Kommentar

Wenn Versöhnung zu Heuchelei wird

Tobias Kühn Foto: Marco Limberg

Kommentar

Wenn Versöhnung zu Heuchelei wird

Jenaer Professoren wollen die Zusammenarbeit ihrer Universität mit israelischen Partnern prüfen lassen. Unter ihnen ist ausgerechnet ein evangelischer Theologe, der zum Thema Versöhnung lehrt

von Tobias Kühn  21.11.2025 15:09 Uhr

Martin Leiner, Professor für Systematische Theologie und Direktor des Jena Center for Reconciliation Studies, hält seit Jahren Seminare über Dialog, Vertrauen und Vergebung. Nun ist er Mitinitiator eines Schreibens, das die Zusammenarbeit der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit israelischen Hochschulen auf den Prüfstand stellen will – wegen des »Verdachts einer Komplizenschaft an Völkermord«.

Doch was ist Versöhnung wert, wenn sie Juden ausschließt? Wenn ein Theologe, der sich der Friedensarbeit verschrieben hat, zwischen »richtigen« und »falschen« Opfern, zwischen »würdigen« und »unwürdigen« Partnern unterscheidet – dann wird aus der Ethik der Versöhnung eine Moral der Heuchelei.

Leiner trägt das Vokabular der Dämonisierung Israels in die Mitte der Universität.

Leiner, der seit Jahren mit palästinensischen Wissenschaftlern der Al-Azhar-Universität in Gaza zusammenarbeitet, beteuert, ihm liege nichts ferner als ein Boykott israelischer Universitäten. Das klingt beruhigend, wirkt aber wie der Satz eines Rauchers, der angeblich nicht rauchen will, aber schon mal das Feuerzeug bereithält. Die Sprache der Distanzierung kann nicht verdecken, dass hier das Vokabular der Dämonisierung Israels in die Mitte der Universität getragen wird.

Leiners Sorge um seine Kollegen in Gaza mag aufrichtig sein. Aber wer Solidarität mit Palästinensern nur durch Distanz zu Juden ausdrücken kann, verrät den Geist der Versöhnung, den er zu verkörpern vorgibt. Versöhnung beginnt nicht mit dem Misstrauen gegenüber Israel. Sie beginnt mit der Anerkennung, dass dieses Land kein Feind, sondern ein Partner ist.

Lesen Sie auch

Wer, wie Leiner, die Sprache der Friedensforschung benutzt, um politisch korrekte Distanzierung zu rechtfertigen, macht sich zum Komplizen derjenigen, die das Ende des akademischen Austauschs mit Israel seit Jahren herbeisehnen.

Ein Schreiben, in dem Leiner das Jenaer Uni-Präsidium auffordert, seine Partner in Gaza daraufhin zu prüfen, ob sie Kontakte zur Hamas unterhalten, lag bis Redaktionsschluss nicht vor.

kuehn@juedische-allgemeine.de

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Wenn im Nahen Osten die Raketen einschlagen, schlagen in Deutschland zuverlässig die Liturgien an. Dann ertönt immer der gleiche Dreiklang: Deeskalation, Dialog, Gebet. Das ist eine beunruhigende Blindheit gegenüber der Realität des iranischen Regimes, findet unser Autor.

von Daniel Neumann  02.03.2026

Analyse

Geduld ist das Gebot der Stunde

Das iranische Regime hat in der Vergangenheit einen zermürbend langen Atem bewiesen. Auch nach der Tötung seines obersten Führers ist daher Demut und Weitsicht gefragt.

von Nathan Peres  02.03.2026

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Meinung

Was Layout verraten kann

Holger Friedrich hat die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht. Bei der Gestaltung drängen sich merkwürdige Bilder auf. Welche Zielgruppe will er wohl erreichen?

von Marco Limberg  25.02.2026

Meinung

Xavier Naidoo hat allen etwas vorgemacht

Der Popstar hat gerade erst sein Comeback gegeben, da verbreitet er wieder antisemitisch konnotierte Verschwörungsmythen. Spätestens jetzt ist seine angebliche Läuterung ganz und gar unglaubwürdig geworden

von Ralf Fischer  23.02.2026

Kommentar

Eure Masche zieht nicht mehr!

Mittlerweile hat es sich selbst im Kulturbetrieb herumgesprochen, dass die Bigotterie der sogenannten pro-palästinensischen Aktivisten allzu durchschaubar ist, wenn Menschenrechte gepredigt und im gleichen Atemzug »Genozid« und »Boykott« geschrien wird

von Sophie Albers Ben Chamo  22.02.2026

Meinung

Endlich kehrt Ehrlichkeit in die Debatte über die UNRWA ein!

Der CDU-Antrag bringt auf den Punkt, was seit Jahren verdrängt wurde: Palästinensische Gewalt darf natürlich nicht als politisches Instrument akzeptiert werden

von Daniel Neumann  21.02.2026

Essay

Iran ist nicht das islamistische Regime. Iran, das seid ihr!

Eine Verneigung vor dem Mut der freiheitsliebenden Menschen im Iran und in der iranischen Diaspora

von Sarah Maria Sander  19.02.2026

Meinung

Königliches Versagen im Kulturbetrieb

Das renommierte Reina-Sofía-Museum in Madrid setzt eine Schoa-Überlebende vor die Tür. Die Existenz des Juden wird zur Provokation, die Befindlichkeit des Antisemiten zum schützenswerten Gut. Spanien ist verloren!

von Louis Lewitan  19.02.2026