Stuttgart

Baden-Württemberg ernennt bundesweit zum ersten Mal Polizeirabbiner

Das Bundesland Baden-Württemberg hat erstmals in seiner Geschichte Polizeirabbiner ernannt. Für Württemberg wurde Rabbiner Shneur Trebnik von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) als künftiger Polizeirabbiner eingesetzt. Als Polizeirabbiner für Baden wird künftig Rabbiner Moshe Flomenmann die Polizisten und Polizeischüler betreuen.  

»Als Jüdische Gemeinde ist es uns eine besondere Ehre, die fulminant wichtige Arbeit der Polizeibeamten des Landes künftig durch einen Polizeirabbiner aktiv unterstützen zu können«, sagte IRGW-Vorstandsvorsitzende Barbara Traub im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

AUFABEN Die Gemeinde sei sehr dankbar, dass das Innenministerium des Landes mit der Einführung der Polizeirabbiner einer Empfehlung des Landesantisemitismusbeauftragten Michael Blume zur Förderung des jüdischen Lebens und zur Prävention des Antisemitismus gefolgt ist, sagte Traub.

Zu den Aufgaben der Polizeirabbiner gehört nach Auskunft der IRGW unter anderem, die Polizisten und angehenden Polizeibeamten für jüdische Themen zu sensibilisieren. Als Vorbild für die Einführung von Polizeirabbinern dienten Israel und die USA, wo es schon seit Langem Polizeirabbiner gibt.

»Unsere Polizei steht für Offenheit und Toleranz – und damit fest auf dem Boden der Verfassung.«

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl

»Wir als jüdischer Landesverband haben sehr positive Erfahrungen mit Vertretern der Polizei in Württemberg«, betonte Traub. »Mit der Berufung der Polizeirabbiner erhoffen wir uns, den von Offenheit und Toleranz geprägten positiven Umgang der Polizei mit allen Bürgern weiter zu vertiefen.«

Rami Suliman, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, erklärte auf Anfrage: »Ich freue mich, dass wir die Vereinbarung über die Benennung von Polizeirabbinern unterzeichnen konnten. Baden-Württemberg ist damit einmal mehr das erste Land, das neue Wege geht und damit antisemitische Tendenzen, wo auch immer sie auftreten, zurückdrängt.« Er erhoffe sich, so Suliman weiter, dass das Land Vorbild und Vorreiter sein wird für entsprechende Vereinbarungen in allen Bundesländern.

Auch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) begrüßte die Ernennung der Polizeirabbiner. Der Stuttgarter Rabbiner Yehuda Pushkin, Vorstandsmitglied der ORD, sagte: »Wir hoffen, dass auch die weiteren 15 Bundesländer diesem Beispiel folgen werden, um zu zeigen, dass jüdisches Leben in Deutschland eine selbstverständliche Normalität ist.«

Mit der Entscheidung des Landes Baden-Württemberg werde innerhalb der Polizei nicht nur das seelsorgerische Angebot erweitert, »sie stärkt hierzulande auch die Religionsfreiheit«, so Pushkin. »Polizeirabbiner können zudem einen wichtigen präventiven Bildungsbeitrag leisten, dabei die interkulturelle Sozialkompetenz der Polizei stärken und die Polizistinnen und Polizisten besser bei der Bekämpfung von Antisemitismus sensibilisieren.«

SIGNAL Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl sagte zur Berufung der Polizeirabbiner: »Extremismus, Diskriminierung und Antisemitismus dürfen in unserer Gesellschaft keinen Nährboden finden.« Mit der Benennung von Rabbinern in der Polizei sende sein Bundesland ein klares Signal: »Unsere Polizei steht für Offenheit und Toleranz – und damit fest auf dem Boden der Verfassung.«

Die Polizeirabbiner werden ihrer neuen Tätigkeit ab dem neuen bürgerlichen Jahr nachgehen. Die Ernennung der Polizeirabbiner gilt zunächst für zwei Jahre.

Eine ihrer wichtigsten Aufgaben wird es sein, Polizeibeamten notwendiges Wissen über das heutige jüdische Leben in Deutschland als selbstverständlichem Bestandteil der Gesellschaft zu vermitteln. Darüber hinaus werden die Polizeirabbiner allen Angehörigen der Polizei als Vertrauens- und Ansprechpersonen zur Verfügung stehen.

RÜCKBLICK Auch die Bundeswehr bekommt Militärrabbiner. Zunächst sollen bis zu zehn Rabbiner für die jüdischen Soldaten in der Bundeswehr tätig werden. In Berlin wird zur Verwaltung ein Militärrabbinat eingerichtet, das von einem Militärbundesrabbiner geleitet wird.

Ende 2019 hatten Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und der Zentralrat der Juden in Deutschland einen Staatsvertrag über die jüdische Militärseelsorge unterzeichnet. ja

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in unserer nächsten Printausgabe.

Debatte

Laschet wirft EU-Außenbeauftrager Kallas Antisemitismus vor

Die EU-Außenbeauftragte hatte Israel mit Apartheids-Südafrika verglichen. Jetzt fordert der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag ihren Rücktritt

 14.06.2026

Hessen

Lehrer nach Kritik an Krieg in Gaza suspendiert

Seine Instagram-Posts über den Gaza-Krieg wurden ihm zum Verhängnis: Bereits seit Ende 2025 ist ein hessischer Gymnasiallehrer mit einem Dienstverbot belegt. Gerichte müssen klären, ob die Suspendierung des Pädagogen verhältnismäßig war

 14.06.2026

Wahlen

Wie CDU und SPD Ministerpräsidenten-Ämter im Osten verteidigen wollen

Die AfD will in Ostdeutschland nach der Macht greifen. CDU und SPD zeigen, wie sie den Kampf in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aufnehmen wollen - und setzen unterschiedliche Akzente

von Christopher Kissmann, Iris Leithold, Verena Schmitt-Roschmann, Basil Wegener  14.06.2026

Wirtschaft

Hacker greifen staatliche Banken in Iran an

Ein Hackerangriff hat mehrere staatliche Banken im Iran getroffen. Zeitweise waren Online‑Zahlungen im ganzen Land gestört – ein weiterer Schlag gegen Irans ohnehin fragile Infrastruktur

 14.06.2026

Iran

Getöteter Ayatollah Chamenei soll am 9. Juli beerdigt werden

Die Beisetzung von Ajatollah Chamenei findet im Trauermonat Muharram statt – Millionen Menschen sollen Abschied nehmen. Unklar ist, ob sein Sohn und Nachfolger Modschtaba teilnimmt

 14.06.2026

Krieg

Wird noch heute ein Iran-Abkommen unterzeichnet?

Laut US-Präsident Trump und dem Vermittler Pakistan soll bereits heute eine erste Übereinkunft zur Beendigung des Iran-Kriegs unterzeichnet werden. Wird es tatsächlich dazu kommen?

 14.06.2026

USA

Trump wird 80: Verpufft seine Macht?

Seine Amtszeit ist geprägt von einem medialen Dauerfeuer: Überall Trump, Trump, Trump. Doch vor seinem 80. Geburtstag ist der Präsident eher zurückhaltend. Er hat inzwischen nicht nur ein Problem

von Anna Ringle  14.06.2026 Aktualisiert

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert