Es braucht eine Brandmauer gegen die Linkspartei

Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen

Eine Brandmauer hat eine ziemlich einfache Aufgabe: Sie hält Feuer auf. Sie fragt nicht: Kommt das Feuer von rechts oder von links? Ist die Flamme braun oder rot? Grölt sie? Oder spricht sie von Humanität und Gerechtigkeit? Wenn eine Brandmauer nur auf einer Seite steht, brennt es von der anderen rein. Über diese offene Seite müssen wir reden. Es gibt keinen guten und schlechten Judenhass. 

Es gibt nur Judenhass. Und der passt sich seiner Zeit an. Er ist ein Virus, das mutiert und immer neue, anschlussfähige Codes findet. »Jude«, »Ritualmord«, »Rassenschande« – klingt aus der Mode gekommen. »Zionist«, »Genozid«, »Apartheid« – klingt schon viel progressiver. »Judenvernichtung« ist sehr 1942. »Israelvernichtung«, die Vernichtung des kollektiven Juden, ist sehr 2026. Und Teile der politischen Linken haben diesem neuen Antisemitismus nicht nur Reichweite verschafft. Sie haben ihm etwas sehr Wertvolles gegeben: einen moralischen Heiligenschein.

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Plötzlich kann man jüdische Selbstbestimmung bekämpfen und sich dabei für einen guten Menschen halten. Man kann »Intifada« schreien und sich Antirassist nennen. Man kann Terroristen zu »Befreiungskämpfern« erklären und sich anschließend wundern, warum Juden gehen. Man habe ja nichts gegen Juden – nur gegen Zionisten. Man kann Juden in »neue Nazis« umbenennen und schon scheint jede Gewalt legitimiert. So wird Judenhass nicht nur entschuldigt. Er wird gesellschaftsfähig gemacht.

Und mit ihm schleicht sich noch etwas anderes zurück in den Mainstream: autoritäres Denken. Schauen wir nach Berlin. Antisemitische und stalinistische Ausfälle. Honecker. Stalin. Israel-Dämonisierung. Dann steht auf einer Wahlkampfbühne ein Rapper, der die Terrororganisation PFLP und Leyla Khaled feiert. »Yalla Intifada.« »Death to the IDF.« Junge Menschen feiern. Politiker stehen daneben. Niemand greift ein. Zu spätkommt die Distanzierung der Parteispitze – als sei all das überraschend. 

Und ich frage: Wie oft muss eine rote Linie überschritten werden, bevor man versteht, dass nicht mehr nur jemand über die Linie tritt – sondern dass die Linie selbst verschoben wird? Genau das ist das Problem. Eine politische Kultur, in der Israelhass normalisiert wird. In der man uns Juden erklärt, was Antisemitismus ist und was nicht. In der Diktaturromantik wieder rebellisch und cool ist. Deshalb möchte ich diejenigen direkt ansprechen, die in den demokratischen Parteien Verantwortung tragen. Es ist wichtig, dass diese Antisemitismus verurteilen. Wir hören sie. Wir nehmen ihre Worte als konsequentes Versprechen.

Denn was ist eine Brandmauer wert, wenn sie nur dort steht, wo sie politisch nichts kostet? Wenn Rassismus von rechts richtigerweise für Regierungsverantwortung disqualifiziert – warum sollte Antisemitismus von links weniger schwer wiegen? Wenn rechtes autoritäres Denken eine Brandmauer verlangt – warum wird linke Diktaturromantik belächelt? Warum sollte Judenhass von links erträglicher sein als von rechts? Judenhass, egal welcher Couleur, ist ein Seismograf für Demokratie.

Wo Juden wieder ihre Existenz erklären müssen, stimmt etwas Grundsätzliches nicht mehr. Und wir Juden hören seit Jahrzehnten ein Versprechen: »Nie wieder.« Aber was genau bedeutet das? Stolpersteine? Kränze? Gedenkreden für tote Juden? Oder bedeutet »Nie wieder« auch, lebenden Juden zuzuhören? Wenn wir sagen: Hier verschiebt sich gerade etwas. Hier wird Hass normalisiert. Hier kehrt autoritäres Denken zurück. Hier werden unsere Warnungen wieder als störend empfunden. Hier werden wir schon wieder rausgedrängt – aus Hörsälen, aus Bars, aus Pride-Paraden, aus kulturellen Räumen.

Wir sind keine Zahlen. Keine Statistiken. Keine Bilder aus Geschichtsbüchern. Wir sind lebende Bürger dieser Stadt. Und wir erleben das. Jetzt. 2026. 

»Nie wieder« ist ein Arbeitsauftrag. Und deshalb richten wir Juden diese Botschaft an jeden demokratischen Politiker in Berlin: Wenn diese sich heute gegen Judenhass stellen, dann müssen ihre Worte auch nach dem 20. September, nach den Wahlen in Berlin, noch gelten.

Wir brauchen keine Brandmauer nach politischer Himmelsrichtung. Wir brauchen eine Brandmauer gegen Demokratiefeindlichkeit. Gegen Autoritarismus. Gegen Sowjetromantik. Gegen Terrorverherrlichung. Gegen Mullah-Sympathien. Gegen ideologisch Verblendete, die Terror zum Lifestyle, Sozialismus zum Fortschritt und Juden zu Feindbildern erklären!

Egal, ob dieser geistige Müll von rechts kommt, von links oder aus religiösen Milieus. Wir müssen ihm entgegentreten – auch und gerade dann, wenn es unbequem wird. Denn Demokratie verteidigt man nicht dort, wo es Gratisapplaus gibt. Man verteidigt sie dort, wo Haltung etwas kostet. 

Ja, Haltung hat ihren Preis. Aber wenn wir autoritäre Ideologien, Terrorromantik und Judenhass in Regierungsverantwortung bringen, werden wir alle einen vielhöheren Preis zahlen. »Nie wieder« ist ein Kompass. Benutzen wir ihn.

Die Autorin ist Sprecherin der WerteInitiative und lebt in Berlin.

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