« in der Gemeinde Kirchheim, der von Nazigruppen genutzt wird, über die »Hausgemeinschaft ›Zu den Löwen‹« bis zur Bahnhofsgaststätte in Marlishausen reicht die Aufzählung, die jeweils mit einer Einschätzung des Objekts durch den Verfassungsschutz verbunden ist.

Szene Lazar hofft auf mehr Wissen und Problembewusstsein bei den Kommunen, um gegen diese und andere Nazi-Immobilien vorzugehen: »Ich fände es gut, wenn Behörden, die mit dem Verkauf, der Vermietung oder Verwaltung von Immobilien befasst sind, spezifische Weiterbildungen über die rechtsextreme Szene, ihre regionalen Akteure, deren Vernetzungen und die rechtlichen Möglichkeiten bei unerwünschten Immobiliennutzungen erhielten.«

Die Grundlagen für solche Weiterbildungen gibt es bereits. Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin hat im Internet unter www.mbr-berlin.de Informationen für Kommunen, Vermieter und Nachbarn veröffentlicht und damit Wege aufgezeigt, wie gegen Naziimmobilien vorgegangen werden kann.

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Streit

Verhandeln die USA und Iran am Dienstag?

US-Präsident Donald Trump behauptet, dass ein Treffen in Doha geplant sei. Doch die iranische Regierung äußert sich nur vage

 29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Nahost

So versuchen die USA und Iran vor dem Deal, Fakten zu schaffen

Am Dienstag sollen sich Vertreter beider Länder zu Verhandlungen treffen. Bis dahin versuchen beide Seiten, ihre Position zu stärken

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert

New York

Hamas-Unterstützerin Aber Kawas gewinnt Vorwahlen in New York

Die palästinensisch-amerikanische Demokratin machte den Nahost-Konflikt und soziale Fragen zum Kernthema ihres Wahlkampfes

von Imanuel Marcus  28.06.2026