Essay

Wenn meine Töchter mich fragen

Andreas Albrecht ist stellvertretender Vorsitzender der Landeselternkonferenz NRW und Mitglied der Kölschen Kippa Köpp. Foto: privat

Essay

Wenn meine Töchter mich fragen

Am 8. Mai 1945 wurde der NS-Staat besiegt, aber nicht das Denken, das ihn ermöglicht hat. Der Hass wächst heute wieder. Werde ich meinen Kindern einmal sagen können, dass ich nicht geschwiegen, sondern widersprochen habe?

von Andreas Albrecht  08.05.2026 10:24 Uhr

Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Er erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, an die Befreiung vom nationalsozialistischen Terror und an Millionen Menschen, die verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden.

Für mich ist der 8. Mai kein Datum fürs Archiv. Er ist eine Frage: Was tun wir mit dem Wissen um das, was geschehen ist?

Vielleicht war das eine der bittersten Illusionen nach dem 8. Mai: zu glauben, mit der militärischen Niederlage des Nationalsozialismus sei auch das Denken besiegt, das ihn möglich gemacht hatte. Doch Menschenverachtung stirbt nicht an einem Datum. Sie kann weiterglimmen wie Glut unter der Asche: verdrängt, verharmlost, überdeckt vom Alltag und von der tröstlichen Erzählung, es könne nie wieder geschehen. Aber Glut bleibt gefährlich. Sie braucht nur Sauerstoff: Angst, Wut, Neid, Schweigen, Gleichgültigkeit, Hetze. Und wenn niemand sie erstickt, frisst sie sich wieder durch das, was wir für sicher hielten.

Ich möchte in einer Welt leben, in der Unterschiedlichkeit kein Makel ist, sondern Normalität. Umso mehr beunruhigt mich, wie offen Hass heute wieder zutage tritt. Sein Kern ist immer derselbe: Er beginnt dort, wo der andere nicht mehr als Mensch gesehen wird. Wo Menschen zu Gruppen werden. Zu Kategorien. Zu Problemen. Zu Feindbildern.

Die Opfer waren nicht abstrakt

In diesem Jahr jährt sich das Massaker von Babyn Jar zum 85. Mal. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten deutsche Einheiten nahe Kyjiw mehr als 33.000 jüdische Menschen aus Kyjiw und Umgebung. Auch in Esch-sur-Alzette wurde vor 85 Jahren versucht, jüdisches Leben auszulöschen. Die alte Synagoge wurde 1941 von den deutschen Besatzern zerstört. Heute gibt es in Esch wieder eine Synagoge – und damit sichtbares jüdisches Leben in der Stadt. Erinnerung heißt auch, dieses Leben zu schützen.

Diese Erinnerungen führen für mich zu demselben Gedanken: Die Opfer waren nicht abstrakt. Sie waren Mütter und Väter, Töchter und Söhne, Freundinnen und Freunde. Sie waren Nachbarinnen und Nachbarn. Menschen mit Namen, Familien, Hoffnungen und Geschichten. Sie lebten mitten unter anderen Menschen. Und andere sahen zu.

Vielleicht beginnt Erinnerung genau dort: bei der Erkenntnis, dass Wegsehen nie neutral ist.

Auch heute sind Jüdinnen und Juden nicht »die anderen«. Antisemitismus trifft jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger: unsere Nachbarinnen und Nachbarn, unsere Freundinnen und Freunde, unsere Mitschülerinnen und Mitschüler, unsere Kolleginnen und Kollegen, unsere Familien.

Vielleicht beginnt Erinnerung genau dort: bei der Erkenntnis, dass Wegsehen nie neutral ist.

Ich schreibe diesen Text nicht im Namen eines Verbandes und nicht aus einer Funktion heraus. Meine Haltung ist persönlicher, biografischer und älter als jede Aufgabe, die ich heute innehabe.

Wenn ein Mensch zur »Abweichung« wird

Wenn ich über Geschichte spreche, denke ich an meine beiden Töchter. Die ältere hat Autismus. Sie ist – wie ihre Schwester – lebensfroh, neugierig, offen, voller Wärme. Und doch hätte genau dieses Kind in der Zeit des Nationalsozialismus kaum eine Chance gehabt. Sie wäre sehr wahrscheinlich als »unwertes Leben« entrechtet worden – und vermutlich ermordet.

Dieser Gedanke ist für mich schmerzhaft konkret. Er zeigt mir, wie schnell ein Mensch nicht mehr als Mensch gesehen wird, sondern nur noch als Kategorie: als Abweichung, als Problem, als Leben, über das andere urteilen.

Schule darf kein Ort sein, an dem Kinder erfahren, dass ihre Würde verhandelbar ist.

Gerade in der Schule zeigt sich, ob Kinder dazugehören. Dort erleben sie, ob sie geschützt werden, ob Erwachsene widersprechen oder wegsehen. Dort lernen sie früh, welchen Wert ein Mensch hat. Deshalb darf Schule kein Ort sein, an dem Kinder erfahren, dass ihre Würde verhandelbar ist.

Heute entstehen in Europa wieder neue Gräber durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine – gerade in dem Moment, in dem wir der Toten des Zweiten Weltkriegs gedenken. Das ist keine Gleichsetzung. Aber es ist eine Mahnung, wachsam zu sein, wenn Nationalismus, Gewalt und Verachtung wieder über Menschenleben gestellt werden.

Auch die Kriege und Konflikte unserer Zeit bleiben nicht draußen vor dem Schultor. Sie kommen mit den Kindern hinein: über Nachrichten, soziale Medien, Familiengeschichten, Angst, Wut und manchmal auch als Parole. Im Klassenzimmer entscheidet sich dann, ob daraus ein Gespräch wird – oder ein neues Feindbild.

Widersprechen, wenn es wieder geschieht

Gerade deshalb gehört Erinnerung in die Schule: als Erfahrung, nicht als Ritual. Jedes Kind sollte im Laufe seiner Schulzeit an einem Ort stehen, an dem das nationalsozialistische Grauen nicht abstrakt bleibt – in einer KZ-Gedenkstätte oder an einem anderen Ort nationalsozialistischer Verfolgung. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als Auftrag gegen das Vergessen.

Ich habe Angst, dass meine Töchter in einer Gesellschaft leben, in der nicht mehr zählt, wer du bist, sondern woher du kommst, wie leistungsfähig du bist oder in welche Schublade andere dich stecken.

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Und ich weiß, dass meine Töchter mich eines Tages fragen könnten, ob ich geschwiegen habe oder ob ich widersprochen habe.

Ich möchte ihnen dann sagen können, dass ich versucht habe, den Menschen neben mir zu sehen. Dass ich nicht zugelassen habe, dass Nachbarinnen und Nachbarn zu »den anderen« gemacht werden.

Vielleicht ist genau das der Auftrag des 8. Mai: nicht nur zu erinnern, was war, sondern zu widersprechen, wenn es wieder beginnt. Heute. Für unsere Kinder. Für die Menschen neben uns.

Der Autor ist Vater zweier Töchter. Er engagiert sich unter anderem als stellvertretender Vorsitzender der Landeselternkonferenz NRW, im Städtepartnerschaftsverein Köln–Tel Aviv-Yafo sowie als Beisitzer im Vorstand des Städtepartnerschaftsvereins Köln–Esch-sur-Alzette. Zudem ist er Mitglied der Kölschen Kippa Köpp. Der Text gibt seine persönliche Haltung wieder.

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