Meinung

Jesus, Katrin und die Pharisäer

Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart Foto: imago/Rüdiger Wölk

Was die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt in einem Gastbeitrag für »Die Welt« nachbetet, stellt sie in keine »biblische Tradition«, wie sie selbst glaubt. Es stellt sie in die Tradition des nachbiblischen Judenhasses.

Die Parlamentarierin, ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und – in gewisser Weise gleichrangig – einstige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), empört sich darüber, dass die amtierende Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU/CSU) den Kirchen habe »verbieten wollen«, politische Aussagen zu treffen  –   was bereits Nonsens ist. In einem Interview mit der »Bild am Sonntag« hatte Klöckner die Kirchen lediglich davor gewarnt, jeden politischen Wunsch, der einen anfällt, mit höheren Weihen zu versehen. »Klar kann sich Kirche auch zu Tempo 130 äußern«, so Klöckner. »Aber dafür zahle ich jetzt nicht unbedingt Kirchensteuer.«

Nun macht sich Göring-Eckardt aber nicht daran, die Idee einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen mit biblischen Ideen abzugleichen. Ihr Studium der evangelischen Theologie hatte sie, darüber hält sie sich sehr bedeckt, offenbar nach sechs, sieben oder acht Semestern abgebrochen. Sondern sie erklärt, das Tempolimit sei ein »Gleichnis«. Was abermals Quatsch ist, denn ein Gleichnis ist eine Erzählung, die ein abstraktes Thema  –  zum Beispiel eine politische Forderung  –  in einer konkreten Situation plausibilisiert. Ein Gleichnis zum Tempolimit wäre also beispielsweise, wenn die Hirten nicht eilends, sondern zu spät zum Stall in Bethlehem kämen.

Egal, man nehme Göring-Eckardts politischen Wunsch fortan als ein Gleichnis  –  wofür? »Fürs Ganze«, auf das sie geht. Wenn Kirchen »die Politik« kritisieren, dann, schreibt sie, »bleiben sie ganz in der Tradition von Jesus Christus, der an den Pharisäern als damals Herrschenden kein gutes Haar ließ. Im mildesten Fall hat er sie als Heuchler bezeichnet, weil und wenn sie den Dienst an den Armen, also an der Gerechtigkeit, verweigerten«. 

Jesus stand selbst in der Tradition der Pharisäer

Hier stimmt nun gar nichts mehr. »Die Herrschenden« seinerzeit waren die Römer. Die herrschende Kultur war die griechisch-römische. Mit den Römern konform gingen die Sadduzäer, die einen erheblichen Teil der jüdischen Priester-Aristokratie stellten. Die Essener formten eine alternative Aussteigerszene.

Die Zeloten riefen zum bewaffneten Widerstand, während die Pharisäer einen  (das könnte eine Grüne verstehen)  realpolitischen Weg einschlugen: Ihnen ging es darum, die Tora unter den rabiaten Bedingungen der Besatzung so auszulegen, dass sie für Juden lebbar blieb und also Juden sich sowohl an der Tora orientieren als auch am Leben bleiben konnten.

Den biblischen Quellen zufolge war Jesus, wenn nicht selbst Pharisäer, dann pharisäisch geschult. Er wird als Rabbi angesprochen. Mit dem Titel wurden Gelehrte der pharisäischen Schule bezeichnet. Er wird zu pharisäischen Disputen eingeladen, der entscheidenden Form der Schriftauslegung im dogmenfreien Judentum. Und er verkehrte mit Pharisäern, wo immer er war. Während Paulus, sein Apostel, der gerne als »Erfinder des Christentums« gehandelt wird, sich selbst wiederholt als Pharisäer vorgestellt hat …

Man muss die Debatten, von denen die Evangelien berichten, immer als innerjüdische lesen, wenn man, so gut es geht, verstehen will, worum es geht: Dass, in den Worten Jesu, »nicht ein Buchstabe der Tora vergehen wird, bis Himmel und Erde vergangen sein werden«. Und dass es, als im Jahr 70 der Tempel zerstört und das Judentum durch die Welt getrieben wurde, überlebenswichtig wurde, die Tora so auszulegen, dass sie für Juden – eine verschwindende Minderheit – lebensnah blieb.

Juden sind das Negativ des eigenen Selbstbilds

Aus den pharisäischen Disputen über diese Frage ist das heutige, das rabbinische Judentum entstanden, das Christentum aus der pharisäisch geprägten Theologie des Paulus. »Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern sein«: Der Satz, ein Leitmotiv pharisäischen Denkens, stammt aus dem 2. Buch Mose, also aus der Hebräischen Bibel. Er könnte aber auch von Martin Luther sein: Ein Königreich errichten inmitten des Imperiums, in das kein Staat hineinregieren kann und kein Papst.

Das könnte auch eine grüne Idee sein. Was Göring-Eckhardt dagegen erzählt – die Pharisäer als Konterfei von Heuchlern, »die den Dienst an den Armen, also an der Gerechtigkeit, verweigerten«, erbarmungslose Rechthaber, mitleidslose Ausbeuter, hinterrücks Herrschende, mithin das komplette Gegenbild zum sanften, dem woken Jesus  –  ist nackter Anti-Judaismus, wie er sich ab dem 3. Jahrhundert entwickelt hat.

Darin sind Juden das Negativ des Bildes, das man sich von sich selbst macht. »Der Sinn von Judenbildern ist die Konstruktion von Selbstbildern«, schreiben Klaus Holz und Thomas Haury in ihrer Analyse des »Antisemitismus gegen Israel«: Immer gehe es um den »Sinnzusammenhang eines negativen Judenbildes und eines positiven Selbstbildes, die zu einer Weltdeutung zusammenstimmen«.

Dieser identitätspolitische Mechanismus schnappt auch bei Göring-Eckhardt ein: Die Kirchen würden »laut, wenn es ungerecht zugeht«, schreibt sie. Sie sorgten sich um »unsere Lebensgrundlagen«, um die Schöpfung. Sie schützten das Leben, gingen in Gefängnisse, stünden am Strand von Lampedusa, unter Einhaltung des Tempolimits dorthin gelangt …

Ohne das Negativ kein moralischer Imperativ

Es ist ein ziemlich grünes Programm, das sie als ihr Selbstbild entwirft. Es ist von aller Selbstkritik befreit. Es entspricht dem, wie sie sich Jesus ausmalt. Ihm und ihr gegenüber stehen »die Herrschenden«, die Pharisäer, die Juden.

Ohne sie geht es offenbar nicht. Ohne dieses Negativ lässt sich das eigene politische Programm nicht zum moralischen Imperativ aufblasen, ohne eine den Juden zugemünzte »Heuchelei« nicht von »Lebensschutz« sprechen. Ein Tempolimit, das »Gleichnis« sei, bleibt ohne gleichnishafte »Pharisäer« lapidar. Die eigene Redlichkeit bleibt blass, wenn sie sich von keiner Schäbigkeit abheben kann. Es ist banal, man könnte es stumpfsinnig nennen im Wortsinn. Stumpf, weil es ein antisemitisches Stereotyp durchpaust, und sinnig, weil es sich grün verzwecken lässt.

Das Problem ist ein anderes: Saul Friedländer hat seinen Begriff des »Erlösungsantisemitismus« aus dem »Geist von Bayreuth« abgeleitet, einem Gedankenbrei, den Richard und Cosima Wagner, Houston Stewart Chamberlain und andere angerührt haben. Darin verrührt sind »deutsches Christentum, Neuromantik, der mystische Kult des heiligen arischen Blutes und ultrakonservativer Nationalismus«.

Tödliches Gebräu

Von dergleichen ist Göring-Eckardt, sind die Grünen, die Kirchen meilenweit entfernt, das ist selbstredend. Beunruhigend ist aber an Friedländers Analyse, dass eine »spezifisch deutsche, mystische Form« des Antisemitismus nach und nach »mit einer entschieden religiösen Vision verschmolz«.

Das »Gebräu« war tödlich, die fehlende Abgrenzung von theologischer und mystischer Denke, von mystischer und romantischer Politik, von romantischer Politik und einer rationalen, die schließlich »woke« wurde, als Deutschland vormals »erwachte«. Ein Satz aus Hitlers »Mein Kampf« steht paradigmatisch für solches Gebräu:»Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.«

Ein ähnliches Gebräu erneut anzurühren  –  Naturmystik plus Befreiungsromantik plus Weltrettungsprogramme plus religiöse Tiefe plus »Israelkritik«  – dafür ist der verplauderte Text von Göring-Eckardt sicherlich kein Fanal.

Fatal an ihm ist dennoch, wie er  –  von Jesus zu Katrin, vom Tempolimit zum Ganzen, von »Pharisäern« zum Judenhass  –  alles verschmelzen und aufgehen lässt in einer identitätspolitischen Konstruktion, die ein Stereotyp auftischt, das Stigma wird. Zum Bild des »Pharisäers«, dem gegenüber sich das eigene Porträt in Glanz und Gloria abhebt.

»Eine engagierte Theologin und Kirchenfrau«  –  das ist jetzt mit Göring-Eckardt selbst gesprochen  –  sollte dies durchschauen können und ihr Theologie-Studium einmal zu Ende bringen.

Dieser Beitrag wurde zunächst auf der Seite »Ruhrbarone« veröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung.

Meinung

Danke, Herr Minister!

Johann Wadephul hat sich von Francesca Albanese distanziert und ihren Rücktritt gefordert. Doch jetzt müssen Deutschland und andere Staaten den Druck weiter erhöhen

von Michael Thaidigsmann  13.02.2026

Meinung

Jeffrey Epstein: Ein schlechter Mensch

Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter ist und bleibt ein beliebig formbares Vehikel für jedweden Verschwörungsmythos

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Meinung

Wiesbaden: Wie man dem Antisemitismus und dem Islamismus eine Bühne bietet

Im Haus der Vereine durfte die Jugendgruppe »Salehin« auftreten. Offiziell ging es um eine »kulturelle religiöse Jugendveranstaltung«. Doch tatsächlich wurde dort Propaganda für das Mullah-Regime gemacht

von Daniel Neumann  12.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Kommentar

 »Nie wieder!« ist eine grenzüberschreitende Daueraufgabe

Die Antisemitismus-Konferenz in St. Gallen macht klar: Judenhass macht vor Grenzen nicht halt und muss entsprechend bekämpft werden

von Jonathan Kreutner  11.02.2026

Meinung

Sprachrohr der Hamas, Maulheldin der Vereinten Nationen

Wieder einmal macht Francesca Albanese mit ungeheuerlichen Äußerungen von sich reden. Doch Europas Politiker bleiben seltsam still

von Michael Thaidigsmann  11.02.2026

Kommentar

Wie aus berechtigter Kritik kollektive Abrechnung wurde

Die Diskussion über Gil Ofarim zeigt wieder einmal, wie sehr die Maßstäbe verrutschen, sobald Juden angreifbar erscheinen

von Jonas Schnabel  10.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  09.02.2026 Aktualisiert

Meinung

Francesca Albanese neben Hamas-Funktionär und Mullah-Minister

Die UN-Sonderberichterstatterin teilte sich bei »Al Jazeera« ein Podium mit Repräsentanten einer Terrororganisation und eines Mörderregimes. Wann hat dieses Verhalten endlich Konsequenzen für sie?

von Sacha Stawski  08.02.2026