Julien Reitzenstein

Unheiliger Täterschutz

Julien Reitzenstein

Julien Reitzenstein

Unheiliger Täterschutz

Warum die Katholische Kirche Papst Pius XII. unter keinen Umständen heilig sprechen sollte

 28.09.2023 21:01 Uhr

Das Thema »Der Papst und die Schoa« kennt nur eine Gewissheit: Es wird Generationen dauern, bis eine nüchterne Faktenbeurteilung des Handelns von Pius XII. im Zweiten Weltkrieg möglich ist. Er habe nichts gewusst, sagen die einen – das stimme nicht, der Heilige Stuhl habe Informationen über die Massenmorde an Juden erhalten, die anderen. Aber die habe der Papst, fernab von Auschwitz, nicht überprüfen können, sagen die einen – und so fort.

Sinnvoller als Diskussionen ob, wie weit und weshalb der Papst zur Schoa geschwiegen hat, ist die Betrachtung von vier anderen Aspekten. Sie tragen zur Beurteilung der Frage bei, ob Eugenio Pacelli – Papst Pius XII. – den Kriterien für die seit Jahren von seinen zahlreichen Verehrern geforderten Heiligsprechung genügt.

Der polnische Papst Johannes Paul II. hat mehr Menschen heiliggesprochen als alle seine Vorgänger zusammen – trotz lautstarker Forderungen aber nicht Pius XII.

Möglicherweise lag dies daran, dass Pacelli geschwiegen hat, als die Nationalsozialisten in Polen mehrere tausend katholische Priester und Ordensleute ermordeten, darunter drei Bischöfe.

Möglicherweise lag es daran, dass er geschwiegen hat, als der Volksgerichtshof Priester zum Tode verurteilt hat, beispielsweise weil sie aufgrund des Beichtgeheimnisses NS-Gegner nicht denunzierten.

Doch als nach dem Krieg NS-Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurden, stellte Pacelli Gnadengesuche.

Zudem hat niemand mehr NS-Verbrecher vor der Justiz geschützt – beispielsweise durch die »Rattenlinie«. Für die Unterstützung Mengeles, Eichmanns, Barbies und anderer war Pacelli mindestens als Staatsoberhaupt des Vatikanstaates politisch verantwortlich.

Wer es für richtig hält, dass Eichmann letztlich doch noch vor Gericht gestellt wurde, kann nicht den Mann ehren, gar als Heiligen verehren wollen, dessen Vertraute dies - unter dessen Verantwortung - zunächst erfolgreich verhindert hatten.

Der Autor ist Historiker an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und forscht zu NS-Verbrechen und -Ideologien.

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  12.04.2026 Aktualisiert

Kommentar

Empathie für alle?

Dunja Hayali hat zu mehr Mitgefühl mit Betroffenen von Kriegen aufgerufen. Zurecht. Was in den deutschen Medien jedoch kaum vorkommt: das Leid der Israelis, die unter dem ständigen Beschuss der Hisbollah stehen

von Jenny Havemann  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Standpunkt

Die Militäroperation gegen das Mullah-Regime ist eine historische Chance

Ein Gastbeitrag von Roderich Kiesewetter, Bundestagsabgeordneter (CDU) und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses

von Roderich Kiesewetter  06.04.2026 Aktualisiert

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Meinung

Nein, und nochmals nein!

Der rechtsextreme Minister Itamar Ben-Gvir sagt, das Gesetz zur Todesstrafe werde dem Volk Israel »den Stolz zurückbringen«. Dabei steht es im Widerspruch zu fundamentalen Werten des Judentums

von Esther Schapira  31.03.2026