Meinung

Antisemitismus und jüdische Paranoia

Martin Krauß Foto: Stephan Pramme

Die Zweifel stellen sich schon dann ein, wenn das Thema dieses Textes konkreter formuliert wird: Soll hier etwa der Vorwurf mangelnder Achtsamkeit der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber Judenhass ausgerechnet am Beispiel der Ländervorwahlliste des Berliner Hotels Kempinski beklagt werden? Sorgt man so nicht selbst dafür, dass der Vorwurf, Juden seien paranoid, nobilitiert wird?

Nein. Leider nicht. Denn die Debatte, die in Deutschland begann, nachdem der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann in der »FAZ« geschrieben hatte, aus Rücksicht auf arabische Gäste habe das Kempinski die 00972-Vorwahl aus seinem Telefonverzeichnis verbannt, zeigte etwas für die hiesige politische Kultur Typisches auf: Erst einmal wird zurückgewiesen! Ernst genommen werden solche Vorwürfe nur von einer Minderheit.

Subtext Der Subtext der Relativierung, die einsetzt, lautet: Die Juden sollen sich nicht so haben, so wichtig sind sie (und ihre Vorwahlnummer!) nun auch nicht. Wenn, wie es oft heißt, »eigentlicher Antisemitismus« vorläge, würden wir, die deutsche Mehrheitsgesellschaft, ihn schon erkennen und zurückweisen.

Eine solche Haltung ist schlimmer und falscher als die keineswegs gut begründete Attacke von Lanzmann. Es kann ja sein, dass es keine bewusste Entscheidung der Geschäftsführung des Kempinski zugunsten reicher arabischer Hotelgäste war, Israels Vorwahl nicht auf dem entsprechenden Zettel zu notieren, sondern ein banales Versehen. Aber Lanzmann, dessen Lebensthema die Frage ist, wie es zur Schoa kommen konnte, achtet auch auf solche vermeintlichen Kleinigkeiten.

Was dem Zeitzeugen und Regisseur Lanzmann, dessen außerordentliche Beobachtungsgabe in seinem Film Shoah dokumentiert ist, widerfuhr, ist keine Besonderheit und hat gar nicht viel mit ihm selbst zu tun. Juden, die ein Ressentiment gegen sich beklagen, wird in einer ersten Reaktion meist attestiert, sie irrten sich. Entweder geschieht das barsch: »Ich lasse mich nicht in eine rechtsradikale Ecke stellen.« Oder es passiert scheinbar mitfühlend: »Sie können das ja nicht objektiv beurteilen.«

Antisemitismus ist aber keine Befindlichkeit von Juden, sondern ein Problem der Mehrheitsgesellschaft. Um das zu überwinden, sollte diese, wenn Vorwürfe erhoben werden, zuhören, nachfragen, selbstkritisch sein. Nicht einfach zurückweisen.

krauss@juedische-allgemeine.de

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt heute über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  27.10.2026 Aktualisiert

Wilko Möller (AfD), Landtagsabgeordneter in Brandenburg, guckt nachdenklich

Rechtsextremismus

Urteil gegen AfD-Politiker wegen Wahlplakats rechtskräftig

Hat der AfD-Abgeordnete Wilko Möller mit einem »Hitlergruß« auf Plakaten Wahlkampf gemacht? Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte ihn zu einer Geldstrafe verurteilt. Dagegen legte der Politiker Revision ein – vergeblich

 26.10.2026

Leerer Klassenraum (Symbolbild)

Hessen

Strafverfahren gegen Lehrer wegen israelfeindlicher Posts eingestellt

Wegen Instagram-Beiträgen, die als »antisemitisch und israelfeindlich« eingestuft wurden, ist ein Gymnasiallehrer seit einem Jahr vom Dienst suspendiert. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde nun eingestellt

 26.10.2026

Krieg

Selenskyj: Warten fast einen Monat auf Hegseth-Unterschrift

Der Ukraine mangelt es nach eigenen Angaben an Raketen zur Abwehr russischer Angriffe. Nun äußert Präsident Selenskyj Kritik am US-Verteidigungsminister Hegseth

 26.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Regierungsbildung

Berliner SPD plant Mitgliederbefragung über Koalition

Die Basis soll über eine Koalition mit Linken und Grünen mitentscheiden

 26.10.2026

Debatte

Zentralrat der Juden warnt vor AfD in Sachsen-Anhalt und nimmt Linke in Berlin Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Präsident Josef Schuster blickt sorgenvoll auf zwei deutsche Bundesländer

 26.10.2026

Berlin

Linke-Kandidat für Neukölln: Recherchen dokumentieren Nähe zu PFLP-Sympathisanten

Ein Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.

 26.10.2026

Berlin

Schuster: Nehme der Linken Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Der Kampf gegen Judenhass erschwert die Gespräche über Rot-Grün-Rot in Berlin. Eine Erklärung der Linken reicht dem Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht

 26.10.2026