Joshua Schultheis

Netanjahu muss sein Schweigen brechen

Joshua Schultheis Foto: Charlotte Bolwin

Joshua Schultheis

Netanjahu muss sein Schweigen brechen

Auf einer Konferenz forderten selbst Likud-Abgeordnete die Wiederbesiedlung von Gaza. Der Premier sollte endlich einschreiten

von Joshua Schultheis  23.10.2024 12:43 Uhr

Wären es doch nur ein paar Spinner. Doch leider ist das mitnichten der Fall: Auf einer Konferenz zur »Wiederbesiedlung von Gaza«, die am Montag in unmittelbarer Nähe des Küstenstreifens stattfand, waren neben ein paar Hundert von messianischem Fanatismus getriebenen Aktivisten auch eine ganze Reihe bedeutender israelischer Politiker anwesend.

Unter ihnen, noch am wenigsten überraschend, der mächtige Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir der ultranationalistischen Partei Otzma Yehudit. »Das Land Israel gehört uns«, erklärte er, und meinte: auch die palästinensischen Gebiete. Man müsse in Gaza »die Auswanderung fördern«, sagte er und meinte: ethnische Säuberung.

Doch nicht nur Knesset-Abgeordnete von Ben-Gvirs Partei oder von dessen ebenso radikalem Koalitionspartner »Religiöser Zionismus« gaben sich auf der Konferenz die Ehre. Auch zehn der 32 Parlamentarier von Benjamin Netanjahus Likud waren vor Ort. May Golan, Parteigenossin des Premiers sowie Ministerin für Soziales und Frauen, wünschte den Menschen in Gaza nicht weniger als »eine weitere Nakba« – also Flucht und Vertreibung. Ohne jede Scham diskutierten Politiker mit Regierungsverantwortung öffentlich Pläne für schwere Kriegsverbrechen.

Die absurden Besiedlungspläne wandern gerade von den Rändern der Koalition in ihre Mitte.

Ihr Chef, Netanjahu, ist jedoch dagegen. Wiederholt hat der Premierminister deutlich gemacht, dass eine Wiederbesiedlung Gazas für ihn nicht infrage kommt. Er wird wissen, dass Israel mit einem solchen Schritt jede noch verbliebene internationale Unterstützung verlieren würde und dass in Umfragen zwei Drittel der Israelis die Idee ablehnen. Die dramatische Räumung der jüdischen Siedlungen in Gaza 2005 ist im Land noch sehr präsent.

Wie lange wird sich Netanjahu mit seiner Haltung noch durchsetzen können? Die absurden Besiedlungspläne wandern gerade von den Rändern der Regierungskoalition in ihre Mitte. Doch anstatt seine Minister und Abgeordneten öffentlich zurückzupfeifen, sagt der Premier bisher zur Gaza-Konferenz: nichts.

Sein Schweigen gefährdet nicht zuletzt den Rückhalt der israelischen Bevölkerung für den Kampf gegen die Hamas. Er muss es brechen – und bei der Gelegenheit am besten auch einen belastbaren Nachkriegsplan für Gaza vorlegen. Erst wenn dieser vorliegt, kann den Siedlerfantasten in seiner Regierung endlich der Wind aus den Segeln genommen werden.

schultheis@juedische-allgemeine.de

Beit Zazir

Herzog weist Trumps Angriffe zurück: Israels Souveränität »nicht zu verkaufen«

Der israelische Präsident spricht von einem »unverhohlenen Angriff auf die Symbole der Staatsführung« seines Landes

 13.03.2026

Alltag im Krieg

Mitgehört im Bunker ...

Schlaflos in Tel Aviv: Iranische Raketen halten in den Nächten die Israelis wach

von Sabine Brandes  13.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026

Jerusalem

Netanjahu: Kriegsziel ist Zerstörung der Atom- und Raketenprogramme

An die Iraner gerichtet sagt der Ministerpräsident, Israel versuche, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Menschen selbst gegen die Führung in Teheran vorgehen könnten

 13.03.2026

Jerusalem

Israel sieht erste Risse in iranischer Führung

Israels Außenminister: Es gibt bereits Anzeichen für Differenzen zwischen politischen Entscheidungsträgern und militärischen Verantwortlichen in Teheran

 13.03.2026

Nahost

Iranische Zivilisten schicken Israel Hinweise auf Regime-Ziele

Menschen im Iran informieren die israelischen Streitkräfte über Einrichtungen des Regimes. Die Angaben werden geprüft und führen dann zu Angriffen

 13.03.2026

Israel

Hamas-Terrorist misshandelt? Anklage gegen fünf Reservisten fallengelassen

Den fünf Männern wurde vorgeworfen, im berüchtigten Militärgefängnis Sde Teiman einen Terroristen so stark sexuell misshandelt zu haben, dass dieser ins Krankenhaus gebracht werden musste

 12.03.2026

Iran-Krieg

Israel ruft Bewohner des Südlibanons zur Flucht auf

Der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah spitzt sich weiter zu: Die israelische Armee weitet ihren Evakuierungsaufruf für den Süden des Nachbarlandes aus

 12.03.2026