Geschichte

Babyboom in Bergen-Belsen

Die Zukunft hat Platz genommen: Kindergarten im Displaced-Persons-Camp in Bergen-Belsen 1945 Foto: dpa

Zu Schuljahresbeginn wurden immer unsere Namen und Geburtsorte vorgelesen«, erinnert sich Jochevet Ritz‐Olewski. »Immer wenn mein Name an die Reihe kam, waren alle schockiert.« Der Ort, in dem sie 1947 geboren wurde, ist Bergen‐Belsen, das KZ, das am 15. April 1945 befreit wurde. Bergen‐Belsen ist aber auch der Schauplatz eines anderen, kaum wahrgenommenen Kapitels jüdischer Geschichte: die Wiedergeburt jüdischer Gemeinschaft in Nachkriegsdeutschland. Denn das ehemalige KZ war nach 1945 Ort des Displaced‐ Persons‐Camp (DP) Bergen‐Belsen.

leben Unmittelbar nach der Befreiung begann die jüdische Lagerbevölkerung damit, ihr Leben dort zu organisieren. Ein gewähltes Komitee der befreiten Juden Bergen‐Belsens baute soziale, kulturelle und religiöse Einrichtungen auf. Was die britische Verwaltung ursprünglich als Auffanglager konzipiert hatte, entwickelte sich zu »der zu dieser Zeit größten autonomen jüdischen Gemeinde«, erzählt der 62‐jährige Menachem Rosensaft. »Es wurde ein Sicherheitsnetz für die Überlebenden, die ihr Leben wieder aufnahmen und zu einer pulsierenden jüdischen Gemeinschaft zurückkehrten.« Menachems Vater Josef war der Vorsitzende des Lagerkomitees, und seine Mutter, Dr. Hadassah Bimko Rosensaft, war auch im Vorstand. Sie waren dem DP‐Camp so tief verbunden, dass sie dort blieben, bis im Sommer 1950 die Letzten Bergen‐Belsen verließen.

Die Menschen warteten im Camp auf ihre Auswanderung. Bis sie nach Palästina oder andernorts gehen konnten, stellten sie ihre jüdische Identität wieder her. Als Überlebende des Holocausts wagten sie einen Neuanfang – auf deutschem Boden. Rachaela Zelmanowicz war eine von ihnen. »Es gefiel ihr nicht, in Deutschland zu leben, trotzdem sah das Leben nach der Schoa für sie positiv aus. Sie wohnte in einem geschützten Lager unter angenehmen Bedingungen, sie ging ins Kino und ins Theater«, erinnert sich Arie Olewski an seine Mutter. »Sie hatte wichtige Jahre ihrer Jugend verloren, und jetzt wollte sie leben und eine Familie gründen.« Das tat sie.

Erfahrung Als sie Rafael Olewski begegnete, verliebten sich die beiden, heirateten, und 1947 wurde ihr erstes Kind geboren: Jochevet Ritz‐Olewski. »Meine Mutter hat mir erzählt, dass die Frauen nach allem, was sie durchgemacht hatten, nicht sicher waren, ob sie überhaupt noch Kinder bekommen konnten. Deshalb war es für sie sehr, sehr wichtig, so schnell wie möglich ein Baby zu haben.« So erkärt Ritz‐Olewski, woher die Frauen ihren Mut nahmen, nach den traumatischen Erfahrungen im Holocaust wieder schnell schwanger zu werden.

Ihr Kind auf deutschem Boden zu bekommen, löste bei der Mutter allerdings gemischte Gefühle aus. Da es in ihren Reihen kaum Ärzte gab, mussten die DPs deutsche Fachkräfte im Lager zulassen, denen die Frauen nicht vertrauten. Vielen bereitete dieser Umstand großes Unbehagen. Als Dr. Hadassah Bimko Rosensaft, die Leiterin des Gesundheitsressorts, selbst von einer schwierigen Schwangerschaft betroffen war, drängten die Briten sie, nach London zu gehen, um dort optimal betreut zu werden. Sie lehnte ab. »Zum einen wollte sie sich nicht wegen ihres Status begünstigen lassen, zum anderen sollte keine Frau im Lager glauben, sie habe auch nur den leisesten Zweifel an den deutschen Ärzten«, beschreibt Menachem Rosensaft das entschiedene Bekenntnis seiner Mutter zum DP‐Camp und ihre Solidarität mit den Frauen, die dort lebten.

schwanger Um sich schnell ihrer Fruchtbarkeit zu versichern, wurden viele Frauen schwanger, bevor sie sich körperlich vollständig von ihren Torturen erholt hatten. Ihr Leben war geprägt von Mangelernährung, unhygienischen Bedingungen, körperlicher Ausbeutung, brutaler Misshandlung, medizinischem Missbrauch, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung. »Natürlich hatten die Frauen Angst. Sie fürchteten Komplikationen oder Fehlgeburten und fragten sich, ob ihr Baby gesund sein würde«, weiß Thomas Rahe, Leiter der Gedenkstätte Bergen‐Belsen, aus zahlreichen Interviews mit Zeitzeuginnen, die er zum Thema Geburten im DP‐Camp ausgewertet hat. Die Mutterschaft sorgte dafür, dass jüdisches Leben individuell und kollektiv weiterging. Gleichzeitig stellte sie Geschichte und Zukunft wieder her. Schwangere und junge Mütter waren in den Vernichtungslagern die Ersten gewesen, die ermordet wurden. Nach der Befreiung trotzte man dem perversen Vernichtungswahn der Nazis. »Ich war nicht nur ein Kind, das geboren wurde«, erzählt die 63‐jährige Jochevet Ritz‐Olewski. »Ich war ein Symbol des persönlichen Sieges meiner Eltern: dass es den Nazis nicht gelungen war, sie unmenschlich zu machen.«

Hochzeit Dieser Optimismus drückte sich in einer Geburtenrate aus, die es sonst nirgends auch nur annähernd gab. Bereits 1946 setzte ein Babyboom ein. 1947 wurden im Wochendurchschnitt 15 Geburten verzeichnet, im Sommer 1948 kam das 1000. Kind zur Welt, und bis 1950 waren es insgesamt 2000 DP‐Camp‐Babys. Faye Kass ist »DPC Baby #1085«, wie ein Auszug aus dem Geburtenbuch des Glyn‐Hughes‐Hospitals belegt. Die Mutter hatte das Lager verlassen, um bei ihrem Mann in der amerikanischen Zone zu leben. Zu besonderen Anlässen kehrte sie aber nach Bergen‐Belsen zurück: zu ihrer Hochzeit und, nach zwei Fehlgeburten, 1948 zur Geburt der Tochter.

Trotzdem hatten die Eltern Bergen‐Belsen gegenüber sehr zwiespältige Gefühle: Um ihr Kind nicht mit diesem Ort zu belasten, hatten sie Faye erzählt, sie sei in Frankfurt zur Welt gekommen. »Mehr als 50 Jahre meines Lebens wusste ich überhaupt nicht, wo ich tatsächlich geboren wurde. Man hatte mir Frankfurt genannt. Erst, als ich als Erwachsene nach Deutschland reiste, erfuhr ich von meiner Geschichte.«

Gegensätze Über Menachem Rosensafts Herkunft hingegen wurde immer offen gesprochen. In Bergen‐Belsen geboren zu sein, ist zentraler Bestandteil seiner Identität. Er bekennt sich klar zu diesem Ort der Wiedergeburt jüdischen Lebens nach der Schoa. Bei Jochevet Ritz‐Olewski ist es anders. »Ein DP‐Camp ist kein Staat, und demnach war ich staatenlos«, sagt sie. »Selbst heute noch bringt mich das in eine unangenehme Situation: Ich weiß nicht, ob ich stolz bin, in Bergen‐Belsen geboren zu sein. Ich bin stolz auf meine Eltern. Dass sie es geschafft haben, uns als normale Kinder aufzuziehen, in einem Haus mit Lachen und Humor. Manchmal denke ich, das ist das Anormale, nach allem, was ihnen widerfahren ist. Zu Hause feierten wir immer den 15. April. Es war der Feiertag meiner Eltern, der Tag ihrer Wiedergeburt.«

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