Meinung

Alija-Debatte: Die doppelte Botschaft

Der Streit, ob Israel die Juden zur Auswanderung auffordert, verdrängt das eigentliche Problem: Was wir gegen Antisemitismus machen müssen

von Sergey Lagodinsky  24.02.2015 10:28 Uhr

Sergey Lagodinsky Foto: pr

Der Streit, ob Israel die Juden zur Auswanderung auffordert, verdrängt das eigentliche Problem: Was wir gegen Antisemitismus machen müssen

von Sergey Lagodinsky  24.02.2015 10:28 Uhr

Atmen wir einmal tief durch, hören, was gesagt wird, und lesen, was gedruckt steht. Wenn Israels Botschafter in Berlin von Journalisten des »Tagesspiegel« gefragt wird, ob er den Juden in Deutschland eine Auswanderung nach Israel empfehlen würde, beginnt er seine Antwort so: »Jeder Jude ist frei, darüber zu entscheiden, wo er leben möchte.«

Das ist eine eindeutige, eine klare Aussage. Wenn Yakov Hadas-Handelsman in einem zweiten Schritt hinzufügt, dass Israel »als Heimat für alle Juden« natürlich »eine Chance« biete, »im jüdischen Staat Schutz zu finden«, ist daran auch nichts auszusetzen. Ein solcher Hinweis gehört gewissermaßen zur Jobbeschreibung eines israelischen Botschafters und zum Selbstverständnis des jüdischen Staates.

Medien Dabei ist klar: Eine Chance ist eine Chance und keine Pflicht. Wo darin, wie Hadas-Handelsmans Aussagen oft zusammengefasst wurden, ein »Aufruf zur Ausreise« nach Israel (so auf Englisch jeweils bei der Deutschen Welle oder der Jerusalem Post) zu erkennen sein soll oder ein »Umzugsangebot an Juden« (dpa) oder gar, dass der Botschafter Auswanderung »propagiert« (tachles.ch), ist mehr als rätselhaft.

Anders sind die Aussagen des obersten Chefs des Botschafters Hadas-Handelsman zu deuten: Benjamin Netanjahu ruft nämlich ausdrücklich zur Alija auf. Aber auch dies ist keine wirkliche Neuheit. Alle israelischen Regierungen taten dies. Problematisch daran ist der Zeitpunkt. In einem hoch prekären Moment für alle europäischen Juden wird hier die Verunsicherung in jüdischen Gemeinden bewusst angefeuert. Statt der europäischen Diaspora als globale Schutzmacht Unterstützung zu bieten, setzt Israels Regierung auf das Verbreiten von Angst. Das ist keine globale Führung, das ist eine provinzielle Wagenburgmentalität.

Akzent Vor diesem Hintergrund hat sich Hadas-Handelsman angenehm zurückhaltend geäußert. Dass seine differenzierte Botschaft nicht ankommt, ist nicht nur der falschen Akzentsetzung aus Jerusalem geschuldet. Zum einen gibt es zahlreiche jüdische Stimmen in Europa, die Untergangsszenarien auskosten.

Zum anderen hat sich die nichtjüdische Öffentlichkeit derart daran gewöhnt, israelische Amtsträger als Buhmänner und -frauen der internationalen Politik zu betrachten, dass sie nicht einmal merkt, wenn die sich differenziert äußern. Am Ende sind wir alle die Leidtragenden, weil niemand mehr darüber sprechen will, wie wir Antisemitismus bekämpfen sollen.

Der Autor ist Anwalt und Publizist in Berlin.

Bundeskanzler Olaf Scholz

»Es braucht lebendige Erinnerung«

Diskriminierung, Rassismus und Extremismus müssen »überall und in all ihren Formen« bekämpft werden

 27.01.2022

27. Januar

Kaddisch im Bundestag

Bewegende Rede von Knessetsprecher Mickey Levy bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus

 27.01.2022

27. Januar

»Zeiten der Verrohung«

Felix Klein: Auch 77 Jahre nach dem Ende der Schoa spüren Juden in Deutschland oft nicht die ersehnte Normalität

 27.01.2022

Einspruch

Zweifel an Namensgeberin

Josef Schuster appelliert, eine neue Straße in Oranienburg nicht nach Gisela Gneist zu benennen

von Josef Schuster  27.01.2022

Berlin

»Diese Krankheit muss geheilt werden«

Schoa-Überlebende Inge Auerbacher mahnt in der Gedenkstunde im Bundestag zur Überwindung des Antisemitismus

von Axel Hofmann  27.01.2022 Aktualisiert

Gedenkstunde Bundestag

»Antisemitismus ist nicht hinnehmbar. Punkt«

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) hat zur Wachsamkeit gegenüber anhaltender Judenfeindlichkeit aufgerufen

 27.01.2022 Aktualisiert

Inge Auerbacher

»Die Angst ging nie ganz weg«

Die deutsche Jüdin überlebte als Kind die Schoa. Heute hält sie die Gedenkrede im Bundestag

von Sebastian Moll  27.01.2022

BDS

Ein Urteil mit Folgen

Gerichtsbeschluss zum Saal-Verbot in München stößt auf massive Kritik

von Michael Thaidigsmann  27.01.2022

USA

Kennedy entschuldigt sich für Anne-Frank-Vergleich

Seine Absicht sei es gewesen, »Beispiele vergangener Barbarei zu verwenden, um die Gefahren neuer Kontrolltechnologien aufzuzeigen«

 26.01.2022