Kommentar

Das Unfassbare ertragen

Sie hatte diesen Blick, der alles sagte. Zumindest dachte ich das. Ich schaute das die Aufnahme wieder und wieder an. Heute nochmal. Und immer wieder stelle ich mir dieses Gefühl der Ohnmacht vor, wie es sich anfühlen muss, wenn der beste Freund, der geliebte Mann nicht mehr zurückkommt, wenn der Tod einmal mehr über das Leben siegt. Wessen Triumph ist es?

Sie quittierte ihnen das Geschehene mit Verachtung. Mit der Aufforderung, dass ihre Würde unantastbar sei. Mit Hoffnung. Als wäre sie selbst unverwundbar. Was ging damals durch ihren Kopf, als man der Welt vorgaukelte, ihre Freilassung wäre der Auftakt zur Freilassung aller Geiseln? Alles nur Scharade. Die Welt ließ sich einmal mehr blenden. Wusste sie damals schon, was geschehen wird? Wusste sie, dass auch ihre Welt für immer aus den Fugen geraten wird? War ihre Kraft auch nur vorgetäuscht? Als Zeichen der Stärke.

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Nun ist sie allein. Witwe mit 36. Ist sie nicht viel zu jung dafür? Wie alle anderen, deren Innerstes mit jedem Menschen, der ihnen für immer weggerissen wird, abgestumpft wird. Abgebrannt. Wie verkohlte Asche. Wird diese Wunde je verheilen?

Nun ist sie allein. Wird versuchen, das alles zu verstehen, was es nicht zu verstehen gibt.

Ich hoffe, sie findet auch nur irgendeinen Weg, das Unfassbare zu tragen, damit sie zumindest weiteratmen kann.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

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