Antisemitische Vorfälle mit islamischem oder islamistischem Hintergrund sind nach Angaben des Bundesverbands RIAS seit dem 7. Oktober 2023 deutlich häufiger registriert worden als zuvor. Gleichzeitig seien solche Vorfälle vergleichsweise selten dokumentiert worden. Auffällig sei jedoch der hohe Anteil von Fälle, in denen Gewalt ausgeübt wurde. Das geht aus einer neuen RIAS-Analyse hervor.
Für die Publikation »Antisemitismus in islamischen und islamistischen Kontexten. Einstellungen – Vorfälle – Akteure« wurden erstmals die entsprechenden RIAS-Daten aus den Jahren 2019 bis 2025 ausgewertet. Insgesamt erfassten die Meldestellen in diesem Zeitraum 564 antisemitische Vorfälle mit einem islamischen oder islamistischen Hintergrund.
Die 564 Fälle machen nur einen kleinen Teil der mehr als 30.000 antisemitischen Vorfälle aus, die RIAS insgesamt in dem Zeitraum dokumentierte. Bei den Vorfällen mit islamischem oder islamistischem Hintergrund war der Anteil von Bedrohungen, Angriffen und Fällen extremer Gewalt jedoch besonders hoch: 15,1 Prozent fielen in diese Kategorien.
Messerangriff in Berlin
Zum Vergleich: Über das gesamte von RIAS erfasste Vorfallgeschehen hinweg lag der entsprechende Anteil bei 6,1 Prozent. Der Anteil gewaltförmiger Vorfälle war damit bei den Fällen mit islamischem oder islamistischem Hintergrund mehr als doppelt so hoch. Zudem wurden knapp 80 Prozent der 564 Vorfälle nach dem 7. Oktober 2023 registriert.
Die Analyse verweist auch auf mehrere schwere Gewalttaten. Dazu gehören die Schüsse auf die Alte Synagoge in Essen im Jahr 2022, die RIAS Mitgliedern einer iranischen Terrorzelle zurechnet. Im Februar 2025 wurde außerdem ein Tourist bei einem islamistischen und antisemitischen Messerangriff am Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas lebensgefährlich verletzt.
Antisemitische Übergriffe zeigen sich laut RIAS jedoch auch abseits terroristischer Taten. Im Juni 2024 seien in Frankfurt am Main zwei Menschen, die Kippot trugen, öffentlich antisemitisch angegangen worden. Einer Person, die einschritt, sei dabei gedroht worden, Allah werde sie töten.
Islamistische Mobilisierung
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung ist die politische Nutzung von israelbezogenem Antisemitismus durch islamistische Akteure. RIAS analysiert dabei unter anderem Gruppen, die der verbotenen islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir nahestehen.
Diese Akteure versuchten demnach, auch außerhalb klassischer islamistischer Milieus Unterstützung zu gewinnen. Als Beispiel nennt die Analyse die Kampagne »Nie wieder Staatsräson!«. Die dazugehörige Petition habe mehr als 500.000 Unterschriften erhalten.
Nach Darstellung von RIAS knüpften die Initiatoren an öffentliche Debatten über Israel an und verbreiteten dabei antisemitische Deutungsmuster. Dazu gehört laut Analyse etwa die Darstellung Israels als »zionistisches Kolonialprojekt«. Zugleich komme dem Antisemitismus auch unabhängig von konkreten Kampagnen eine zentrale Bedeutung im Weltbild islamistischer Gruppen zu.
Zustimmungswerte unter Muslimen
Die RIAS-Publikation befasst sich daneben mit antisemitischen Einstellungen unter Teilen der muslimischen Bevölkerung in Deutschland. Zwei Studien der Wissenschaftlerin Sarah Demmrich ergänzen die Auswertung.
Eine Untersuchung kommt demnach zu dem Ergebnis, dass antisemitische Einstellungen unter den untersuchten angehenden islamischen Religionslehrkräften stärker verbreitet waren als in der Gesamtbevölkerung. Eine zweite Studie beschäftigt sich mit der Entwicklung solcher Einstellungen nach dem 7. Oktober.
Demmrich zufolge gab es dabei keinen deutlichen Anstieg antisemitischer Zustimmungswerte unter Muslimen. Verändert habe sich jedoch der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und radikalen Einstellungen. Dazu zählen laut der Studie religiöser Fundamentalismus sowie Verständnis für Terror und Gewalt.
RIAS fordert Konsequenzen
Benjamin Steinitz, Geschäftsführer des Bundesverbands RIAS, sieht angesichts der Ergebnisse einen Auftrag an Politik und Zivilgesellschaft. »Antisemitismus muss als wesentlicher Bestandteil islamistischer Mobilisierung klar benannt und entschlossen bekämpft werden«, erklärte er.
Dafür seien sowohl rechtsstaatliche Maßnahmen als auch Präventionsangebote notwendig, so Steinitz. Zugleich dürften islamistische Akteure nicht dadurch aufgewertet werden, dass Staat oder Zivilgesellschaft sie als demokratische Partner behandelten. »Die Auseinandersetzung mit Islamismus darf nicht rechtsextremen Akteuren und ihrer muslimfeindlichen Agenda überlassen werden«, sagte er.
Demmrich betont zugleich, das Problem dürfe nicht auf islamistische Milieus reduziert werden. »Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen ist ein ernst zu nehmendes Problem auch jenseits islamistischer Milieus«, erklärte sie. Staat und Zivilgesellschaft müssten deshalb demokratische Strukturen und eine offene, nicht-fundamentalistische Religiosität in Moscheegemeinden stärken. Auch das Vertrauen in Polizei und Justiz müsse gefördert werden, um Bedrohungsgefühle abzubauen und Radikalisierung vorzubeugen. im