Wären wir Aktivisten von der Jüdischen Studierendenunion (JSUD) nicht gewesen, wäre Hans-Thomas Tillschneider in seiner neuen Rolle als Landtags-Vizepräsident der ranghöchste Teilnehmer des Gedenkens zum rechtsterroristischen Anschlag vom 9. Oktober 2019 gewesen. Es wäre seine erste öffentliche Amtshandlung gewesen. Viel Symbolik. Symbolik, die vor allem die Bedürfnisse der Überlebenden, Angehörigen und Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Halle aus dem Blick gedrängt hätte.
Die AfD wird weiter versuchen, eine ganz gewöhnliche Partei zu sein, wenn es um jüdisches Leben geht. Sie wird noch in diesem Jahr versuchen, die Landesregierung zu stellen. Ein AfD-Innenministerium hätte mit der Landespolizei und dem Verfassungsschutz viel Macht, wenn es um die Sicherheit der Gemeinden und die Überwachung und Verfolgung der Feinde jüdischen Lebens geht. Eine AfD-Staatskanzlei könnte den Beauftragten für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus seiner Zuständigkeit entledigen, »gegen Antisemitismus« zu arbeiten. Das deutete sich bereits bei der Beantwortung der Wahlprüfsteine des Landesverbands der jüdischen Gemeinden an. Kulturelle Aktivitäten mit Israel könnten von der Förderung ausgeschlossen werden. Jüdische Kultur insgesamt könnte beim »Deutsch denken«-Kurs der AfD unter die Räder kommen.
Ein AfD-Bildungsministerium könnte die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Leben, der Schoa und vor allem der historischen Verantwortung vom Lehrplan fegen. Vordenker des Antisemitismus des 20. Jahrhunderts könnten stattdessen in die Lehrpläne einziehen und so die Saat in den Köpfen kommender Generationen setzen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber versuchen kann es die AfD trotzdem.
Erinnern und Gedenken begreifen Leute wie Tillschneider nicht ohne Grund als Angriffsziel, weil sie eben auch gesellschaftliche Tabus zementieren und insbesondere das besondere Verhältnis Deutschlands zur jüdischen Bevölkerung ausmachen. Wenn die Angriffe subtiler werden als am neunten Oktober, müssen wir daher achtsamer werden.
Der Autor ist Mitglied der JSUD und der Jüdischen Gemeinde in Halle.