Pessach

Seder als Kuriosität

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In Deutschland müssen keine Kathedralen brennen, um sich zu vergewissern, dass wir in einem Land leben, das vom Christentum durchdrungen ist. Hier genügt ein Blick, den man zu Ostern in die deutsche Presse wirft. Selbst der »Spiegel«, nicht eben als kirchliche Postille bekannt, rührt mit kitschig‐blassblauem Heiligenbild zum Osterwochenende alle säkularmüden Sinnsucher, um ihnen gleich im Anschluss zu verkünden, dass es eigentlich auch ohne Gott gehe. Wie beruhigend!

Merkwürdig nur, dass all die theologisierenden Redakteure – von »Spiegel« bis »Frankfurter Allgemeine Zeitung« – noch immer so tun, als befände man sich in traumseligen Zeiten, in denen alle Menschen gläubig waren, und als ob die Presse dem Christentum immer wieder zu Größe verhelfen könnte.

Meistens kommen wir Juden in diesen theologischen Ergüssen nicht vor. Umso irritierender ist da der Artikel von Rainer Hermann in der FAZ vom 20. April, dem Karsamstag, den wir so nicht erwartet hätten. Auf den ersten Blick sind wir gerührt, denn Hermann weist darauf hin, dass Karfreitag in diesem Jahr mit dem jüdischen Pessach zusammenfällt. Und er weiß auch, dass Christen‐ und Judentum gerade zu Ostern aufs Engste verknüpft sind.

KUNSTFIGUR Dass seine Ausführungen nicht ohne theologische Unschärfen auskommen, entschuldigen wir damit, dass er kein Theologe ist und es vielleicht nicht besser wissen kann. Oder wie sollte man es verstehen, wenn er darüber räsoniert, dass Mose, anders als Mohammed und Jesus, eine »Kunstfigur« sei? Als wären die beiden Kollegen, nur weil sie historisch erahnbar sind, keine literarischen Kunstfiguren in den Narrativen der Evangelien und des Koran.

Und dass unsere Tora nicht nur mit Eigentumsdelikten und Mord und Totschlag durchzogen ist, sondern unser strafender und zorniger Gott uns immer wieder mit drastischen Strafen schlägt, weil wir ständig unser Gesetz missachten – auch das haben wir schon lange internalisiert und verbuchen es als die Freiheit der Christenmenschen, dies alles für wahr zu halten.

Man stelle sich vor: Eine jüdische Familie verwandelt sich in eine schlechte Schauspielertruppe, um den Auszug aus Ägypten nachzuspielen.

 

Die sprichwörtliche alttestamentarische Zornesröte steigt uns allerdings dann ins Gesicht, als wir am Ende des Artikels lesen müssen, dass wir Juden in der Sedernacht den Auszug aus Ägypten nachspielen!

Man stelle sich vor: Eine jüdische Familie mitsamt ihren Gästen verwandelt sich in eine schlechte Schauspielertruppe, turnt durchs Wohnzimmer, spielt den Durchzug durchs Schilfmeer oder pinselt gar rotes Getränk (etwa Blut? Traubensaft?) an die eigenen Türpfosten, um alsdann einem unschuldigen Lämmlein die Gurgel zu durchtrennen und abschließend vorm Auszug noch schnell den Nachbarn ihr Silberbesteck abzuluchsen.

SCHMONZES Allen Ernstes behauptet Hermann, dass wir uns »in eine Erzählung zurückversetzen, die Jahrtausende zurückliegt«. Ach, wenn es so wäre! Dann hätten unsere Kinder eine Gaudi und könnten abwechselnd triumphierende Juden oder böse Ägypter spielen und sich gegenseitig ein herrliches Gefecht liefern!

Stattdessen sitzen sie gelangweilt um einen reich gedeckten Tisch und dürfen stundenlang nicht essen, nur weil die Erwachsenen kaum verständliche Disputationen von irgendwelchen Rabbinen vorlesen und ausschweifend darüber diskutieren, was die alten Herren einstmals diskutierten. Nicht einmal unser einziger Held, Mosche, wird erwähnt und in glorreichen Posen dargestellt. Kein Heldenepos. Nirgends. Wir fragen uns, wie Herr Hermann aus unserem feierlich‐langatmigen Sederabend zu diesem Historienschmonzes kommen konnte. Selbst ein flüchtiger Blick in Wikipedia hätte ihn über Text und Aufbau einer Pesach‐Haggada aufklären können!

Wenigstens wurden unsere Mitbrüder und -schwestern aus den französischen Gemeinden nicht für den Brand von Notre‐Dame verantwortlich gemacht, weil man ohnehin ganz vergessen hatte, dass Juden und Jüdinnen in der hellen Zeit der Gotik, die da einzustürzen drohte, für alles Mögliche verantwortlich und von strafendem Pöbel und zornigen Inquisitoren bestenfalls verjagt wurden.

Mögen sich unsere schreibenden Judentumskenner künftig bitte etwas laizistischer positionieren und uns Juden lieber ganz vergessen, als uns in ein Kuriositätenkabinett zu stecken, in das hinein man befremdet auf die merkwürdigen Bräuche eines unmöglichen Volkes schaut und damit einen neuen Antisemitismus anfeuert.

Hanna Liss ist Judaistin in Heidelberg, Bruno Landthaler ist freier Autor in Frankfurt.

 

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