Wikileaks

Assanges Einflüsterer

Die Enthüllungsplattform gerät wegen seiner Mitarbeiter ins Trudeln Foto: wikipedia

Das Statement ist eindeutig: »Israel Shamir hat niemals für Wikileaks gearbeitet, noch war er in irgendeiner Form ehrenamtlich tätig.« Zu dieser Stellungnahme sah sich Julian Assange, australischer Gründer der Enthüllungsplattform, in der vergangenen Woche nach massiven Vorwürfen des britischen Satiremagazins »Private Eye« genötigt. Dessen Chefredakteur Ian Hislop hatte berichtet, Assange habe sich in einem Telefongespräch als Opfer einer jüdischen Kampagne bezeichnet.

Im Mittelpunkt des Streits steht besagter Israel Shamir. Der in Schweden lebende russisch-israelische Publizist tritt auch schon mal als Jöran Jermas, Adam Ermash oder Robert David auf und verbreitet die Mär, Juden seien schuld am Zweiten Weltkrieg und an den Anschlägen vom 11. September 2001. Auch bei der berüchtigten »Holocaust-Konferenz« in Teheran 2006 trat er auf. Zudem unterhält Shamir enge Kontakte zu europäischen Rechtsextremisten und Schoa-Leugnern.

Was Wikileaks betrifft, entspricht Assanges Dementi wohl nicht den Tatsachen. In seinem Buch Inside Wikileaks schreibt der ehemalige Mitarbeiter Daniel Domscheit-Berg, dass Assange auf erste Enthüllungen über Shamirs Judenhass nur mit dem Hinweis reagierte, er wolle ihn unter Pseudonym weiter mitarbeiten lassen. Shamirs Texte habe der Wikileaks-Chef als »eigentlich ganz clever« bezeichnet. Ähnlich äußerte sich der isländische Assange-Vertraute Kristinn Hrafnsson. In einem Interview mit »Sveriges Radio« Ende 2010 sagte er, nach Shamir befragt: »Ja, ja, er arbeitet mit uns zusammen.«

Material Shamir war auch in Ellingham House, dem englischen Landsitz, in dem sich Assange 2010 bis zur Entscheidung über seine mögliche Auslieferung nach Schweden aufhielt. Ein Wikileaks-Mitarbeiter sagte dem »Guardian«, Shamir sei als »Adam« vorgestellt worden. Der »harmlos wirkende alte Mann« habe um Kopien der Depeschen mit Bezug zu Russland und anderen ehemaligen Sowjetstaaten gebeten. Und um alles Material über »die Juden«. Dem »Guardian« liegen darüber hinaus interne Wikileaks-Dokumente vor, laut derer Shamir 2.000 Euro auf sein Tallinner Konto überwiesen wurden.

Der schwedische Journalist Magnus Ljunggren verweist auf eine weitgehend unbeachtete Tatsache: Als Assange Ende 2009 in Großbritannien verhaftet wurde, befand er sich gerade auf dem Weg nach Russland, wo Shamir als Wikileaks-Verbindungsmann zur dortigen Presse tätig war und für die Online-Plattform Politik machte. Menschenrechtsgruppen beklagten Ende Dezember, Shamir reiche vertrauliche Dokumente über die Oppositionsbewegung an den weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko weiter.

Vorwürfe 600 Gegner des Diktators seien daraufhin verhaftet worden. Assange bezeichnete die Vorwürfe Ende Dezember 2010 als unzutreffend, Shamirs Tätigkeit bestritt er aber nicht. Im Januar berichtete ein russischer Radiosender unter Berufung auf »Assanges Freund Israel Shamir«, dass der Wikileaks-Gründer ein Visum habe und plane, so schnell wie möglich dorthin zu reisen.

Sein Anwalt Mark Stephans dementierte diese Meldung insofern, als er davon sprach, die Russland-Reise werde »nicht umgehend« stattfinden. Assange war zu diesem Zeitpunkt gegen Auflagen auf freiem Fuß, musste allerdings eine elektronische Fußfessel tragen und durfte Großbritannien nicht verlassen. Dass Assange an eine jüdische Verschwörung gegen ihn glaubt, hat der Gründer der Enthüllungsplattform Anfang 2011 auch dem Fernsehsender Al Dschasira kundgetan: Über die »New York Times« sagte er, die Zeitung publiziere Israel betreffende Depeschen nicht, weil sie von »einer bestimmten New Yorker Minderheit«, der »jüdischen Lobby«, gesteuert werde.

Als ihm eine kürzlich ausgestrahlte kritische BBC-Dokumentation nicht passte, fand Assange gegenüber der französischen »Agora Vox« eine verblüffende Erklärung für die Sendung: »Wir haben herausgefunden, dass die Ehefrau des Produzenten zur zionistischen Bewegung in London gehörte.« Auf die Frage, ob er Angst vor Israel habe, antwortete Assange: »Natürlich«.

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