Jubiläum

70 Jahre in 60 Minuten

Festakt mit viel Prominenz im Innenhof der Neuen Synagoge: Wolfgang Schäuble, Gideon Joffe, Josef Schuster, Dietmar Woidke, Angela Merkel (v.l) Foto: Gregor Zielke

Der Ort hätte symbolischer nicht gewählt werden können: Unter einem weißen Zeltdach im Innenhof der Neuen Synagoge Berlin hat der Zentralrat der Juden mit einem Festakt an das 70. Jubiläum seiner Gründung erinnert. »Dieser Ort hier, an dem wir heute sind, zeugt von dem unwiederbringlichen Verlust durch den Zivilisationsbruch der Schoa – für das Judentum, für unser Land und für Europa. Wo heute nur einige Säulen an den Toraschrein erinnern, stand einst das größte jüdische Gotteshaus Deutschlands«, sagte Kanzlerin Angela Merkel am Dienstagmittag in ihrem Festvortrag.

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Doch zugleich, so die Kanzlerin, zeuge dieser Ort davon, »wie im Bewusstsein der immerwährenden Verantwortung Deutschlands für das im Nationalsozialismus begangene Menschheitsverbrechen eine gute Zukunft gestaltet werden kann«.

begrüssung Zu Beginn hatte Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die Ehrengäste der Veranstaltung in der Oranienburger Straße begrüßt: »Wir befinden uns vor der Ruine der einstmals größten Synagoge Deutschlands. Heute bietet diese Ruine genügend Platz, um unter Einhaltung der Corona-Abstandsregeln mit vielen guten Freunden den Festakt begehen zu können.« Zu den etwa 130 Gästen zählten Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, mehrere Bundesminister und weitere hochkarätige Vertreter aus Politik, Religion und Gesellschaft.

»Der Zentralrat hat sich um unser Land verdient gemacht.« Bundeskanzlerin Angela Merkel

Vor gut 70 Jahren, am 19. Juli 1950, war der Dachverband der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland in Frankfurt am Main gegründet worden. Das wäre guter Grund für eine große Feier gewesen – die unter Corona-Bedingungen jedoch nicht möglich war. Stattdessen konnten sich interessierte Zuschauer in ARD und rbb (der Festakt wurde von 11 bis 12 Uhr live im Fernsehen übertragen) von dem gut durchdachten Hygienekonzept des Zentralrats überzeugen lassen: Veranstalter und Gäste trugen Nase-Mund-Bedeckungen, der Abstand zwischen den Plätzen war ausreichend und der Zugang für die Teilnehmer unter freiem Himmel so risikoarm wie möglich.

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Der Zentralrat der Juden übertrug die Veranstaltung ebenfalls – per Livestream und 360-Grad-Video. Etwa 1700 VR-Brillen waren vorab an Gäste und Journalisten verschickt worden, die wegen der zahlenmäßigen Begrenzung nicht persönlich teilnehmen konnten.

MUSIK Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von dem Geiger Daniel Hope und dem Berliner Kantor Isidoro Abramowicz. Zum Auftakt spielte Hope ein kurzes Werk der Künstlerin Sandra Goldberg »Nigun for peace«, später folgte das »Kaddisch« von Maurice Ravel. Die Veranstaltung endete mit »Haschem Schomrecha« (Gott behüte Dich) und dem »Shalom Aleichem« in einer Version von Israel Goldfarb. Außerdem wurde ein Film von Friederike Hirschmann über die Geschichte des Zentralrats gezeigt.

Schönes Wetter herrschte am Dienstag obendrein. Doch die Ansprachen von Zentralratspräsident Josef Schuster und Kanzlerin Angela Merkel waren keineswegs Schönwetterreden. Beide spiegelten die großen Herausforderungen wider, die der Zentralrat in den sieben Jahrzehnten seiner bewegten Geschichte zu meistern hatte – und beide gingen auf die doppelte Belastung ein, die die Corona-Pandemie für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland bedeutet.

Etwa 1700 VR-Brillen waren vorab an Gäste und Journalisten verschickt worden, die wegen der zahlenmäßigen Begrenzung der Teilnehmer nicht persönlich kommen konnten.

Josef Schuster stellte in seiner Rede fest: »Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei mehr als 2000 antisemitische Straftaten. Das war eine Rekordzahl in den vergangenen 20 Jahren. Und in diesem Jahr wird die Statistik nicht viel besser aussehen. Denn die Corona-Krise wirkt in dieser Hinsicht wie ein Katalysator. Im Internet kursieren die wirrsten Verschwörungsmythen, die die Juden als Verursacher des Virus sehen. Die kruden Vorstellungen spiegeln sich schließlich in unsäglicher Symbolik auf den Corona-Demos wider.«

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Wegen der Auflagen, beklagte der Zentralratspräsident, »stilisieren sich Demonstranten als Anne Frank. Sie sehen sich als Verfolgte und heften sich den gelben ›Judenstern‹ der Nazi-Zeit ans Revers.« Er kenne einige alte Menschen, die diesen Stern damals tragen mussten: »Es sind übrigens Menschen, die die Corona-Auflagen tapfer hinnehmen und keinen Grund sehen, sich darüber zu beschweren.«

Die Auswirkungen der Corona-Krise, die Verschwörungsmythen und die gelben Sterne zeigten, »dass 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Sensibilität gegenüber den NS-Opfern und ein Verständnis der damaligen Situation fehlen«.

Josef Schuster sagte, die Gründerinnen und Gründer der jüdischen Gemeinden und des Zentralrats der Juden hätten Deutschland »einen riesigen Vertrauensvorschuss gegeben«.

Bundeskanzlerin Merkel stellte fest: »Es ist eine Schande und beschämt mich zutiefst, wie sich Rassismus und Antisemitismus in unserem Land in diesen Zeiten äußern. Es stimmt: Rassismus und Antisemitismus waren nie verschwunden. Doch seit geraumer Zeit treten sie sichtbarer und enthemmter auf. Beleidigungen, Drohungen oder Verschwörungstheorien richten sich offen gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger. In den sozialen Medien triefen viele Äußerungen geradezu vor Hass und Hetze: «Dazu dürfen wir niemals schweigen.»

VERTRAUENSVORSCHUSS In den 70 Jahren seines Bestehens habe sich der Zentralrat der Juden «um unser Land verdient gemacht». Sie bewundere die Kraft, die dessen Gründer nach der Schoa für diesen «riesigen Vertrauensvorschuss» aufbrachten, so Merkel. Heute sei die jüdische Gemeinschaft in Deutschland die drittgrößte Europas und jüdisches Leben ein «konstitutiver Teil» Deutschlands.

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Zum Zentralratsjubiläum gratulierte die Kanzlerin im Namen der ganzen Bundesregierung. Josef Schuster sagte, die Gründerinnen und Gründer der jüdischen Gemeinden und des Zentralrats der Juden hätten Deutschland «einen riesigen Vertrauensvorschuss gegeben». Bis heute verdiene diese jüdische Pioniergeneration «unsere tiefe Anerkennung und unseren Respekt. Sie legte das Samenkorn, ohne das es heute kein jüdisches Leben in Deutschland gäbe».

Heute, 75 Jahre nach der Schoa, sei die jüdische Gemeinschaft «erneut bereit, Deutschland, unserem Zuhause, einen Vertrauensvorschuss zu geben». Es sei «in unser aller Interesse, dass dieses Vertrauen nicht enttäuscht wird», erklärte Schuster. Ganz besonders hob er «das seit Jahren herausragende Engagement der Bundeskanzlerin» hervor.

GÄSTELISTE Zu den Gästen gehörten neben Bundestagspräsident Schäuble auch seine Vizepräsidenten Hans-Peter Friedrich (CSU), Wolfgang Kubicki (FDP), Petra Pau (Die Linke) und Claudia Roth (Grüne). Aus dem Bundeskabinett kamen Außenminister Heiko Maas (SPD), Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU).

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Eingefunden unter dem weißen Zeltdach hatten sich auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) als Bundesratspräsident, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Integration und Flüchtlinge, Annette Widmann-Mauz (CDU), Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke).

Ferner zählten zu den Gästen der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ex-Außenminister Joschka Fischer, der frühere Bundespräsident Horst Köhler, Christina Rau, FDP-Chef Christian Lindner, die SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sowie andere Vertreter von Gesellschaft und Religion, unter ihnen Heinrich Bedform-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), als katholischer Vertreter der Berliner Erzbischof Heiner Koch sowie die Direktorin des Jüdischen Museums Berlin, Hetty Berg.

Zu den Gästen zählten neben Politikern auch zahlreiche Vertreter aus Kultur, Gesellschaft und Religion.

Mehrere Träger des vom Zentralrat der Juden vergebenen Leo-Baeck-Preises fanden sich ebenfalls im Innenhof der Neuen Synagoge ein: der Grünen-Politiker Volker Beck, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, Mathias Döpfner, und die Schauspielerin Iris Berben. Auch die Verlegerin Friede Springer gab sich die Ehre. Als Vertreter des diplomatischen Corps in Berlin war Aaron Sagui, Gesandter der Botschaft des Staates Israel, anwesend. Auch der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Uwe Becker, war gekommen.

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Im Publikum saßen ferner die Zentralratsvizepräsidenten Abraham Lehrer und Mark Dainow und die Präsidiumsmitglieder Barbara Traub, Küf Kaufmann, Ran Ronen, Milena Rosenzweig-Winter und Harry Schnabel sowie Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann und der Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Aron Schuster.

Mit diversen digitalen Formaten hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland die Feiern zu seinem 70-jährigen Bestehen eingeläutet. Den Start machte am 9. Juli eine neue Podcast-Reihe unter dem Titel «Schon immer Tachles». Erster Interviewpartner war Josef Schuster. Und die digitale Feier geht weiter: Zu den nächsten Gesprächspartnern gehören die Schauspielerin Susan Sideropoulos und Rabbiner Joel Berger.

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