Kommentar

Chamenei und die VIP-Lounge im Paradies

Ayatollah Ali Chamenei Foto: picture alliance / Anadolu

Glauben Sie an das Jenseits? Manche Menschen, ach was sage ich, Führer, Lichtgestalten, fleischgewordene Heilige, betrachten den Einzug in den Himmel als ihr verbrieftes Naturrecht. Sie halten sich moralisch schwindelfrei. Frei von Skrupeln. Frei von Schuldgefühlen.

Wozu im Fegefeuer schmoren, wenn man für die VIP-Lounge im Paradies prädestiniert ist? Wer von Assad über Gaddafi bis Sisi sämtliche Autokraten überlebt, erwartet keinen Stehplatz. Eine VIP-Loge versteht sich von selbst. Zumal man ein Leben lang redlich bemüht war, Ungläubige hängen, erschießen oder verschwinden zu lassen. Und Tag für Tag schuften musste, um den jüdischen Staat zu vernichten.

Naturrecht und Realität

Die Hölle, das sind für Despoten immer nur die anderen. Der eigene Einzug ins Paradies gilt als Formsache. Dass die Wirklichkeit propagandistisch zurechtgestutzt wird, gehört zum Ritual. Als Ajatollah Ali Chamenei von den Israelis ins Jenseits befördert wurde, griffen die iranischen Staatsmedien tief in den Farbtopf metaphysischer Überhöhung. Pathetisch verkündeten sie, der Erhabene Führer habe endlich den »süßen Nektar des Martyriums gekostet, nach dem er sich sein Leben lang gesehnt hat«.

Dass ausgerechnet der israelische Erzfeind seine nekrophile Sehnsucht stillte, dürfte ihm bitter aufgestoßen sein. Im Himmel angekommen, bleibt der Erhabene Führer der Erde und dem Regime treu verbunden: »Sein reines Blut ist nun eins mit dem Boden des Widerstands.« Wie diese transzendente Erdung über die Bühne ging, bleibt rätselhaft. Die mystische Verankerung beschäftigt die Gläubigen, doch auf Erden sorgt das dynastische Prinzip für Kontinuität. Sein Sohn jedenfalls wartet ungeduldig. Er soll die VIP-Loge übernehmen und die Blutlinie der Märtyrer fortsetzen.

Von der Katastrophe zum Heldenepos

Wie im Orient üblich, wurde der Schock existenzieller Verwundbarkeit in einen grotesken Triumph verwandelt: »Durch die feigen Hände der zionistischen Kriminellen und des großen Satans wurde ihm die Krone des Märtyrers aufgesetzt.«

Zur Beruhigung der führerlosen Massen hieß es: »Jeder Tropfen seines Blutes wird tausend neue Kämpfer für die Gerechtigkeit hervorbringen.« So wird der Hass über Generationen weitergegeben. Spätestens als die Gläubigen im Dunkeln tappten, erhob die religiöse Verklärung den Obersten Rechtsgelehrten zur »Sonne des Islam«. Unerwähnt blieb, dass dieses Gestirn ausschließlich am schiitischen Himmel kreist. Nun darf Chamenei in der Ewigkeit des Paradieses strahlen, heller als je zuvor.

Wer sich über diese bombastischen Appelle wundert, verkennt das Kalkül. Die existentielle Erschütterung der Theokratie und die militärische Niederlage werden in ein heroisches Narrativ überführt. Traumatische Ereignisse werden semantisch neu formuliert, damit aus Angst Sinn wird und aus Sinnlosigkeit Bedeutsamkeit. Die Heroisierung verpackt brutale Realität, Zerstörung und Niederlage in ein sakrales Heldenepos. Schutz bietet sie keinen, höchstens linguistische Beruhigungspillen für die devoten Profiteure des Regimes.

Hohe Dosis

Die Dosis ist hoch. So hoch, dass die Grenze zwischen religiöser Ekstase und schlichter Realitätsverweigerung im gleißenden Licht der »Märtyrer-Sonne« verdampft. In diesem Licht kann ich mir vorstellen, wie Chamenei an der Pforte zum Himmel steht.

»VIP?«, fragt ein Engel durch den Türspalt. »Gewiss. Ich bin der Erhabene Führer«, sagt er ungeduldig. »Ich habe mein Leben lang für die Reinheit des Glaubens gesorgt. Ungläubige verschwinden lassen. Demonstranten erschießen lassen.«

Der Engel blättert lange in seinem dicken Buch und schüttelt den Kopf.
»Tut mir leid«, sagt er. »Auf diesen Namen haben wir hier keine Reservierung. Aber versuchen Sie es einen Stock tiefer. Dort wartet eine Heerschar von Frauen, Oppositionellen und Schwulen. Alle sehnsüchtig auf Sie.« 

Louis Lewitan ist Psychologe und Coach. Er ist Co-Autor des Buches »Der blinde Fleck«, Heyne-Verlag. 

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