Rabbiner Andrew Steiman

Epstein und die jüdische Ethik

Rabbiner Andrew Steiman Foto: privat

Rabbiner Andrew Steiman

Epstein und die jüdische Ethik

Nicht erst der Suizid des Milliardärs wirft Fragen auf, wie die Gemeinschaft mit Übeltätern und ihrem Geld umgehen soll

von Rabbiner Andrew Steiman  14.08.2019 16:25 Uhr

Nach dem Fall Harvey Weinstein hätten die USA mit Jeffrey Epstein einen neuen Skandal, »in dem sich nicht nur die Namen ähneln«. So moderierte Caren Miosga in den »Tagesthemen« einen Beitrag zum Suizid des Milliar­därs an. Das erinnert an den Witz, warum die Juden schuld am Untergang der »Titanic« sind: »Goldberg, Eisberg? Alle gleich!« Doch wie beim Untergang des Passagierschiffs gibt es auch bei Epstein und Weinstein nichts zu lachen. Im Gegenteil.

Ja, Amerika hat einen neuen Missbrauchsskandal, und die jüdische Community in Amerika tappt erneut in die Falle, sich dafür verantwortlich zu fühlen. Ja, wir sind füreinander verantwortlich, heißt es im Talmud. Doch darüber hinaus gerät die Diskussion aus den Fugen – mit wirren Beschuldigungen und Verschwörungstheorien.

SCHAM Es gibt ein Rätselraten darüber, warum sich Epstein umbrachte. War es Scham, gar der verzweifelte Versuch einer Umkehr? Selbstmord ist kein Vehikel für Tschuwa, da sind sich alle einig; schonungsloses Offenlegen wäre nötig, aber dem kam Epstein nun zuvor.

Die Diskussion gerät aus den Fugen
– mit wirren Beschuldigungen und Verschwörungstheorien.

Auch über Epsteins Spendentätigkeit wird diskutiert. Gibt es so etwas wie »moralische Geldwäsche«? Die Einsicht, dass die Quelle einer Spende zumindest fragwürdig ist, sei der erste Schritt in Richtung Gerechtigkeit, sagte ein Mitglied des »Committee on Ethics in Jewish Leadership«. Es gibt keine Wohltätigkeit ohne Gerechtigkeit, Zedaka ist eben beides.

SPENDEN Also was tun mit den Spenden von Übeltätern? Wenn sie getätigt wurden, um Tschuwa zu erreichen, sollten sie akzeptiert werden, so wie jede ernst gemeinte Tschuwa auch Akzeptanz verdient. Im Falle von Epstein kann das nun nicht mehr geklärt werden. Die Mischna lehrt, dass wir über unsere Mitmenschen günstig urteilen sollen. Wir wissen nicht, was sie im Herzen haben – sie wissen es selbst oft nicht.

Was bleibt? Vielleicht immerhin die Einsicht, dass ein Committee on Ethics in Jewish Leadership sinnvoll ist, auch hierzulande. Am besten, bevor ein Fall eintritt. Noch besser: um solche Fälle von vornherein zu verhindern. Da sind nicht nur wir Rabbiner gefragt.

Der Autor kommt aus New York und ist Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt.

Glosse

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Tipps und Tricks für Judenhasser

Eine Handreichung

von Daniel Neumann  01.05.2026

Sabine Brandes

Unsicherheitsminister Itamar Ben-Gvir

Dass ein solcher Extremist die innere Sicherheit Israels verantwortet, ist ein Offenbarungseid

 30.04.2026

Ralf Fischer

Kollegah: Judenhass in Reimform

Warum schweigen alle zu dem offenen Antisemitismus von Felix Blume aka Kollegah?

 30.04.2026

Einspruch

Im Dschungel gestolpert?

Maria Ossowski bedauert den Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson

von Maria Ossowski  30.04.2026

Kommentar

Antisemitismus und Israelfeindlichkeit werden die SPD nicht retten

Die Sozialdemokraten sollten sich nicht an Zohran Mamdani oder Pedro Sánchez orientieren, sondern an einer alten Wahrheit von Bill Clinton

von Stefan Laurin  28.04.2026

Essay

Eva Erben: Was es bedeutet, Israeli zu sein

Die tschechische Holocaust-Überlebende kam 1948 mit ihrem Mann Peter nach Israel

 27.04.2026

Gastbeitrag

Anne Frank mit Kufiya: Ein Fall für die Justiz

Der grassierende israelbezogene Antisemitismus stellt die deutsche Justiz vor große Herausforderungen. Das zeigt sich besonders am Umgang mit dem Bild »Anne«, das die Schoa instrumentalisiert

von Susanne Krause-Hinrichs  23.04.2026

Meinung

Die Eurovision gehört der Musik

Abermals wird der Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert. Doch das liefe auf eine Untergrabung des Formats hinaus, das so zum politischen Instrument verkommen würde

von Nicole Dreyfus  22.04.2026

Kommentar

Was hat der Konflikt mit dem Iran Israel gebracht?

Eine ernüchternde Bilanz von Roman Haller

 22.04.2026