Sabine Brandes

Völlig untragbar!

Sabine Brandes Foto: privat

Sabine Brandes

Völlig untragbar!

Die übermäßige Bevorzugung der Charedim ist eine Gefahr für Wohlstand und Wohlbefinden im jüdischen Staat

von Sabine Brandes  06.05.2025 11:52 Uhr

Ich gehöre zu den Menschen, die sich nicht um kleine Zahlen scheren. Ich habe keine Ahnung, wieviel der Liter Milch oder die Butter im Supermarkt genau kosten. Nicht, weil ich mir alles leisten könnte, sondern weil ich diese Dinge sowieso kaufen würde. Ob der Preis gestiegen ist oder nicht. Kaffee ohne Milch, Frühstückstoast ohne Butter? Ich spare lieber woanders.

Viele Israelis aber müssen jeden Schekel umdrehen und auch bei den Grundnahrungsmitteln auf den Preis schauen. 21 Prozent der Menschen im Land leben unterhalb der Armutsgrenze. Dabei sind Israelis hart arbeitende Menschen, die anderen nicht auf der Tasche liegen. Für eine Gruppe in der Bevölkerung allerdings gilt dieser Satz nicht. Der Großteil der Charedim lässt sich komplett von anderen aushalten.

Der ärmste Ort in Israel ist Modiin Ilit, wo knapp die Hälfte der Menschen als arm gelten, gefolgt von Jerusalem, Beit Schemesch und Bnei Brak. Allesamt ultraorthodoxe Hochburgen. Die Menschen dort sind nicht sozial schwach, weil sie am Rand der Gesellschaft geboren wurden. Es ist ihre Weltsicht. Eine, die alle anderen Israelis teuer zu stehen kommt.

Milliardenbeträge werden in Richtung der Charedim umgeleitet.

Das wurde spätestens beim Verabschieden des Haushalts durch die rechts-religiöse Regierung vor einigen Wochen klar. Immer höhere Milliardenbeträge werden in Richtung Charedim umgeleitet. Und das sind nur die offensichtlichen Gelder, etwa für Jeschiwa-Stipendien an junge Männer, die den Armeedienst verweigern. Viel mehr noch fließt durch undurchsichtige Kanäle an die ultraorthodoxen Parteien.

Das kaum zu durchschauende Netz führt laut dem rechtsgerichteten Think Tank »Kohelet Policy Forum« dazu, dass eine Charedi-Familie, deren Vater nicht berufstätig ist, viermal so viel Unterstützung vom Staat erhält wie eine jüdische nicht-Charedi-Familie.

Dieses System der Ungleichbehandlung gibt es schon lange. Doch der Krieg und die Frage der gerechten Lastenverteilung, insbesondere die Weigerung der Ultraorthodoxen, in der Armee zu dienen, hat es verschärft in den Fokus gerückt.

Eine Entwicklung durch Regierungspolitik

Bei Staatsgründung erhielten die besten Jeschiwa-Studenten eine Befreiung vom Wehrdienst, um das ultraorthodoxe Leben zu erhalten. 400 an der Zahl. 1977 wurde diese Ausnahme unter der Likud-Regierung auf alle ultraorthodoxen Männer ausgeweitet. Bislang haben sich fast alle Regierungen in Jerusalem dem gebeugt.

Es ist eine Entwicklung, die durch Regierungspolitik hervorgerufen wurde – und genauso durch die Politik wieder aufgehoben werden könnte. Damit muss es also nicht sein, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe bevorzugt, überdurchschnittlich subventioniert und gleichzeitig von fast allen Bürden des täglichen Lebens befreit wird.

Bei einer kleinen Zahl wurde ich vor einigen Tagen doch aufmerksam: 3,3. Um so viel Prozent sollen Lehrergehälter gekürzt werden. Die verdienen hierzulande ohnehin nicht viel, außerdem herrscht ein eklatanter Mangel an Lehrern. Ich ärgerte mich, schließlich werden auch meine Kinder von schlecht bezahlten und dennoch höchst engagierten Pädagoginnen und Pädagogen unterrichtet. Dann las ich, dass die Gehälter an ultraorthodoxen Schulen nicht gekürzt werden und wurde richtig wütend.

So geht es mittlerweile vielen Israelis. Die charedischen Parteien in der Regierung verbergen nicht einmal mehr, dass sie eine regelrechte Erpressungspolitik betreiben. Fließen nicht ausreichend Milliarden, drohen sie damit, die Koalition zu sprengen, sollen auch ihre Söhne in die Armee, ist das Geschrei noch lauter.  

System der charedischen Gesellschaft bald nicht mehr zu bezahlen

Bei den Verhandlungen zum Haushalt warnten einige Beamte des Finanzministeriums, dass das System, auf dem die ultraorthodoxe Gesellschaft aufgebaut ist, für den Staat untragbar geworden sei. Die Kombination aus hohen Geburtenraten, massenhafter Nichterwerbstätigkeit und enormen Ausgaben für Sozialleistungen ist bald einfach nicht mehr zu bezahlen.

Welche moderne, erfolgreiche Gesellschaft will ihre Ressourcen schon von produktiven Bereichen abziehen lassen, um sie in eine wirtschaftlich unproduktive und isolationistische Gruppe zu pumpen? Genau, keine einzige! Auch der Großteil der israelischen Gesellschaft will das nicht. Doch es ist nicht mehr nur unfair und ärgerlich – mittlerweile ist es eine echte Bedrohung für Wohlbefinden und Wohlstand im jüdischen Staat.

Jerusalem

Ben-Gvir präsentiert israelische Fahne auf dem Tempelberg

Ausschreitungen und anti-arabische Gesänge während israelischen »Flaggenmarsches« – Polizei nimmt 13 Randalierer fest

 14.05.2026

Mittelmeer

Gaza-Hilfsflotte sticht von Türkei aus erneut in See

Israel wirft einigen Aktivisten Verbindungen mit der islamistischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen vor

 14.05.2026

Israel

Netanjahus Gesundheit vor Gericht

Der Premier erklärt sich in Verleumdungsprozess für »topfit« – doch Widersprüche bei Angaben zu seiner Krebsbehandlung werfen neue Fragen auf

von Sabine Brandes  14.05.2026

Nahost

Drei israelische Zivilisten durch Hisbollah-Sprengstoffdrohne verletzt

In der Mitteilung der israelischen Armee war die Rede von einem schweren Verstoß der Hisbollah gegen die Waffenruhe

 14.05.2026

Westjordanland

»Peace Now«: Friedensaktivist von Siedlern im Gesicht verletzt

Der Leiter von »Peace Now«, Lior Amichai, wurde nach Angaben der Organisation von gewalttätigen Siedlern geschlagen

 14.05.2026

Israel

Neue Hoffnung auf günstige Flugtickets

Nach monatelangen Flugausfällen kehren internationale Airlines zurück – Lufthansa und Wizz Air machen den Anfang

von Sabine Brandes  14.05.2026

Israel

Parlamentswahl könnte vorgezogen werden

Der Vorsitzende der Regierungskoalition, Ofir Katz, reichte einen entsprechenden Gesetzesentwurf zur Auflösung der Knesset ein

 14.05.2026

Nahost

Netanjahus Büro: Premier hat während Iran-Kriegs heimlich Emirate besucht – der Golfstaat dementiert

Laut dem Büro des Regierungschefs habe der Besuch zu »einem historischen Durchbruch in den Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten« geführt

 14.05.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026