Israel

Am siebten Tag

Unmittelbar nach dem Sechstagekrieg stellten sich Fragen, die auch 50 Jahre danach noch nicht beantwortet sind

von Michael Brenner  06.06.2017 13:15 Uhr

Historischer Moment: israelische Fallschirmspringer am 7. Juni 1967 an der Jerusalemer Westmauer Foto: David Rubinger / Reuters

Unmittelbar nach dem Sechstagekrieg stellten sich Fragen, die auch 50 Jahre danach noch nicht beantwortet sind

von Michael Brenner  06.06.2017 13:15 Uhr

Am 4. Juni 1967 war Israel noch der David, für den die (westliche) Welt gegenüber der übermächtigen arabischen Staatenwelt Respekt und Sympathie zeigte. Eine Woche später hatte Israel die Drohgebärden des ägyptischen Präsidenten Nasser und seiner Verbündeten durch einen Präventivkrieg in nichts aufgelöst.

Israel kontrollierte nun ein Staatsgebiet, das mehr als dreimal so groß war wie bisher und neben Ost‐Jerusalem und dem Westjordanland auch die Golanhöhen, den Gazastreifen und die Sinai‐Halbinsel umfasste. In den Augen der Welt hatte sich der David zum Goliath entwickelt, für den zwar der Respekt wuchs, doch die Sympathie schrumpfte.

Likud Auch im Inneren veränderte sich Israel nach 1967 grundlegend. Die alte Vorherrschaft der politischen Linken begann zu bröckeln. Innerhalb von zehn Jahren nach dem Triumph des Sechstagekrieges hatte die Arbeitspartei ausgedient. Der Sieg der Likud‐Partei von 1977 und der unaufhaltsame Aufstieg der politischen Rechten hatte seine Wurzeln zehn Jahre früher.

Anders als für den damaligen Premierminister Levi Eschkol und den greisen Staatsgründer David Ben Gurion bildeten die Gebiete, die Israel seit 1967 kontrollierte, für Menachem Begin kein Tauschpfand für einen vollständigen Frieden mit seinen Nachbarn, sondern die Erfüllung des Traums vom vollständigen Land Israel. Die politische Rechte war zwar bereit, die Sinai‐Halbinsel aufzugeben, so wie sie bereits vorher auf den Anspruch auf die Gebiete östlich des Jordans verzichtet hatte. Doch das Westjordanland, oder in ihrem Sprachgebrauch Judäa und Samaria, betrachtete sie ebenso als Kerngebiet des jüdischen Staates wie Haifa und Tel Aviv.

Die israelische Öffentlichkeit war von Anfang an gespalten, was das spätere Schicksal der neuen Gebiete betraf. In einer Umfrage der Zeitung Haaretz einen Monat nach Kriegsende sprachen sich zwar 90 Prozent der jüdischen Israelis da‐
für aus, dass ganz Jerusalem bei Israel verbleibt, doch 60 Prozent votierten für die Rückgabe eines Teils der eroberten Gebiete im Rahmen eines Friedensabkommens mit der arabischen Welt. Die Zeichen aus der arabischen Welt ließen wenig Entgegenkommen erwarten.

Westjordanland Auf der Konferenz von Khartum im August 1967 deklarierten ihre Führer das dreifache Nein: nein zu einem Frieden mit Israel, nein zu Verhandlungen mit Israel und nein zur Anerkennung Israels. Zunächst wollte man aus strategischen Gesichtspunkten zumindest einen Sicherheitsstreifen entlang des Jordans unter israelischer Kontrolle halten. Aus diesen Gesichtspunkten heraus gründete die linke Regierung die ersten Siedlungen im Westjordanland. Doch im Laufe der Zeit wurden die ideologisch‐religiösen Interessen immer lauter.

Nicht nur die Kotel in Jerusalem, sondern auch Hebron und andere heilige Orte sollten unter jüdischer Kontrolle verbleiben. Das nationalreligiöse Lager durchlief in den beiden Jahrzehnten nach 1967 eine entscheidende Transformation von einer politisch durchaus liberalen Bewegung zur ideologisch verfestigten Hochburg der Siedlerbewegung, die den militärischen Triumph von 1967 als Beginn des messianischen Zeitalters feierte.

Dieses Lager feierte die Siedler nun als die neuen Pioniere, die den aus der Mode geratenen Kibbuz als Avantgarde des Landes abgelöst hatten. Auch führende Intellektuelle sahen nach 1967 die Chance gekommen, nun all das zu erfüllen, was 1948 nicht gelungen war. Einige von ihnen, wie die Schriftsteller Shmuel Yosef Agnon und Nathan Alterman, unterschrieben eine Pe‐
tition, derzufolge die besetzten Gebiete nicht mehr zurückgegeben werden sollten.

Dabei warnten bereits kurz nach Ende des Sechstagekrieges besorgte Stimmen vor zu viel Euphorie. Eine der lautesten war die des religiösen Philosophen Yeshayahu Leibowitz, der davon sprach, dass Israel den militärischen Triumph des Sechstagekriegs am siebten Tag verloren habe: »Am siebten Tag mussten wir uns entscheiden – und wir waren frei, uns zu entscheiden –, ob dieser Krieg ein Verteidigungskrieg oder ein Er‐oberungskrieg war. Unsere Entscheidung lief auf einen Eroberungskrieg hinaus, mit all dem, was daraus folgt.«

Amos Oz Auch unter der jungen Generation gab es warnende Stimmen. Der damals 28‐jährige Amos Oz wies in einem Aufsatz in der Zeitung Davar auf die Folgen der Besatzung hin: »Einen Monat lang, ein Jahr lang oder eine ganze Generation lang werden wir als Besatzer in Orten sitzen müssen, deren Geschichte unsere Herzen berührt. Und wir müssen uns daran erinnern: als Besatzer, denn dazu gibt es keine Alternative … Nicht als Erlöser und nicht als Befreier.«

Die Diskussion, die unmittelbar nach dem militärischen Erfolg von 1967 einsetzte, spaltet die israelische Gesellschaft bis heute. Auch nach dem Rückzug aus der Sinai‐Halbinsel und dem Gazastreifen wühlt Israelis nichts so sehr auf wie die seit 1967 entstandenen Fragen:

Soll das Westjordanland Teil Israels bleiben oder Teil eines zukünftigen Palästinenserstaats werden? Wie kann der Charakter eines jüdischen Staates beibehalten werden, wenn die Hälfte seiner Bevölkerung arabisch ist? Gefährdet die Aufgabe des Westjordanlandes die Sicherheit Israels? All diese Fragen sind seit 50 Jahren unbeantwortet. Seit der zweiten Gründung des Staates Israel.

Der Autor ist Professor für jüdische Geschichte und Kultur. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates«.

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