Die weitaus größte Zahl der Anträge auf Einbürgerung in Deutschland wegen der sogenannten Wiedergutmachung stammt laut Statistik aus Israel. Demnach kommen seit 2023 rund 45 Prozent der Anträge auf Zuerkennung der von den Nationalsozialisten aberkannte Staatsangehörigkeit von Israelis, erklärte das Bundesverwaltungsamt auf Anfrage.
Insgesamt erhielt die Behörde in den vergangenen Jahren demnach mehr als 170.000 Anträge auf Einbürgerung von ehemals durch die Nazis verfolgten Menschen aus aller Welt oder deren Nachfahren. Der Soziologe Lukas Fuchs vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) spricht von einem »unglaublichen Anstieg an Popularität«.
Das Bundesverwaltungsamt ist für die Wiedergutmachungs-Einbürgerungen zuständig. Sie stehen nach Artikel 116 des Grundgesetzes Personen und deren Nachkommen offen, die von den Nazis ausgebürgert wurden. Seit 2021 ist der Kreis der Berechtigten auf Personen erweitert, die wegen NS-Verfolgung nie die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben konnten. In den meisten Fällen handelt es sich um in der Zeit des Holocaust verfolgte Juden.
Auch das Statistische Bundesamt, das die stattgegebenen Anträge wegen Wiedergutmachung erfasst, hat steigende Zahlen registriert: Demnach erhöhte sich 2025 die Zahl dieser Einbürgerungen um knapp 60 Prozent auf rund 11.500. In 5924 Fällen ging es dabei um Personen mit israelischer Staatsbürgerschaft (2024: 3640), in 2995 um Menschen mit einem US-Pass (2024: 2.025). In 1508 Fällen galt die Wiedergutmachungs-Einbürgerungen im Jahr 2025 Menschen aus europäischen Ländern.
Geopolitische Gründe
Dass sich Menschen überhaupt für eine Wiedergutmachungs-Einbürgerung interessieren, hat laut Fuchs häufig geopolitische Gründe. Zunächst sei nach dem »Brexit«, also dem Austritt Großbritanniens aus der EU im Jahr 2020, die deutsche Staatsangehörigkeit für viele britische Juden mit deutschen Wurzeln interessant gewesen: Denn sie wollten einen EU-Pass behalten. Auch hätten sich nach Donald Trumps Wahl zur zweiten Amtszeit als US-Präsident vermehrt Amerikaner mit deutsch-jüdischen Wurzeln dafür interessiert.
»Aber die absolute Mehrheit der Antragsteller kommt im Moment aus Israel«, sagt Fuchs. »Da sieht man ab 2023 einen enormen Anstieg.« Am 7. Oktober 2023 griff die terroristische Hamas Israel an; es folgte der Gaza-Krieg. »Im Großteil der Fälle ist es eine Absicherung. Es hat sich in der jüdischen Geschichte bewährt, einen Plan B zu haben. In den 1930er Jahren wollten die meisten Länder jüdische Flüchtlinge nicht aufnehmen. Das ist bei vielen noch präsent.«
Deutschland hat mittlerweile bei vielen ein positives Image
Zudem habe Deutschland gerade bei israelischen Antragstellern, die das Land noch nie besucht haben, ein positives Image als liberale Demokratie und pluralistisches Land. Viele junge Menschen fänden es auch attraktiv, die deutsche Staatsbürgerschaft zu nutzen, um in Europa unkompliziert studieren zu können. »Das kann auch einer der Hintergrundgedanken sein, mit denen Eltern oder Großeltern diese Pässe für ihre Familie beantragen«, so der Experte. kna