Sabine Brandes

Die Minister haben ihr wahres Gesicht gezeigt

Sabine Brandes Foto: privat

Sabine Brandes

Die Minister haben ihr wahres Gesicht gezeigt

Das Verhalten ultrarechter Regierungsmitglieder auf der Gaza-Besiedlungskonferenz ist schändlich

von Sabine Brandes  29.01.2024 18:25 Uhr

Seit mehr als zwei Wochen hängen graue Wolken über Israel, regnet es fast ununterbrochen. Das Wetter passt zur düsteren Stimmung im Land. Die Angehörigen der Geiseln schert weder Regen noch Kälte. Tagein, tagaus stehen sie in knöchelhohen Pfützen, während sich in ihren Gesichtern Tränen mit Regentropfen mischen, schreien sich heiser und betteln um das Leben ihrer Liebsten, die in Löchern und Tunneln in Gaza festgehalten werden.

Wieder und wieder beschwören sie die Regierung in Jerusalem, ihre Familienmitglieder nicht zurückzulassen.

Und was tun elf Minister und 15 Abgeordnete der regierenden Koalition? Sie singen und frohlocken auf einer Veranstaltung in Jerusalem, die sich »Konferenz zur Wiederbesiedlung des Gazastreifens« nennt. Während der Krieg tobt, geben sie sich in Karnevalsstimmung, Polonäse inklusive. Ganz vorn dabei die rechtsextremen Mitglieder der Regierung, Finanzminister Bezalel Smotrich und sein Gesinnungsgenosse, der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir.

Während der Konferenz wurden Einzelheiten präsentiert

Doch auch Minister des Likud von Premierminister Benjamin Netanjahu zeigen sich enthusiastisch in Sachen Siedlungen in Gaza. Allen voran Shlomo Karchi, Kommunikationsminister. Der fordert, dass »angeblich unbeteiligte Zivilisten so lange gezwungen werden müssen, bis sie sagen, dass sie auswandern wollen«. Über allem weht das Plakat, dass »nur ein Transfer Frieden bringt«. Damit gemeint ist die Vertreibung von Palästinensern aus Gaza.

Likud-Minister Haim Katz, der das Tourismusressort anführt, meint: »Heute, nach 18 Jahren [nach dem Rückzug aus Gaza], haben wir die Gelegenheit, das Land Israel wieder auszubauen und zu erweitern. Dies ist unsere letzte Chance.«

»Angeblich unbeteiligte Zivilisten müssen so lange gezwungen werden, bis sie sagen, dass sie auswandern wollen.«

kommunikationsminister shlomo karchi

Während der Konferenz werden den Tausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern Einzelheiten über jüdische Siedlungen samt Karten und Abwicklung präsentiert, zusammen mit der Aufforderung an die Entscheidungsträger, anzuerkennen, dass ein Sieg nur durch die jüdische Besiedlung des Gazastreifens errungen werden kann.

Zwar haben andere Mitglieder der Regierung klargemacht, dass es keine jüdische Besiedlung in Gaza geben werde, beispielsweise Verteidigungsminister Yoav Gallant, doch das Bild, das aus Israel um die Welt geht, sind die tanzenden Minister, die einen Transfer von Palästinensern fordern.

Premier Netanjahu lehnt Besiedlung Gazas ab

Zwar lehnte auch Netanjahu, der nicht an der Konferenz teilnahm, ein derartiges Vorhaben mehrfach ab, aber für die Außenwirkung hätte der Premier, wenn gewollt, seine Minister sicher vorab zügeln können. Denn heute wie kaum jemals zuvor braucht Israel die Unterstützung der Welt – von den USA über Europa bis zu den gemäßigten arabischen Staaten.

Dass das, was die Extremisten wollen, zu jeder Zeit falsch ist, steht außer Frage. Ebenso, dass der Transfer-Frieden-Slogan vor Zynismus nur so strotzt. Doch der Zeitpunkt, an dem die Ultrarechten es fordern, macht ihre Scharade umso verabscheuungswürdiger. Während die Soldatinnen und Soldaten Israels in Gaza kämpfen und sterben, die Geiseln in einem andauernden Alptraum gefangen sind, drehen sich die Minister im Taumel ihrer wahnhaften Ideologie und einzig um sich selbst.

Für die Soldaten, die Angehörigen der Geiseln, die Hinterbliebenen der Opfer des Massakers vom 7. Oktober und die mehr als 200.000 Binnenflüchtlinge muss es wie ein Schlag ins Gesicht sein. Denn der Zusammenhalt des israelischen Volkes ist den Teilnehmern der Konferenz offenbar genauso egal wie das Leben der Geiseln in Gaza, die sie durch ihre unheilvollen Pläne noch weiter gefährden.

Immerhin wurde die Maske der scheinheiligen »Einheit« mit dieser Veranstaltung heruntergerissen. Die offiziellen Regierungsvertreter haben klargemacht, was ihnen wirklich wichtig ist und ihr wahres Gesicht gezeigt.

Holocaust

»Unsere Rache an den Nazis ist, dass wir den Staat Israel haben«

Der Schoa-Überlebende Yehuda Widawski ist mit 107 Jahren gestorben. Jahrzehntelang suchte und restaurierte er jüdische Gräber in Polen

von Sabine Brandes  14.09.2026

Reaktionen

»Ritualmordlegende« - »Pflicht, Fragen zu stellen«: Israel streitet über »Naza«

Während Rechte den Film über den Gaza-Krieg als Verleumdung verurteilen, verteidigen Linke das Recht auf Kritik. Armee weist zentrale Vorwürfe zurück

von Sabine Brandes  14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  14.09.2026

Dokumentarfilm

IDF übt scharfe Kritik an »Naza« und weist Vorwurf zum angeblich genehmigten Angriff auf 500 Zivilisten zurück

»Die IDF haben niemals einen Angriff geplant, genehmigt oder durchgeführt, bei dem erwartet wurde, dass 500 Zivilisten oder auch nur annähernd so viele getötet werden«, heißt es von der Armee

 14.09.2026

Offener Brief

Javier Bardem und ich

Ich habe dich als neugierig, warmherzig, offen für den Menschen vor dir kennengelernt. Wenn du über Israel sprichst, erkenne ich dich nicht wieder – und sehe nur noch blindwütigen Hass

von Gabriella Meros  13.09.2026

Meinung

Wie London die Verweigerungshaltung der Palästinenser belohnt

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht, Blockade und Terror aber sehr wohl

von Daniel Neumann  13.09.2026 Aktualisiert

Syrien

Grossi: Von Israel zerstörter Reaktor hätte atomwaffenfähiges Material produzieren können

2007 zerstörte Israel den Atomreaktor Deir ez-Zor. 19 Jahre später bestätigt Atom-Aufseher Rafael Grossi, dass die Anlage atomwaffenfähiges Material hätte produzieren können

 11.09.2026

Rosch Haschana

Israel wächst – doch immer mehr Menschen verlassen das Land

Zum jüdischen Neujahr veröffentlicht das Statistikamt neue Zahlen. Die Geburtenrate ist mehr als doppelt so hoch wie in der OECD

von Sabine Brandes  11.09.2026

Sachsen-Anhalt

Empörung über AfD-Spitzenmann Siegmund wegen Rüstungsaussage 

Siegmund: »Weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensive natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen«

 11.09.2026